Was Glocken erzählen könnten

Tod und Leben, Sturm und Feuer, Gebet und Andacht – von all dem können Glocken mit ihrem Läuten erzählen. Sie helfen dem Menschen, sein Leben und seinen Tag zu strukturieren. Manchmal erzählen sie auch ganz besondere Geschichten, zum Beispiel von Pilgerfahrten in ferne Länder.

Jahrhunderte schon sind sie zu hören, die Glocken der Kirchen. So weit verbreitet waren sie in den europäischen Ländern und so prägend für das Leben der Menschen, dass manchmal auch vom „Glocken-Europa“ die Rede ist. Sie läuteten durch viele Phasen der Geschichte hindurch, erzählen aber auch Geschichte und Geschichten.

Auch die Glocken auf den Kirchen im Land Brandenburg. Nicht immer gut in ihren Einzelheiten zu erkennen, sind auf manchen von ihnen eigentümliche reliefartige Bilder zu finden. So in Gramzow drei gekrönte Häupter; in Barsikow eine Frau, die ihren toten Sohn auf dem Schoß hält, darüber halten zwei Männer ein Gewand; in Manker zwei Männer auf einem Pferd.

Diese Bilder zeugen vom Umherziehen der Brandenburger im Mittelalter. Nicht von Geschäfts- oder Urlaubsreisen, sondern von Pilgerfahrten. „Als Zeichen, dass man tatsächlich dort gewesen ist an diesen Wallfahrtsstätten“, erklärt die Historikerin Cornelia Oefelein, „gab es Pilgerzeichen, die man kaufen konnte, und die gab es in unterschiedlichen Größen und Ausführungen. Die hat man dann an Mantel oder Hut genäht.“ Und ebensolche Pilgerzeichen sind die Reliefbilder auf den Glocken. Sie zeigen Heilige, Reliquien und eine Darstellung Marias, die ihren toten Sohn beweint als Sinnbilder der Orte, die die Pilger aufgesucht haben. Es sind Stationen auf dem Weg nach Santiago de Compostela.

Das Gewand auf der Glocke von Barsikow stellt den „Rock Mariens“ dar, eine besonders kostbare Reliquie, die in Aachen, dem großen Sammelpunkt für Pilger, die aus Nordeuropa nach Santiago de Compostela unterwegs waren, alle sieben Jahre in einer großen Reliquienschau gezeigt wurde. Dann platzte die Stadt aus allen Nähten. Die Kleriker kündigten jede Reliquie, die sie auf einer Galerie am Dom zeigten, vorher an. „Dann ging“, wie Cornelia Oefelein beschreibt, „ein riesiges Geschrei vom Volk aus. Und es gab spezielle Hörner, mit denen man dann getutet hat.“

Ein wenig wie beim Fußballspiel mit Fanfaren, Trillerpfeifen und Vuvuzelas muss es geklungen haben. Und in das Geschrei, Getröte und Getute fielen die Glocken des Doms ein. Mit ihrem Klang im Ohr zogen die Pilger weiter oder zurück in ihre Heimat.

Die Glocken redeten zu den Menschen. Ihr Mittagsgeläut erinnerte an die Menschwerdung Gottes, die Geburt Jesu. Und es sagte: Mach Pause, der Tag ist in der Mitte angekommen. Am Abend galt ihr Läuten der Besinnung auf das Leiden und Sterben von Christus, eine Erinnerung auch an die Vergänglichkeit des Lebens. Zugleich forderte das Läuten: Halt ein, lass den Tag Revue passieren! Beim Morgenläuten zu Tagesbeginn stand die Auferstehung Jesu am Ostermorgen vor dem inneren Auge. Darin schwang die Ermunterung mit, den rechten Weg durch den neuen Tag zu finden, ihn so zur persönlichen Auferstehung zu machen und beherzt ans Tagwerk zu gehen.

Glocken dienten aber nicht nur dazu, den lebensordnenden Rhythmus aus Arbeit, Gebet und Muße zu gestalten – ein Vermächtnis der Mönche an die Welt außerhalb der Klöster – und den Pilgern Geleit auf ihrem Weg zu sein. Sie riefen zu Versammlungen und zeigten die Zeit an. Aber auch, wenn ein Verbrecher einen Ort verlassen musste oder zur Hinrichtung geführt wurde. Sie läuteten bei Hochzeiten und, wenn jemand gestorben war. Sie warnten vor dem herannahenden Feind und wurden bei Brand und Sturm geschlagen.

Und sie sollten Böses und Schaden fernhalten, wie Missernten und Unwetter. Wichtiger noch: Der Glockenklang rief das Gute herbei, vermittelte Geborgenheit und den über der Welt wachenden himmlischen Beistand. Der teilte sich den Menschen seinerzeit auch in den Reliquien mit. Deshalb spendeten die Brandenburger Pilger, nach Hause zurückgekehrt, ihre Pilgerzeichen für den nächsten Glockenguss. Sie hatten mit ihnen die Reliquien am Wallfahrtsort berührt. Die Wirkung der heiligen Gegenstände sollte nun im Klang der Glocken über Land getragen werden.

So erzählt manche Glocke im Land Brandenburg nicht nur vom europaweiten Umherziehen der Pilger aus dieser Gegend, zugleich will ihr Läuten auch den Schutz Gottes verkünden, auch heute noch.