„Wir haben uns entschieden ...“Ein Kirchenasyl-Fall aus Neukölln wird zum Theaterstück „Ultima Ratio“ im Heimathafen

Foto: Verena Eidel

Die Bühnenlichter gehen aus. Dunkelheit im Theater Heimathafen, langes, betroffenes Schweigen der 100 Zuschauer, dann Beifall für das Stück „Ultima Ratio“, ein Kirchenasyl-Fall der jüngsten Vergangenheit, Realität in der Kirchengemeinde St. Christophorus von Neukölln.

Ein Gemeindemitglied hat einen Kirchenasyl-Fall dokumentiert und Nicole Oder hat diesen nun auf die Bühne gebracht. „Durch das Brennglas des Kiezes die ganze Welt betrachtet“, sagt sie.

Eine Rund-Mail der Kirchengemeinde vom 30. April 2014 ist der Start der „Live Graphic Novel“, des durch ständige Zeichnungen als Bühnenhintergrund verstärkten Ein-Personen-Stücks.

Drittstaatenlösung „Dublin III“ ist nicht die Lösung

Aliyah und ihrem Mann Rooble (Namen geändert) wird die Abschiebung angeordnet. Die Klage des Ehepaares aus Somalia wird abgewiesen. Der Grund: Drittstaatenlösung „Dublin III“. Ein Rechtsanwalt sieht alle juristischen Möglichkeiten erschöpft, eine Abschiebung nach Italien sei nicht zu verhindern. Doch Aliyah ist am Ende ihrer Kräfte: posttraumatische Belastungsstörungen, gesundheitliche Probleme auf Grund von Fehlgeburten, Misshandlungen auf der langen Flucht aus Somalia. „Wir haben uns entschieden und nehmen am Donnerstag auf“, diese Worte der Rund-Mail bringen die Wende.

Ein Kreis von 30 Personen aus St. Christophorus stellt sich mit ihrem Pfarrer, dem Pallottinerpater Karl Hermann Lenz gegen die Anordnung der Behörden, gegen die pauschale Abfertigung von Flüchtlingsschicksalen, gegen die Missstände der europäischen Asylpolitik und kämpft dafür, dass die Geschichte von Aliyah erneut angehört wird – mit Erfolg. Das Lied von der Herbergssuche singt Aliyah am Ende des Theaterstücks: Für sie und ihren Mann der Auftakt zu einem glücklichen Ende. Sehr ergreifend!

„So macht Kirche Spaß, Halleluja“ singt eine Backstage-Stimme dazu. Während Aliyah sich am Ende der Handlung ein farbenfrohes Gewand überstreift, erklingt das Taizé-Lied „Adoramus te, Domine“.

Wer dieses Theaterstück gesehen hat, ist immunisiert gegen Sprüche, die an die Bühnenwand geschrieben wurden: „Heimreise statt Einreise“, „Geld für Oma statt für Sinti und Roma“, „Das Boot ist voll“, „Maria statt Scharia“, „Bitte flüchten Sie weiter!“. „Flüchtlinge sind Menschen, die vor Verfolgung und Krieg aus ihren Heimatländern fliehen müssen und bei uns Schutz suchen“, so fasste es ein Besucher zusammen.

Seit 20 Jahren Kirchenasyl in Nord-Neukölln

Die katholische Kirchengemeinde St. Christophorus in Nord-Neukölln bietet seit 20 Jahren flüchtigen Menschen Schutz, wenn bei einer angeordneten Abschiebung Gefahr für Leib und Leben droht. Gemeinsam mit Rechtsanwälten hat die Gemeinde bisher in allen 19 Kirchenasyl-Fällen eine legale Aufenthaltserlaubnis für die geflohenen Menschen erkämpft. „Ultima Ratio“(lateinisch: letzter Lösungsweg, das letzte Mittel oder der letzte Ausweg): eine exemplarische, reale Geschichte – nach Akteneinsicht durch die Behörden dokumentiert.

Die Flüchtlingshilfe wird in Berlin konkret dank der Malteser- Migrationsmedizin, dank der Caritas und dank einer engagierten Kirchengemeinde. „Wie geht man mit Ängsten und Problemen um?“, wird Pastoralreferentin Lissy Eichert bei der Gesprächsrunde nach der Aufführung gefragt. Sie gibt eine sehr persönliche Antwort: „Ich bin froh, dass ich zu Gott schreien kann, ihn reinholen kann in unsere begrenzten Möglichkeiten.“ Und als Tipp für andere Aktive: „Sprecht vernünftig und mit Charme mit Behörden! Interessiert Menschen persönlich für Flüchtlinge, denn die Flüchtlingsfrage wird eine Frage für uns alle sein.“ Eine Besucherin fasste den Abend am Ende passend zusammen: „Jeder kann helfen!“

Weitere Aufführungen: 20., 21., 28. und 29. Mai jeweils um 19.30 Uhr im Heimathafen, Karl-Marx- Straße 141, Berlin-Neukölln.