Wie bleibt Kirche lebendig?

Der Synodale Weg findet auch in den Gemeinden St. Otto und Herz Jesu in Berlin-Zehlendorf statt. Ein Leserforum im Gemeindebrief war der Auftakt einer gemeinsamen Suche nach zukunftsweisenden Wegen der Kirche.

Den Anstoß gab im vergangenen Frühjahr eine Diskussion im Gemeinderat von St. Otto und Herz Jesu: Zwei engagierte Katholikinnen hatten den Antrag gestellt, die bundesweit veröffentlichten Thesen der Initiative Maria 2.0 auch an den Kirchen im Berliner Südwesten auszuhängen.

Einige Rats-Mitglieder sorgten sich, dass die schlagwortartigen, zugespitzten Thesen zu Themen des Synodalen Weges eher zur Spaltung der Gemeinden führen könnten als eine sachliche Debatte anzustoßen. Mehrheitlich entschied der Gemeinderat schließlich, die Plakate nicht aufhängen zu lassen.
Stattdessen wurden sie im Gemeindebrief „Doppelfenster“ veröffentlicht, ergänzt durch Impulsfragen, die zu einem tieferen Verständnis der Hintergründe und der unterschiedlichen Blickwinkel führen sollten. „Welche Macht soll geteilt werden?“, hieß es da zum Beispiel, anknüpfend an die Forderung nach geteilter Macht, und: „Ist Hierarchie per se schlecht? Was könnte der Grund für diese Forderung sein?“ Verbunden mit den dieserart ergänzten Thesen war ein Aufruf, in Leserbriefen dazu Stellung zu beziehen und auch zu einem in der gleichen Doppelfenster-Ausgabe abgedruckten Gegen-Statement des Diakons Andreas Kopf.

Katholiken aller Generationen folgten dem Aufruf, darunter auch theologisch gebildete Christen und Gemeindemitglieder, die von ihren persönlichen Erfahrungen mit Glaube und Kirche berichteten. Im August erschien ein 60 Seiten starkes Sonder-Doppelfenster voller Statements zur Beteiligung von Frauen an der Kirchenleitung, zur Sexualmoral und zur Lebensform und Rolle der Priester. Die Bandbreite der Haltungen, die dabei zum Ausdruck kamen, entsprach den Erwartungen der Initiatoren, von tiefer Sehnsucht nach möglicher Veränderung bis hin zu Widerstand gegen jegliche Veränderung.

Bereitschaft, die eigene Position zu verändern

Aus vielen Statements sprach der Wunsch, trotz kontroverser Positionen einander wohlwollend zugetan zu bleiben. „Uns geht es nicht darum, gegen etwas zu wirken“, stellten etwa die beiden Frauen klar, die sich für den Thesen-Anschlag stark gemacht hatten, „im Gegenteil wollen wir uns für Glauben, für eine liebende Kirche, für das Leben engagieren.“ Manche ließen erkennen, dass sich ihre eigene Meinung verändert hat, nachdem sie anderen aufmerksam zuhörten. „Sie haben gute Vorarbeit geleistet und uns aufgezeigt, wie wichtig es ist, dass die katholische Kirche dringender Reformen bedarf. Ich muss zugeben, dass mir das alles gar nicht so bewusst war“, schrieb zum Beispiel eine Rentnerin. Ihre Aufgabe sieht sie darin dafür zu beten, „dass die Gespräche in einer Atmosphäre der Liebe, Langmut und Akzeptanz geführt werden.“ Ein pensionierter General gesteht offen ein, dass er trotz reicher Lebenserfahrung in der Einschätzung mancher Fragen unsicher ist.
Nicht immer war die Bereitschaft erkennbar, sich mit anderen Positionen auseinanderzusetzen und die Beweggründe zu verstehen. So heißt es in einem Statement: „Alles was Sie möchten, ist in der evangelischen Kirche umgesetzt. Werden Sie doch evangelisch!“, heißt es in einem Statement. Andere Schreiber werteten Argumentationen, die ihnen widersprechen, als „konfus“ oder als „bereits im Ansatz verfehlt“.Auch an der Kirchentür nach dem Gottesdienst setzte sich der Austausch fort. „Viele waren dankbar für diesen Anstoß zum offenen Gespräch“, sagt die Religionslehrerin Ute Rosenbach, die im Gemeinderat den Ausschuss „Geistliches Leben“ leitet. Beängstigend fand sie einen Mann, der sich schimpfend vor ihr aufbaute und ankündigte: „Bekämpfen werde ich Sie!“

Aus dem Glauben heraus um Fragen ringen

Für sie selbst hat der bisherige Weg manche neue Erkenntnis gebracht, zum Beispiel, dass es sich lohnt, Menschen zuzuhören. „Man meint zu glauben, wie bestimmte Leute denken. Was sie dann tatsächlich sagen, ist oft überraschend anders.“ Erwartet hätte sie, dass sich die Diskussion zwischen Konservativen und Progressiven polarisiert. „Stattdessen verlaufen die Fronten zwischen denen, die Kirche als stetig in Veränderung begriffen verstehen und denen, die meinen, alles war immer, wie es jetzt ist und muss auch so bleiben.“ Sehnsucht nach Veränderungen hätten beileibe nicht nur die jüngeren Katholiken zum Ausdruck gebracht. So hätten sich mehrere ältere Frauen zu Wort gemeldet, die sich bereits seit jungen Jahren als Kirchenmitglieder zweiter Klasse behandelt fühlten.
Das Leserbrief-Forum war ein sehr gut geeignetes Format, um den Austausch innerhalb der Gemeinden in Gang zu bringen, schätzt Ute Rosenbach ein. „Es ist gut, dass man die Statements in Ruhe nachlesen kann. Manchmal entdeckt man erst beim zweiten oder dritten Lesen wesentliche Aspekte“. Die Leserbrief-Schreiber hätten ihre Äußerungen zudem gründlicher durchdacht als dies wahrscheinlich in einem Gespräch oder in einer oft schneller und emotionaler verfassten E-Mail der Fall gewesen wäre.

Dennoch hätten die vergangenen Monate auch bestätigt, das echte Begegnung unersetzlich ist. Mit einer Diskussionsveranstaltung über „Die Rolle der Frau in der katholischen Kirche heute“ ist im November eine Gemeinde-Gesprächsreihe zum Synodalen Weg eröffnet worden, deren Fortsetzung geplant ist. Hauptreferentin beim Auftakt war Professor Claudia Nothelle, die von ihren Erfahrungen beim Synodalen Weg berichtete. „Dass dort aus dem Glauben heraus und mit hoher Kompetenz um viele Fragen sehr intensiv gerungen wird, war für manche Zuhörer ganz neu“, berichtet Ute Rosenbach. Sie wünscht sich eine Fortsetzung aus zwei Gründen: „Uns motivieren solche Begegnungen, Veränderungsbedarf zu erkennen und Ängste vor neuen Wegen abzubauen. Den Synodalen tut es gut zu erleben, dass Kirchenmitglieder Anteil nehmen an ihrem Tun.“

Ute Rosenbach selbst zählt sich zu denen, die Veränderung für ein Wesensmerkmal der Kirche halten. „Vieles, was ich heute in unserer Gemeinde tue, wäre vor hundert Jahren undenkbar gewesen“, ist sie überzeugt. Als Beispiele nennt sie ihren Dienst als Gottesdienstbeauftragte oder die jugendgemäß gestalteten Praise ans Pray-Gottesdienste, die sie mit initiiert hat.