Wer hat ein Herz für Menschen am Rand?

Erst die Wohnung, dann alles andere: Ein Modellprojekt will Obdachlosen in Berlin, die an der Regelversorgung scheitern, bedingungslos zu einem Mietvertrag helfen. Einer der Träger ist der Sozialdienst katholischer Frauen.

Ein bisschen klingt es wie im Märchen: Langzeitobdachlose, die bisher von der Regelversorgung nicht erreicht werden konnten, sollen eine Wohnung bekommen können. Ohne vorher viele Bedingungen erfüllen zu müssen. Und mit einer Erfolgsquote von 80 bis 95 Prozent. „Housing First“ heißt das Konzept, und bedeutet so viel wie „Zuerst eine Wohnung“ – und alles andere später. Die Quote bezieht sich auf Erfahrungen aus den USA und europäischen Städten wie Amsterdam, Glasgow, Kopenhagen oder Lissabon.

Initiative ging von den Sozialdiensten aus

Zwei Projekte stellte jetzt Sozialsenatorin Elke Breitenbach Pressevertretern vor und gibt unumwunden zu: „Die Initiative ging vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) aus, und etwa gleichzeitig meldete sich die ‚Neue Chance‘.“

Beide Träger bekommen jetzt drei Jahre lang Unterstüztung vom Senat für ihre Projekte, in diesem Jahr noch 195 000 Euro, kommendes Jahr 580 000 Euro und 2020 dann entsprechend viel, wobei für das letzte Jahr der Haushalt noch nicht beschlossen ist. Während die „Neue Chance“ in Kooperation mit der Stadtmission ein allgemeines Projekt startet, bietet der SkF Hilfe speziell für Frauen an. „Denn wohnungslose Frauen haben es anders schwer: Sie sind sexuellen Übergriffen ausgesetzt, schämen sich mehr als Männer und halten ihre Wohnungslosigkeit länger geheim“, begründet Bereichsleiterin Elke Ihrlich den besonderen Bedarf.

Zur Ruhe kommen und in ein selbstbestimmtes Leben zurückfinden sollen laut Ihrlich die Frauen im Projekt des SkF. Anders als im Regelfall sollen die Projektteilnehmer bei „Housing First“ nicht erst viele Bedingungen erfüllen müssen, bevor sie eine Wohnung bekommen. Es müsse lediglich gesichert sein, dass die Miete bezahlt werden kann – egal, ob das über eine kleine Rente oder Leistungen von Jobcenter oder Sozialamt nach der AV-Wohnen, einer Ausführungsvorschrift zum Sozialgesetzbuch.

Begleitend gibt es ein Betreuungsangebot

Dabei gilt, dass die üblichen Richtwerte für Bruttokaltmieten um 20 Prozent überschritten werden können, da es sich bei Neuanmietung von Wohnraum durch Wohnungslose um einen Sonderfall nach der AV-Wohnen handelt. „Trotzdem ist die Wohnungsakquise schwierig“, sind sich Elke Ihrlich und Ingo Bullermann von der „Neuen Chance“ einig. „Wir gewährleisten aber ein intensives und hochflexibles Betreuungsangebot“, versichert Bullermann. Bei seinem Projekt wird es neben Sozialarbeitern auch Hauswirtschafterinnen geben, damit die Menschen, die viele Jahre keine Wohnung bewohnt haben, auch in ganz praktischen Bereichen Unterstützung erhalten können. Auch Ihrlich betont: „In den Wohnungen werden wir die Frauen aufsuchen und weitere Begleitung anbieten.“ Ob die Frauen dieses Angebot annähmen, sei aber ihre Entscheidung – auch das ist keine Bedingung dafür, am Projekt teilnehmen zu dürfen. Die Frauen bestimmten selbst über ihre neue Wohnung – auch, ob sie Sozialarbeiterinnen hereinlassen.

Natürlich, gibt sie zu, könne das auch schiefgehen. Erfahrungen aus anderen Ländern aber zeigten, dass 80 bis 95 Prozent der neuen Bewohner ihre Wohnung auch nach zwei Jahren nicht verloren hätten. Um Wohnungen werben will sie auch im kirchlichen Bereich und bei Privaten. „Welcher Vermieter hat ein Herz für die Menschen am Rand?“