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„Wir sind da, wenn du gehst“

Sandra Wagner* hat das erlebt, wovor sich viele Familien am meisten fürchten: Ihr Mann und Vater ihres achtjährigen Sohnes ist nach einer Krebserkrankung gestorben. Familien wie der ihren widmet sich der Malteser Familienbegleitdienst.

Das Leben ist zurückgekehrt in die Wohnung von Familie Wagner. Familie, ein Wort, das für Sandra Wagner und ihren Sohn Elias bis vor anderthalb Jahren noch aus drei Personen bestand: Vater, Mutter, Kind. Bis einer gehen musste. Für immer. Weil er unheilbar krank war. „Dass wir da heil herausgekommen sind, ist ein großer Segen“, sagt die 43-Jährige heute. „Das haben wir auch den Maltesern zu verdanken. Das waren wunderbare Menschen, die uns begleitet haben.“

Es klingelt Sturm. Sandra Wagner lächelt, geht in den Flur und öffnet die Wohnungstür. Ihr Sohn kommt gerade aus der Schule, legt seine Tasche auf den Fußboden und dribbelt mit dem Fußball durch die Küche. Nachdem Elias mit einem Teller Broten im Kinderzimmer verschwunden ist, sitzt seine Mutter, eine zierliche Frau mit kurzen, schwarzen Haaren und wachen Augen, wieder am Küchentisch. Wenn sie das Küchenfenster öffnet, kann sie bis zur Samariterkirche im Friedrichshain sehen. Ein Ort, den auch Friedrich, ihr Mann und Vater von Elias, mochte. Für ihn steht eine Kerze auf dem Fensterbrett. Die Flamme leuchtet den ganzen Tag, selbst dann, wenn es draußen hell ist.

Krebs ist eine Diagnose, die sich in der ganzen Familie ausbreitet

Ihr Sohn war erst fünfeinhalb Jahre alt, als die Familie die Nachricht erhielt, dass der Vater des Kleinen an einem Hirntumor erkrankt ist. Krebs, eine Diagnose, die sich nicht nur im Körper eines Kranken, sondern in der ganzen Familie ausbreitet. Denn stirbt jemand plötzlich, ist er von einem auf den anderen Tag nicht mehr da und reißt eine Lücke ins Leben derer, die bleiben. Doch was geschieht, wenn einer, den man liebt, sich langsam auf die letzte Reise macht?

„Der Satz: Die Hoffnung stirbt zuletzt, hat für mich eine ganz andere Bedeutung bekommen“, sagt Sandra Wagner, die ihren Mann gemeinsam mit ihrem Sohn auf seiner Reise begleitet hat. Eine Zeit, die bei ihr anfangs Kräfte weckt - und dann raubt. Eine Zeit, des Hoffens und Abschiednehmens. „Noch auf der Palliativstation ließ sich dieser kleine Funken Hoffnung nicht besiegen“, sagt sie.

Kurz nach der Diagnose kommt Friedrich Wagner für sechs Monate ins Krankenhaus und unterzieht sich einer ersten Chemotherapie. Sandra Wagner erlebt ihren Mann, der vor seiner Erkrankung als Gitarrist und Komponist arbeitete, nicht nur in diesen Wochen „als großen Kämpfer“. Während er viel Zeit auf der Intensivstation verbringt, ist zu Hause sie diejenige, die kämpfen muss – als Mutter, Partnerin und Pflegerin ihres Mannes. „Neben der ständigen Präsenz von Krankheit und Tod, waren es vor allem die notgedrungenen Auseinandersetzungen mit den Behörden, die mich Kraft gekostet haben. Ich war abartig beschäftigt mit Bürokratie“, sagt die Berlinerin.

Denn als ihr von der Therapie körperlich schwer beeinträchtigter Mann aus dem Krankenhaus entlassen wird, geht es darum, den Alltag neu zu organisieren. Sandra Wagner muss eine Pflegestufe und Erwerbsunfähigkeitsrente für ihn beantragen. Sie kümmert sich um ihr Kind, wenn es aus der Schule kommt, sie ringt um Unterstützung beim Amt, um einen persönlichen Betreuer zu bekommen. Und sie geht in einem Café um die Ecke jobben, weil sie in ihrem eigentlichen Beruf als Musikerin kaum mehr Konzerte geben kann. Obwohl Sandra Wagner in Berlin einen großen Freundeskreis besitzt, kommt sie schnell an ihre Grenzen.

„Ich habe mich von den Maltesern total abgeholt gefühlt“

„Es war ein Freund meines Mannes, der meine Not und die Überforderung gesehen hat“, erzählt sie. Er war es auch, der Hilfe organisierte. Übers Internet hatte er vom Familienbegleitdienst der Malteser erfahren, der in Berlin die Kinder und Partner von unheilbar kranken Elternteilen begleitet. Telefonisch vereinbarte er mit Sandra Wagners Einverständnis einen ersten Termin mit Antje Rüger-Hochheim, Leiterin des Malteser Kinderhospiz- und Familienbegleitdienstes, der beim Malteser Hospiz- und Palliativberatungsdienst in Berlin angesiedelt ist. Sie besuchte die Familie in ihrem Zuhause und fragte zunächst: „Was brauchen Sie?“ Für Sandra Wagner ein Schlüsselmoment. Wie machen das andere Familien? Wie erklärt man einem fünfjährigen Kind, dass sein Vater sterben wird? Wie bleibt ein Paar ein Paar und ein Vater ein Vater, wenn plötzlich die Kräfte von Papa schwinden, während das Kind zum starken Jungen heranwächst? Sandra Wagner bekommt ein Gegenüber, mit dem sie diese Fragen besprechen kann, findet Hilfe in der Ohnmacht. „Endlich hatte ich das Gefühl, dass mir keine Institution gegenüber sitzt, sondern ein Mensch, der sagt: ,Ich höre Sie.‘“

Etwa 50 Familien im Jahr begleitet der Malteser Kinderhospiz- und Familienbegleitdienst in Berlin, in denen ein Elternteil oder ein Kind sterbenskrank ist. Die Hilfsorganisation vermittelt auch der Familie eine ehrenamtliche Bezugsperson, die allen Dreien von nun an ein bis zweimal in der Woche zur Seite steht. Katrin Herbst, die ehrenamtliche Begleiterin, ist es auch, die die Familie in der letzten Lebensphase von Friedrich Wagener unterstützt. Sie holt Elias von der Schule ab, geht mit ihm Schlittschuhlaufen und macht mit ihm Ausflüge zum Spielplatz. Sie bleibt beim kranken Vater, wenn Sandra Wagner einkaufen gehen muss. Und sie ist da, damit die Mutter von Elias – oft absorbiert von der Schwere des Alltags – mal ein paar Momente für sich haben kann. „Die Chemie hat gestimmt. Katrin ist ein wunderbarer Mensch. Ich habe mich von den Maltesern total abgeholt gefühlt.“

In der Sterbestunde des Vaters auch Mutter und Kind begleitet

Zwei Jahre nach der ersten Diagnose und nach vielen Chemotherapien hat der Krebs im Körper des 58-Jährigen Oberhand gewonnen. Er muss gehen. In den letzten Stunden begleitet die Ehrenamtliche auf der Palliativstation nicht nur den Familienvater, sondern zugleich Mutter und Kind.

Anderthalb Jahre nach dem Tod ihres Mannes hat Sandra Wagner wieder Momente, in denen sie glücklich ist. Seit einem halben Jahr arbeitet die Musikerin wieder, gibt Konzerte und schreibt Lieder für andere. Elias liebt Fußball und träumt davon, eines Tages ein Spiel seines Lieblingsvereins Borussia Dortmund im Stadion zu sehen. Im letzten Sommer sind Mutter und Sohn ans Meer gefahren. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie ihrem Sohn die Reise versprochen. Leben ist zurückgekehrt in die Familie Wagner, die jetzt aus zwei Menschen besteht. „Wir haben das überstanden und wir sind wieder da“, sagt sie. „Ich hoffe, Friedrich sieht das.“

*Namen von der Redaktion geändert

 

ZUR SACHE - Familienbegleitdienst

Für Kinder, die sterbenskranke Eltern oder Geschwister haben, gibt es in der Hauptstadt nur wenige Projekte, die ihnen helfen. Seit zehn Jahren entlastet der Familienbegleitdienst der Malteser in Berlin erkrankte Eltern mit ihren Partnern und Kindern. Der Malteser Familienbegleitdienst Berlin widmet sich diesen Familien und begleitet sie mit fachlich ausgebildetem Personal und ehrenamtlichen Helfern. Zum Beraterteam gehören nicht nur 25 Ehrenamtliche mit Herz, sondern auch zwei Diplom-Sozialpädagoginnen mit Zusatzausbildungen in den Bereichen Psychoonkologie, Palliativ Care, Systemischer Beratung und Therapie. Der Familienbegleitdienst der Malteser benötigt dringend Spenden. www.malteser-berlin.de/spenden