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Verlorener Glanz

Autor und Journalist Uwe Westphal spürt in seinem Buch „Modemetropole Berlin 1836-1939“ über die „Entstehung und Zerstörung der jüdischen Konfektionshäuser“ den Schicksalen jüdischer Modemacher nach.

„Wenn gerade Hochsaison ist, so rollt im Konfektionsviertel unaufhörlich eine Droschke nach der anderen heran. Der ganze Platz ist von den Wagen der Lieferung eingenommen, kaum dass der mitfahrende Meister daneben noch Platz findet...“, hält 1906 der Berliner Stadtchronist Moritz Loeb fest. Zu den Meistern gehörten etwa Valentin Manheimer, Herrmann Gerson, Rudolph Hertzog und David Leib Levin, die sich mit mutigen Kreationen einen Namen machten und an Kunden in aller Welt lieferten.

An diese und andere jüdische Modemacher Berlins erinnern nun drei 2,70 Meter hohe Ankleidespiegel auf dem Hausvogteiplatz. Außer dem Denkmal finden sich in Berlin wenige Spuren von denen, die die Stadt im 19. Jahrhundert zu einem Modezentrum von Weltrang aufsteigen ließen – in einem Atemzug genannt mit Mailand und Paris.

Ab 1836 entwickelte sich rund um den Hausvogteiplatz das Konfektionsviertel, in dem viele Juden lebten und arbeiteten. In den Schneidereien und Modegeschäften fertigten sie Luxuskleidung, aber auch Ware „von der Stange“: erschwinglich für normale Bürger, auf Vorrat produziert und zu festen Preisen verkauft. Mit der Nazi-Herrschaft endete das Erfolgskonzept der jüdischen Modemacher. Sie wurden vertrieben, enteignet oder ermordet.

Uwe Westphal unternimmt in seinem Buch „Modemetropole Berlin 1836-1939. Entstehung und Zerstörung der jüdischen Konfektionshäuser“ eine Zeitreise von der Ansiedlung der jüdischen Konfektionäre über die goldenen Zwanzigerjahre bis zur Vertreibung der Modemacher und der Einführung „arischer Mode“.

Ein Exkurs zur Rolle der Frau zeigt, dass Mode auch ein Spiegel der Zeit ist. Westphal spricht von modischer Emanzipation und einem liberalen Lebensgefühl, das die jüdischen Konfektionäre bedienten. Weg von starren Formen und vor allem: weg mit dem Korsett. Für die Modemacher hieß das: Mut zum Risiko.

Doch wie ging es nach dem Krieg weiter mit der deutschen Mode? Westphal spricht von einem dichten „Schleier, den die Nachkriegs-Modedesigner und Industriellen über ihre eigene Vergangenheit gelegt hatten“. Kaum eine Firma arbeite die Geschichte auf. Das Buch will Licht in dieses Dunkel bringen.