Vom Licht ihres Lebens erfüllt

Foto: Anja Goritzka

Der Brigitte-Irrgang-Freundeskreis hat ein Oratorium für das 1954 getötete Mädchen in Auftrag gegeben. Am 11. August wird es in Loitz uraufgeführt. Der Komponist Nikolaus Schapfl erzählt, wie es dazu kam.

Am 11. August wird in der evangelischen Kirche St. Marien im vorpommerschen Loitz ein außergewöhnliches Oratorium uraufgeführt. Im Mittelpunkt steht ein elfjähriges Mädchen, was seit 1946
in der Kleinstadt lebte und sich 1954 tiefgläubig auf ihre Firmung vorbereitete.

Eines Abends kehrte Brigitte Irrgang jedoch nicht vom Einkauf zurück: Sie wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. Der Brigitte-Irrgang-Freundeskreis bemüht sich um die Erinnerung an das kurze lichterfüllte Leben des Mädchens, das auch in das deutsche Martyrologium aufgenommen wurde. Sie gaben das Brigitte-Oratorium bei Komponist Nikolaus Schapfl in Auftrag.

Herr Schapfl, das Brigitte-Oratorium ist eine Auftragsarbeit. Wie kam diese Zusammenarbeit
zustande?

Ich lernte Brigittes Bruder Peter Irrgang 2000 als Seelsorger in München kennen. Er bat mich 2014, ein Stück über Brigitte zu komponieren.

Wie haben Sie sich den Geschehnissen rund um Brigitte Irrgang genähert?

2003 erfuhr ich durch Peter Irrgang vom Schicksal seiner Schwester. Als ich den Auftrag erhielt, las ich mir intensiv die Bücher „Zum Städtele hinaus“ ihres Vaters Wilhelm und „Um den Preis ihres Lebens“, einen Sammelband verschiedener Zeugnisse, durch. Kern des Stückes ist nicht das Geschehen, was zu ihrem Tode führte, sondern ihre Persönlichkeit, ihr christliches Leben, ihre helle Art. Wichtig war den Initiatoren, dass nichts Dunkles in der Gesamtaussage verbleibt.

Was kann uns ein damals 11-jähriges, ohne Zweifel behütet in einem katholischen Elternhaus aufwachsendes Mädchen heute noch mitgeben?

Ein 11-jähriges Mädchen, von dem wir wissen, dass es die Grundbotschaft Jesu Christi genau erfasst
hatte und dafür „brannte“, auf ihre Freunde und Bekannten wie ein „Sonnenschein“ wirkte und welches
ein so grausames Schicksal erleiden musste, kann auch bei dem Christentum Fernstehenden Nachdenken auslösen.

Etwa: Ist das alles gewesen, ist die menschliche Seele nur zeitlich, hat das alles wirklich keinen Sinn? Das Stück stellt den grausamen Vorgang, aber auch die Vorgeschichte, in der Brigittes Charakter
aufstrahlt, in den Zusammenhang der Heiligen Schrift – das Buch, das unser gesamtes Leben deutet – und legt ihren gesamten Bedeutungsgehalt in die Ereignisse hinein und verdeutlicht den Sinn von den Brigittes Weg. Das rüttelt auf und macht Mut.

Wie weit spielte Ihr eigener Glaube eine Rolle bei der Arbeit am Oratorium?

Ich halte die Heilige Schrift, in der ich jeden Tag seit 25 Jahren lese, für das Wort Gottes, den Weg und das Licht für unser Leben. Mit Musik lässt sich der Inhalt umfassender begreifen und tiefer erleben. In „Brigitte“ kommt zum Beispiel viel Text aus der Offenbarung des Johannes zum Tragen. Mein Inneres Ohr des Glaubens schwingt immer mit wie ein Klangraum. So entsteht die Musik.

Warum ein Oratorium, warum kein Musical oder modernere Musik?

Für modern halte ich meine Musik schon, aber tief in der Tradition verwurzelt. Ich halte sie für vertretbares, musikalisches Handeln, nicht für das einzig mögliche. Ein Musical hätte es auch sein können. Man könnte dieses Thema sicherlich mit schönen Pop-Songs gestalten. Mir gefallen auch im neuen katholischen Gotteslob die „moderneren“ rhythmischen Lieder, die oft einen echten spirituellen Tiefgang
aufweisen.

Allerdings finde ich es schade, dass zum Beispiel das Lied zum heiligen Michael rausgeworfen
wurde. Die „alten“ Lieder sind oft sehr „neu“, einfach aufgrund ihrer Qualität. Ich wollte mich für tiefere Transzendenz offenhalten. Mir geht es um die zeitlosen Gegebenheiten der Musik. Die Beschränkung
auf die Musical-Sprache hätte sehr eingeengt, nur weil man Dinge ausschlösse, die nicht nach Musical
klingen.

Dennoch ist das Oratorium für Jung und Alt geeignet?

Ja, natürlich. Mein vierjähriger Sohn möchte derzeit oft den „Hexentanz“ hören, ein Lied, was im Stück besonders Kinder anspricht. Auch wer überhaupt keinen Bezug zur Chormusik hat, kann erleben, wie schön diese ist. Das liegt aber auch am Chor Permoník aus Tschechien. Der Permoník-Chor ist ein Erlebnis
schlechthin. Zunächst sollte das Oratorium nur von einem Frauenchor gesungen werden, aber ein
gemischter Chor passt besser zu den einzelnen Liedern. Jetzt füllt dieser den gesamten Klangraum. Damit entsteht Lebendigkeit!

Interview: Anja Goritzka

Weitere Termine und Infos: www.brigitte-irrgang.de