Wohnen im Hause des Herrn

Foto: Walter Wetzler

Nach langen Jahren als Küster der Sankt Hedwigs-Kathedrale geht Piotr Tazbir an Silvester in den Ruhestand. Er erinnert sich an eine Vielfalt von Zelebranten, an gute und halb gehörte Predigten, an eine angekettete Frau und einen musikalischen Hund.

Seinen ersten Arbeitstag in der Sankt Hedwigs-Kathedrale hatte Piotr Tazbir an Silvester 1999, in der „Nacht der Nächte vom 20. zum 21. Jahrhundert“, wie er sich erinnert. Obwohl er als zweiter Küster anfing, hatte er direkt die Verantwortung für die Kathedrale, die an diesem sehnsüchtig und bang erwarteten Jahreswechsel „mit Menschen geflutet“ war. Der damalige Dompropst Otto Riedel harrte mit ihm aus, Punkt Mitternacht läutete Tazbir „von Hand“ die Glocken, „da wusste noch keiner, ob das alles funktionieren würde, aber es ging alles gut“, dass es sehr viel geschneit hat in der Nacht, auch daran kann er sich erinnern.

Er wurde also gewissermaßen ins kalte Wasser geworfen, mit Dienstbeginn begann auch erst das eigentliche Lernen, denn im polnischen Masuren aufgewachsen lernte Piotr Tazbir zunächst Zahntechniker, bevor er Theologie studierte. Er spricht ein warmes und fehlerfreies Deutsch, hat sich aber diesen charmanten polnischen Akzent bewahrt. „Als ich mit meiner Frau als Spätaussiedler nach Gelsenkirchen kam, sprachen im Aussiedlerwohnheim alle polnisch und ich wollte doch Deutsch lernen!“ Seine Hoffnung lag auf dem Briefträger, der ausgerechnet aus Schlesien kam und natürlich auch lieber polnisch sprechen wollte.

Manches Küsterwissen wird mündlich überliefert wie ein Familienrezept

Über das Theologiestudium wusste Piotr Tazbir ungefähr, was ihn erwartete, aber Küster kann man nicht lernen. Es gibt zwar einen vierwöchigen Kurs, in dem man Grundlagen der Arbeit kennenlernt, aber es ist kein Ausbildungsberuf. Ein Küster lernt das wichtigste von einem Vorgänger oder Kollegen, manches ist auch schriftlich fixiert, manches wird aber nur mündlich überliefert wie alte Familienrezepte. Dazu gehören auch Einschätzungen, wie man den einen oder anderen Zelebranten zu behandeln hat, wen man ansprechen kann und wer am liebsten seine Ruhe hat.

Was man vermutlich nicht wirklich lernen kann, ist der eigene Stil. Wie spricht man den Zelebranten an, dass seine Schuhe nicht geputzt sind oder dass die Rasur am Morgen noch Spuren hinterlassen hat? „Immer nur unter vier Augen und mit großem Respekt“, es dürfe niemandem peinlich werden.

Ein großer Mann, der sich auch unsichtbar machen kann

Eine weitere Kunst, die Piotr Tazbir beherrscht: sich trotz seiner Größe unsichtbar zu machen und nicht im Weg zu stehen. Dass man dann über vertrauliche Gespräche nichts weiter erzählt, versteht sich von selbst, Verschwiegenheit gehört zum Anforderungsprofil.

„Eines habe ich vom HERRN erfragt, *dieses erbitte ich: im Haus des HERRN zu wohnen * alle Tage meines Lebens; die Freundlichkeit des HERRN zu schauen * und nachzusinnen in seinem Tempel“ (Ps 27,4); vielleicht hatte Piotr Tazbir Psalm 27 im Ohr, als er sich als Küster der Berliner Sankt Hedwigs-Kathedrale bewarb. Der Wunsch des Psalmisten ging für ihn in Erfüllung, immerhin 22 Jahre „wohnte“ er in der Berliner Sankt Hedwigs-Kathedrale, bzw. in den letzten Jahren in St. Joseph.

Auch wenn er dort kein Bett hatte, trifft es „wohnen“ doch vielleicht gar nicht so schlecht, denn mutmaßlich verbrachte er fast mehr Zeit in der Kirche als zuhause; jedenfalls an den Tagen, an denen er Dienst hatte. Ein solcher Tag begann um 7.00 Uhr am Morgen und endete erst nach der Abendmesse, meist nicht vor 19.00 Uhr. Die Sankt Hedwigs-Kathedrale war tagsüber auch meist für Touristen geöffnet, aber auch für viele, die Stille, Ruhe und Gebet in der Kirche suchten. Idealerweise konnte Frau Tazbir viele Jahre an der Seite ihres Mannes als Kathedralführerin arbeiten. Fünf Jahre lang war Piotr Tazbir mit der Arbeit allein, dann gab es auch keine freien Tage, seit es eine zweite Küsterin gibt, kann man sich wieder abwechseln.

Mit sanfter Strenge die vorgesehene Stille und Ordnung durchsetzen

Dass jemand in der Kathedrale „wohnen“ möchte, dafür hat er Verständnis und urteilt mild, wenn er sich an eine Frau erinnert, die sich mit einer Kette an einem Gitter in der Kathedrale anschloss und den Schlüssel in den Heizungsschacht warf. Sie wollte mit Nachdruck deutlich machen, dass auch sie ihre Wohnung in der Kathedrale sieht. Letztlich gab es aber keine Alternative zum Bolzenschneider. Nicht nur in solchen Situationen sollte es sich als vorteilhaft herausstellen, dass Piotr Tazbir nicht der Kleinste und Schmächtigste ist. Mit Gewalt musste er sich nie durchsetzen, aber es gelang ihm meist mit sanfter Strenge die vorgesehene Ordnung und Stille durchzusetzen.

Er erinnert sich an manche unangenehme Situation, an Menschen, die sich und andere gefährdeten, und definitiv die Kathedrale verlassen mussten, aber gleichzeitig erinnert er sich auch an einen besonders musikalischem Hund, für den er auch eine Ausnahme machte: „Ich habe der Frau erklärt, dass Hunde in der Kathedrale nicht erlaubt sind, aber sie hatte niemand, der auf ihn aufpassen konnte“. Und weil der Hund immer brav in seiner Tasche blieb, niemals bellte und zum Einsatz der Orgel regelmäßig die Ohren spitzte, durfte er bleiben.

Wenn man in die Geschichte der Kirche blickt, wird man den Küster, Mesner, Sakristan oder Kirchwart kaum finden, am ehesten nahe kommt, was das Berufsbild angeht, der Ostiarier – in der frühen Kirche sogar ein niedriger Kleriker – der die Aufgabe hatte, über die Kirche zu wachen und vor allem einen Blick auf die zu haben, die hinein wollen, bzw. wieder aus der Kirche rausgehen sollen, zuständig auch für das Ewige Licht sowie weitere Kerzen und – später dann – für die Glocken.

Zum ersten Mal Weihnachten komplett dienstfrei

Wenn der Gottesdienst ein Film wäre, dann ist der Platz des Küsters hinter der Kamera, er bereitet die Kirche als „Drehort“ vor, er kümmert sich um „Kostüme und Ausstattung“ als um die Pflege der Paramente und der Kirchenwäsche, er ist der ausführende „Produzent“ und wenigstens auch ein wenig „Regie-Assistent“, nur vor der Kamera sieht man ihn fast nie, es sei denn es mangelt an Lektoren, Messdienern oder Gottesdienstbeauftragten.

Worüber Piotr Tazbir nicht so gern spricht, ist seine Perspektive als Theologe. Er bezeichnet es al Privileg viele Predigten gehört zu haben, „aber nicht alle zu Ende“. Was er geschätzt hat ist „eine gute Exegese: auch wenn ich nicht einverstanden war, haben mich solche Predigten zum Nachdenken gebracht“. Vieles, was er in den vergangenen Jahren erfahren und erlebt hat, hat ihn die Kirche selbst durchaus kritischer sehen lassen, „aber mein Glaube, der ist gewachsen“.

An diesem Weihnachtsfest hat Piotr Tazbir zum ersten Mal komplett dienstfrei und freut sich vor allem auf die Enkel, ab Januar kehrt er zurück, allerdings nur mit einer sog. geringfügigen Beschäftigung und nicht mehr am Sonntag.