Wahrhaftigkeit als Leitschnur

Erich Klausener (zweite Reihe, rechts) bei der Fronleichnamsprozession 1934 in Berlin. Foto: kna

„Als Vorbild für mutiges, vom Glauben motiviertes Engagement ist Erich Klausener heute hochaktuell“, findet Rita Römer-Moch. Die rheinische Juristin setzt sich mit einem Berliner Freundeskreis für die Seligsprechung des einstigen Vorsitzenden der Katholischen Aktion Berlin ein. Nazis brachten ihn 1934 um.

Erst lange nach ihrer Schulzeit im Erich-Klausener-Gymnasium Adenau ist in Rita Römer-Moch das Interesse am Namensgeber ihrer einstigen Schule erwacht. Der war von 1917 bis 1919 Landrat in Adenau und blieb in der strukturschwachen Eifelregion nicht zuletzt durch die Planung des Nürburgrings in bleibender Erinnerung.

Rita Römer-Moch lernte Klausener-Freunde an seinen späteren Wirkungsstätten Recklinghausen und Berlin kennen. In der Hauptstadt schloss sie sich schließlich dem Klausener-Freundeskreis an, der sich für eine Seligsprechung des engagierten Katholiken stark macht. „Je intensiver ich mich mit Erich Klausener beschäftige, umso mehr entdecke ich ihn als Vorbild für uns katholische Laien heute“, sagt die Rechtsanwältin. Beeindruckt ist sie von der Zivilcourage und der Geradlinigkeit, mit der der gebürtige Düsseldorfer aus einer tiefen Verbindung zum Glauben und zur Kirche heraus handelte. „Er war kein Weihrauchschwenker, sondern ein Mann der Tat, der seine Talente für seine christliche Überzeugung zum Einsatz brachte“, betont sie. Zu seinen großen Leistungen in Berlin zählt sie, dass er der bis dahin eher versprengten Schar der Katholiken eine öffentliche Stimme gab. Insbesondere bei den Märkischen Katholikentagen kamen sein Organisationstalent und seine Gabe als mitreißender Redner zum Einsatz.

Sechs Tage nach dem letzten dieser Katholikentage auf der Galopprennbahn Hoppegarten wurde Erich Klausener am 30. Juni 1934 in seinem Dienstzimmer von einem SS-Mann erschossen. Die Vermutung katholischer Zeitgenossen, Anlass für den Mord hätten regimekritische Äußerungen in Klauseners vor über 60 000 Zuhörern gehaltenen spontanen Katholikentags-Schlusswort geboten, lässt sich historisch nicht beweisen. Zeitzeugen berichten, dass er auf Rechte katholischer Arbeitnehmer gepocht und auf die Juden-Verfolgung angespielt habe, allerdings ohne Manuskript und ohne Tonband-Mitschnitt.

Belegt ist hingegen, dass er sich schon vorher verschiedentlich den Unmut nationalsozialistischer Führungskräfte zuzog. Auch seine Versetzung vom Ministerialdirektor und Leiter der Polizeiabteilung im Preußischen Innenministerium auf den Posten des Leiters der Schifffahrtsabteilung im Reichsverkehrsministerium kurz nach der Machtergreifung Hitlers – auf der Karrierleiter nicht gerade ein Sprung nach oben – zeugt von einem gespannten Verhältnis.

Dabei hatte Erich Klausener für einzelne Positionen und Maßnahmen der Nationalsozialisten durchaus Symphatie gezeigt, etwa für ihr Eintreten gegen Pornographie. Auch das Winterhilfswerk und den Eintopf-Samstag befürwortete er.

„Er ist einfach zu früh gestorben“

Inwieweit der ehemalige Leiter der Katholischen Aktion Berlin ein Widerständler gegen den Nationalsozialismus war, ist weiterhin Gegenstand historischer Untersuchungen. In Arbeit ist zurzeit gerade eine wissenschaftliche Biografie. Der Autor, Professor Hermann-Josef Scheidgen, hat wie Rita Römer-Moch das Erich-Klausener-Gymnasium in Adenau besucht. Wer ihn mit prominenten Katholiken im Widerstand vergleichen will, sollte dabei berücksichtigen, dass deren eindeutig oppositionelle Haltung sich durchweg erst zu einem späteren Zeitpunkt verfestigte, gibt Rita Römer-Moch zu bedenken. 1934 waren die meisten von ihnen noch in einem Findungsprozess. Es war für sie noch nicht so klar, dass Hitler sich etwa an die im Reichskonkordat an die katholische Kirche gemachten Zusagen nicht halten würde.

„Klausener starb zu früh“, ist sie überzeugt. Erkennbar sei, dass er die Hoffnung hatte, durch taktische Klugheit Gutes zu erreichen. Über die menschenfeindliche Gesinnung des neuen Regimes und die Gefährlichkeit seiner eigenen kritischen Äußerungen habe er sich aber keine Illusion gemacht, legten Zeitzeugenberichte nahe. Wie jeder, der sich in einem totalitären System zum Wohl der Menschen engagiere, habe er sich auf einem schmalen Grat bewegt. In seiner Büroschublade im Verkehrsministerium habe man einen Zettel gefunden mit der Aufschrift „Sei wahrhaftig in deinem Handeln!“ – „Dass er sich von diesem Wort leiten ließ, lässt sich an vielen seiner Entscheidungen und Äußerungen ablesen“, meint Rita Römer-Mock.

Das Gedenken an Erich Klausener lebendig zu halten, liegt ihr am Herzen. Eine lebendige Erinnerungskultur ist auch Voraussetzung für eine Seligsprechung. Im Zuge eines Seligsprechungsverfahrens wird geprüft, ob es Menschen gibt, die den verstorbenen Christen als Vorbild für ihr eigenes Leben erkennen und mit ihm die Verbindung suchen.

Auch die „Linke“ hält die Erinnerung wach

Der Berliner Freundeskreis, den neben Rita Römer-Moch eine Reihe weiterer Nicht-Berliner unterstützen, bemüht sich seit Jahren darum, die Erinnerung an Erich Klauseners Lebensleistung und an sein Glaubenszeugnis im öffentlichen Bewusstsein wach zu halten. Werner Sygnecki, Bauingenieur aus der St.-Georg-Gemeinde in Hoppegarten, hat zum Beispiel verschiedentlich Berlin-Touren zu einer Reihe von Klausener-Gedenkorten initiiert, darunter Orte wie die Grabstätte in der Unterkirche von Regina Maria Martyrum, mit der die katholische Kirche ihn seit Jahrzehnten als einen Blutzeugen des Glaubens ehrt und andere, in denen eher sein politisches Eintreten gegen den Nationalsozialismus im Vordergrund steht. Für die Benennung des Vorplatzes der Galopprennbahn Hoppegarten in „Dr.-Erich-Klausener-Platz“ aus Anlass des 75. Jahrestags seiner dort gehaltenen Ansprache machte sich etwa maßgeblich die Partei „Die Linke“ stark.

Josef Wieneke, Pfarrer in der St.-Matthias-Gemeinde Berlin-Schöneberg, hat vor kurzem eine Erich-Klausener-Gebetsnovene ausgearbeitet. Bis zu seinem Tod hatte Klausener auf dem Pfarrgebiet von St. Matthias gewohnt. Am vergangenen Sonntag stellte Prälat Helmut Moll, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für das Martyrologium des 20. Jahrhunderts, in der Abendmesse der Matthias-Kirche Erich Klausener als einen „Blutzeugen der NS-Ideologie“ vor.

Pferderennen zu Ehren von Erich Klausener

Erzbischof Heiner Koch und Pfarrer Lutz Nehk, der im Erzbistum für die Förderung von Erinnerungskultur verantwortlich ist, freuen sich, dass der Freundeskreis die Erinnerung an Erich Klausener lebendig hält. Beide stehen auch der Eröffnung eines Seligsprechungsverfahrens grundsätzlich wohlwollend gegenüber.

Auf verschiedenen Ebenen arbeitet der Verein „Freundeskreis Erich Klausener“ mit großem Eifer weiter daran, den couragierten Rheinländer bekannter zu machen. Auf der Galopprennbahn fanden auf Anregung der Freunde schon mehrfach Rennen im Gedenken an Erich Klausener statt. In Arbeit ist eine Internetseite, auf der Forschungsergebnisse und Zeitzeugen-Erinnerungen gebündelt und aktuelle Veranstaltungen oder Initiatven wie eine Unterschriftensammlung für die Seligsprechung angekündigt werden können.

„Wir freuen uns auch über weitere Zeitzeugen-Berichte“, sagt Vereins-Mitglied Monika Hagen. Dass die unmittelbaren Zeitzeugen mittlerweile rar sind, ist ihr natürlich bewusst. „Manche erinnern sich vielleicht, dass ihre Eltern oder Großeltern über Erich Klausener gesprochen haben. Sie denkt dabei auch an die große Zahl der schlesischen Katholiken, die in den zwanziger und dreißiger Jahren nach Berlin kamen und denen Klauseners Engagement geholfen hat, in der Diaspora eine neue Heimat zu finden.

Kontakt Werner Sygnecki: 030/64 19 43 12; w.sygnecki(ät)hsab-berlin.de