BZ-Kolumne

Unrecht beim Namen nennen

08. November 2018 Weihbischof Dr. Matthias Heinrich

Der morgige 9. November ist für Berlin ein ganz besonderer Tag: hier fiel die Mauer, die die Stadt getrennt hat, von Berlin aus inszenierte die nationalsozialistische Propaganda die von ihnen zynisch so bezeichnete „Kristallnacht“. Am 9. November kommt die Freude über den Fall der Mauer zusammen mit der Trauer über die Opfer der deutschen Teilung, mit der Trauer und der Scham über Judenverfolgung und –vernichtung, mit der Verantwortung für die Geschichte Deutschlands. In Berlin konzentriert sich dies in besonderer Weise.

Der 9. November beginnt schon heute. Und das ist durchaus angemessen; denn die Zerstörung von jüdischen Geschäften, Schändung von Synagogen und die Verhaftung und Ermordung von Juden in Berlin und im gesamten Deutschen Reich begann auch schon am 8. November 1938. Viele Nicht-Juden haben mitgemacht, sich von antisemitischem Hass anstecken lassen, noch mehr haben weggesehen.
Auch 80 Jahre danach ist das nicht vorbei, deshalb laden die Kirchen Sie alle ein, sich heute um 13.00 Uhr einzureihen bei einem Gedenkweg ERINNERN. GEDENKEN. MITGEHEN, von der Topographie des Terrors zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Die „Kristallnacht“ war ein inszenierter Test aus Goebbels Propagandaministerium präzise vorbereitet: die Nationalsozialisten wollten sehen, wie weit sie gehen können, wer sich ihnen in den Weg stellt. Bis auf wenige Ausnahme verlief dieser Test erschreckend gut und ermutigte die Nazis, ihre Mord- und Vernichtungspläne weiter zu führen.

Wenn wir uns heute daran erinnern, dann in der Verantwortung für das, was damals geschah und in der Hoffnung, dass es Auswirkungen hat auf unser Handeln heute: dass wir Unrecht beim Namen nennen, gegen Hass und Gewalt aufstehen und Verfolgten beistehen. Denn nur wenn wir nicht vergessen, was gestern geschah, haben wir eine Chance es heute künftig besser zu machen.

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