Zu Bismarcks Zeiten war Kirchbau als Fotoatelier getarntDie Friesacker Initiative „deo iuvante“ hat die Rosenkranzkapelle vor dem Abriss bewahrt

Deo iuvante lässt bitten: Neben verschiedenen Tanzspielen gab es beim 5. Friesacker Weinfest im vergangenen Jahr „Friesacker Rubinchen“ und erstmals auch mit dem „Friesacker Kapellenblick“ einen Weißwein als Hauswein. Foto: Matthias Rehder

Friesack. Sie macht nicht viel her, die kleine Kapelle im havelländischen Friesack. Eher unscheinbar wie die Stadt, die nur 2500 Einwohner zählt, ist sie recht schmucklos und der Zahn der Zeit hat schmerzhaft an ihr genagt. Aber die Katholiken von Friesack verbinden viel mit ihr.

Sie hatten hinnehmen müssen, dass die Kapelle im Zuge der Gemeindereform 2010 als Kirchengebäude aufgegeben wurde. Doch den vom Erzbischöflichen Ordinariat geplanten Abriss wollten sie nicht zulassen. Als sie davon erfuhren, war die Empörung groß. Wie sich Kirchenvorstandsmitglied Stephan Plehn erinnert, sagten sie sich: „Da hängt doch eine Menge Geschichte dran. Alle möglichen Familienereignisse haben dort stattgefunden. Wir müssen uns etwas einfallen lassen und uns wehren, um dieses Zeichen der katholischen Gemeinde zu retten.“

Zu diesem Zweck gründeten sie den Verein deo iuvante, zu Deutsch mit Gottes Hilfe, und kauften am siebten Januar 2014 von der neuen Großgemeinde Nauen, zu der sie seit 2004 gehörten, für einen Euro die Rosenkranzkapelle, um sie zu retten.

Eine der ältesten katholischen Kirchen

Entstanden ist sie als eine der ältesten nach der Reformation im Land Brandenburg errichteten katholischen Kirchen 1878, mitten im so genannten Kulturkampf, den Otto von Bismarck, der Kanzler des jüngst gegründeten deutschen Kaiserreiches, gegen alles Katholische führte. Deshalb baute sie der Friesacker Fotograf und Katholik Alfred Bode offiziell als Fotoatelier – der Bau einer Kirche war vom Staat abgelehnt worden – und stellte sie als Gottesdienstraum zur Verfügung. 70 Menschen fanden darin Platz. Das genügte vorerst für die kleine, 1853 gegründete, Gemeinde, die vornehmlich aus saisonal anwesenden polnischen Landarbeitern, den „Schnittern“, und Zugezogenen aus Westfalen bestand. Von denen kamen nach und nach mehr Familien, so dass die Kapelle zu klein wurde und pro Sonntag zwei Gottesdienste gehalten werden mussten. So war es auch, als nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge in den Ort kamen. Später genügte wieder ein Gottesdienst für die Friesacker Katholiken.

Gewillt, für ein katholisches Leben in Friesack zu sorgen

Mit dem Bau ihrer Kapelle hatten sie bewiesen, dass sie gewillt waren, für katholisches Leben in Friesack zu sorgen. Das taten sie die meiste Zeit aus eigner Kraft, ohne Pfarrer vor Ort. Auf diese Eigenständigkeit gründet sich auch das aktuelle katholische Leben in Friesack mit dem Verein deo iuvante. Sein Vorsitzender Matthias Rehder weiß: „Wenn im 19. Jahrhundert hier nicht Laien gesagt hätten, wir wollen in der finstersten preußischen Diaspora als Katholiken leben und uns in diese Gesellschaft einbringen, dann wäre hier nichts passiert. Sich auf diese Wurzeln zu besinnen, halte ich für ziemlich wichtig.“

Und so ließen sich die Friesacker Katholiken vom Namen ihrer Kapelle anregen, die alte Tradition des Rosenkranzes wiederzubeleben. Seit 2012 treffen sie sich alle zwei Wochen vor der Abendmesse zum Rosenkranzgebet und erweisen so auch dem Patronat ihrer Gemeinde die Ehre. Die Gebetsmeditation hilft ihnen zur Vertiefung ihres Glaubens. Dem dienen auch ein Hauskreis, in dem Bibeltexte und theologische Literatur besprochen werden, und seit 2011, gepaart mit einer guten Portion Geselligkeit, die „Suppensamstage“, zu denen einmal im Monat reihum zwei Achtlitertöpfe Suppe gekocht werden. Wie zum Rosenkranzgebet kommen dann nicht nur Katholiken aus Friesack, sondern auch aus anderen Orten der Großgemeinde Nauen. Denn es ist den Friesackern wichtig, dass die Gemeinschaft auch im Großen wächst. Dafür haben sie 2008 die Himmel-Wall-Fahrt ins Leben gerufen, eine Fußwallfahrt um den Himmelfahrtstag herum, die sich zunehmend größerer Beliebtheit erfreut.

Bei all dem haben sie ihre Kapelle nicht vergessen. Eine seinerzeit geplante größere Kirche wurde wegen der Weltwirtschaftskrise nicht mehr gebaut, nur ein Gemeindehaus entstand 1927, in dem sich seit der Beräumung der Kapelle ein Teil ihres Inventars befindet. Hier wird, das haben sich die Friesacker erstritten, seit 2010 jede Woche die heilige Messe gefeiert. Der Raum, der dafür genutzt wird, fasst nur zwanzig Leute und ist oft zu klein für die Zahl derer, die kommen. Auch deshalb bleibt die Sehnsucht nach der Rosenkranzkapelle bestehen.

Freilich, wie Matthias Rehder scherzhaft sagt, „den Traum, dass da in absehbarer Zeit wieder eine wirkliche katholische Kirche drin ist, dass es wieder ein geweihter Raum wird, den träumen wir nur in sehr, sehr tiefen Schlafphasen.“ Stattdessen ist daran gedacht, das Gebäude sozial und kulturell zu nutzen. Nicht nur vonseiten der Katholiken. Das Heimatmuseum von Friesack hat Interesse geäußert, hier Ausstellungen unterzubringen. Konzerte, Vorträge und manches andere ist denkbar.

Auch als Erinnerungsort an kirchlichen Widerstand wird die Rosenkranzkapelle eine Rolle spielen. Denn Pfarrer Albert Willimsky, der von 1927 bis 1935 in Friesack tätig war und sich für die polnischen Wanderarbeiter eingesetzt hat, war ein erklärter Gegner der Nationalsozialisten. Er starb als einer der ersten Blutzeugen des Bistums Berlin im Februar 1940 im KZ Sachsenhausen. Zu seinem Gedenken wurde auf Initiative von deo iuvante der Weg „Zu den Rhingärten“, an dem die Kapelle steht, am 31. März des vergangenen Jahres in „Pfarrer-Albert- Willimsky-Weg“ umbenannt.

Zunächst stehen erst einmal Modernisierungs- und Rekonstruktionsmaßnahmen an, damit die Kapelle wieder in ihrer alten Form zu sehen ist. Dann könnten die jetzt unter dem zur DDR-Zeit angebrachten Betonputz verborgenen Backsteine wieder zum Vorschein kommen und auf dem Dachfirst wäre wieder der freundliche Dachreiter mit Glocke zu sehen, der die Kapelle einmal geziert hat.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Aber es finden sich immer mehr Mitstreiter. Zur freudigen Überraschung der Friesacker Katholiken haben sich bei deo iuvante auch Verwandte von Alfred Bode, dem gewitzten Fotografen, gemeldet, der den nunmehr 138 Jahre alten Zeugen katholischen Lebens in Brandenburg damals entstehen ließ.

Der nächste „Suppensamstag“ findet am 16. April statt. Er beginnt um 17.15 Uhr mit dem Rosenkranzgebet in der Rosenkranzkapelle, Berliner Allee 9, Friesack. Um 18 Uhr folgt die Mitfeier der Vorabendmesse, danach Suppe essen und singen, anschließend Themenabend.