„Wo bleibt die Gerechtigkeit?“

Europa zieht an seinen Grenzen die Zäune hoch – ist das die endgültige Lösung? Foto: xViktorxTolochkox

Wenn Flüchtlinge die deutsch-polnische Grenze in Brandenburg überschreiten, landen sie oft in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt. Hier bietet der Jesuiten-Flüchtlingsdienst Seelsorge an.

„Wir wollen einfach helfen, wie und wo wir können“, sagt Kerollous Shenouda. Er und Schwester Regina Stallbaumer sind Seelsorger in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im brandenburgischen Eisenhüttenstadt. Sie gehören zum Jesuiten-Flüchtlingsdienst, einem weltweit aktiven Hilfswerk, werden vom Bonifatiuswerk gefördert.

Viele Menschen sind in den letzten Wochen in Eisenhüttenstadt eingetroffen, die meisten von ihnen kamen über die belarussisch- polnische Grenze. Unter ihnen sind vor allem Syrer und Iraker, oft mit kurdischem Hintergrund, aber auch Afghanen und Jemeniten. „Zwischenzeitlich waren hier an die 1300 Menschen untergebracht, jetzt sind es noch rund 700. Viele sind bereits bundesweit an andere Einrichtungen verteilt worden“, sagt Schwester Regina. Sie ist Mitglied in der „Kongregation der Helferinnen“, einer 1856 in Paris gegründeten katholischen Ordensgemeinschaft. Ihr Kompagnon Kerollous Shenouda stammt aus Ägypten, seine Familie sind koptische Christen.

Bei Ankunft vier offene Ohren bieten

Als Seelsorger haben sie in der Unterkunft ein offenes Ohr für die Neuankömmlinge, die in ihrer Heimat und auf dem Weg nach Europa oft Schlimmes erlitten haben. „Für viele ist es eine große Erleichterung, über das sprechen zu können, was sie bewegt und was sie an Belastendem durchgestanden haben und auch weiterhin durchleben“, sagt sie. In manchen Fällen müsse dazu erst erst einmal eine Vertrauensbasis hergestellt werden, ergänzt Kerollous Shenouda. Dies gelte für Männer, besonders aber auch für Frauen, von denen viele im Herkunftsland oder auf dem Fluchtweg zusätzlich Opfer von sexueller Gewalt oder Menschenhandel geworden seien, wie Schwester Regina erzählt.

Die Religionszugehörigkeit spielt keinerlei Rolle, das Seelsorge- Team ist für alle da. Die meisten der Flüchtlinge sind Muslime, doch ein beachtlicher Teil Christen ist auch darunter. Schwester Regina spürt, welche Kraftquelle der Glaube für die meisten Flüchtlinge ist. Für die Christen biete man daher Bibelgespräche an, um neue Impulse zu finden. Wenn sich im Gespräch ein weiterer Hilfebedarf zeigt, vermitteln die Seelsorger an die Zuständigen weiter.

„Lukaschenko spielt mit den Menschenleben“

Gegenwärtig kampieren tausende Flüchtlinge und Migranten an der belarussischen Grenze zu Polen. Die meisten wollen nach Westeuropa, vorzugsweise nach Deutschland, sie rufen „German, German“. Westliche Regierungen werfen dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko „hybride Kriegsführung“ vor. Er lotse die Flüchtlinge gezielt nach Belarus an die EU-Grenze, um sich für die Sanktionen gegen sein autoritäres Regime zu revanchieren. Polen wiederum hat bewaffnete Grenzschützer aufgezogen, will damit eine Überwindung der Stacheldrahtzäune verhindern.

Das wirkliche Geschehen nachzuvollziehen fällt immer schwerer, denn Pressevertreter erhalten keinen Zugang zum Grenzgebiet. Das Gleiche gilt für Hilfsorganisationen, die warme Kleidung, Taschenlampen und Powerbanks gesammelt haben. Nur über Umwege gelangt die Hilfe an ihr Ziel. Beide Regierungen, polnische wie belarussische, bezichtigen sich gegenseitig, vor Ort Menschenrechte zu verletzen. Polens katholische Bischöfe haben zur Solidarität mit den Flüchtlingen aufgerufen.

Wie schätzen die beiden Flüchtlingsseelsorger in Eisenhüttenstadt die gegenwärtige Situation ein? „Ich finde es furchtbar, wie die Hoffnung der Leute auf ein besseres Leben für politische Zwecke missbraucht wird. Offenbar ist Lukaschenko egal, dass auf dem Weg Menschen sterben. Wo bleibt da die Gerechtigkeit?“, fragt sich Kerollous Shenouda. Zudem erzählen die Flüchtlinge vom harten Vorgehen der polnischen Grenzbeamten, einige in Eisenhüttenstadt Eingetroffene haben Blutergüsse. „Menschlich ist der Status quo nicht vertretbar“, meint Schwester Regina. Zwar handele es sich um eine komplexe Gemengelage, in der politisch und diplomatisch Lösungen erarbeitet werden müssten. „Aber diejenigen, die schon dort an der Grenze sind, müssen eine humanitäre Grundversorgung erhalten. Dazu gehört auch die Chance, Asyl zu beantragen – wie auch immer diese Anträge dann im Einzelnen beurteilt werden mögen.“

Erzbistum will Gemeinden unterstützen

In der Gesellschaft, auch in den Gemeinden nahe der deutsch-polnischen Grenze, sind manche verunsichert darüber, was sie in den kommenden Wochen und Monaten erwartet. Man befürchtet ähnliche Zustände wie im Jahr 2015, als die Flüchtlingskrise auf ihrem Höhepunkt angelangt war.

„Die Gemeinden brauchen Informationen“, sagt Michael Haas-Busch, der für die gemeindliche Flüchtlingsarbeit im Erzbistum Berlin zuständig ist. „Deshalb sind wir gerade dabei, ein Dossier, eine Art Ratgeber zu erstellen.“ Damit sollen sich die Gemeinden und Pfarreien einen Überblick verschaffen können: Wie ist die Lage an der belarussisch- polnischen Grenze? Von wie vielen Flüchtlingen ist die Rede? Was passiert mit jenen, die in Deutschland ankommen und erfasst werden?

Doch es soll auch darum gehen, welchen Beitrag die Kirche leisten kann. „Wir wissen, dass die zeitlichen und personellen Ressourcen knapp sind, wollen aber dennoch aufzeigen, welche Hilfestellungen die Gemeinden den Menschen vor Ort anbieten können, ohne sich personell oder finanziell zu übernehmen.“ Es seien manchmal auch die vermeintlich kleinen Dinge, die etwas bewirken könnten, so Michael Haas-Busch.

Für einige Christen bedeutet die Szenerie ein Ringen mit sich selbst. „Es tut mir in der Seele weh, die Kinder dort in den Wäldern frieren zu sehen“, sagt ein Katholik aus Schwedt/Oder. Deutschland allein könne aber nicht alle aufnehmen. „Es heißt ‚Europäische Union‘, und in einer Union handelt man vereint, also muss es auch eine gemeinsame Lösung geben.“ Einerseits dürften die Menschen an der belarussisch-polnischen Grenze nicht einfach ihrem Schicksal überlassen werden, andererseits würde ein Nachgeben Polens und der EU wieder neue Signale in die Krisenländer senden, sich nach Europa zu begeben. „Es kann doch auf Dauer nicht die Lösung sein, dass die jungen Leute alle weggehen, während die Heimat in Trümmern liegt und die Alten und Kranken sich selbst überlassen bleiben“, so der Schwedter.

Großen Einfluss auf die Stimmung in der Gesellschaft haben die Bilder vom belarussisch-polnischen Grenzstreifen. Zu sehen sind Familien mit Kindern, die nachts in den Wäldern frieren, aber auch junge Männer, die gewaltsam gegen die Sperranlagen vorgehen. „Diese Videos machen die Runde in den sozialen Netzwerken und sind damit natürlich Thema bei den Leuten“, weiß Klaudia Wilder-Schipnek, Pastoralreferentin in der Oder-Grenzregion und Mitglied im Präventionsrat in Löcknitz-Penkun (Landkreis Vorpommern-Greifswald). „Die Polizei hat die Lage gut im Griff und uns gegenüber betont, dass die aufgegriffenen Flüchtlinge nicht aggressiv, sondern eher verängstigt und teilweise in einem schlechten körperlichen Zustand sind.“

Spannungen durch Begegnung abbauen

Wie können mögliche Ängste der Einheimischen abgebaut werden? „Wichtig ist, diese Ängste nicht einfach nur beiseite zu wischen, sondern ernstzunehmen“, sagt Schwester Regina. Das Bild mancher sei von den Berichten in den Medien geprägt, in denen aber häufig nur ein Teil der Wirklichkeit nachgezeichnet werde. Dabei sei in Eisenhüttenstadt das ganze Spektrum vertreten, darunter auch zahlreiche „charakterlich feine, begabte und motivierte Menschen“, so die Seelsorgerin. „Begegnung kann viele Vorurteile abbauen“, sagt Kerollous Shenouda. Zumal er festgestellt habe, dass viele falsche Vorstellungen über die Herkunftsländer bestehen: „Eine ältere Person fragte mich mal, ob es in Ägypten eigentlich schon Autos gibt.“