17. Mai 2013, Peter Bettinger

Sehr geehrte Damen und Herren,

diese Woche hatte ich die Gelegenheit an Ihrer Informationsveranstaltung für das Dekanat Berlin-Mitte teilzunehmen. Ausdrücklich möchte ich mich bei Ihnen für die Vorbereitung und Durchführung dieses Abends bedanken.

Zu Beginn der Veranstaltung stand die Ermutigung uns eine biblische Assoziation für diesen neuen Prozess zu bilden und meine Überlegungen dazu möchte ich Ihnen kurz mitteilen.

Das biblisch motivierte Bild, das sich mir nach einer Reihe ähnlicher Anläufe schon fast aufdrängt, ist der alte Wein in einem neuen Schlauch. Dabei wird aus meiner Sicht wieder mal ignoriert, dass der größte Reformbedarf nicht bei den Schläuchen liegt, sondern bei dem Wein selbst. Sowohl die Statistiken über den Kirchenbesuch, als auch die Skandale der letzten Jahre zeigen, dass vieles an dem alten Wein mittlerweile sauer geworden ist. Was wir wirkliche brauchen ist ein mutiger Schritt, um aus den Reben des Evangeliums und unter Einbeziehung des modernen Wissens und Lebens einen neuen Glaubenswein zu keltern. Danach können wir dann wieder über die Schläuche diskutieren.

Bei den sehr engagierten, aber durchaus auch kritischen Diskussionsbeiträgen gerade von hauptamtlicher Seite wurde deutlich, dass für viele Arbeiter im Weinberg ein „weiter so“ keine Perspektive bietet. Eine wirklich Aufbruchsstimmung, wie ich sie z.B. noch im Rahmen der „Gemeindeerneuerung“ Ende der 90’er erleben durfte, ist kaum wahrzunehmen. Dafür wurden in der Vergangenheit dann auch einfach zu viele (vielleicht unberechtigte) Hoffnungen bei diesen Prozessen enttäuscht.

Auf der Haben Seite bleibt der Weinberg des Evangeliums und die Pächter dieses Weinberges sollten nun endlich auch mal ergebnisoffen darüber nachdenken (wenn es geht mit den Arbeitern), wie dieser Weinberg in Zukunft genutzt werden soll. Dabei müssen die Weinstöcke vielleicht auch von den einen oder andern Wildkräutern kirchlicher Normen und frommer Legenden befreit werden.

Sicher keine leichte Aufgabe für die Pächter, aber jeder von Ihnen kann die Initiative für eine wirkliche Neugestaltung des Glaubens und damit dann auch der katholischen Kirche ergreifen. Mit dem Argument, dass ein einzelner nicht die Regeln für den ganzen Weinberg ändern kann, hätte Jesus sein Wirken auch auf gut gemeinte Vorträge in der Synagoge von Nazareth beschränken können.

Die Alternative besteht im Versuch die Verödung des Weinberges weiter hinaus zu zögern. Dafür gilt dann schöne Satz, der vor einigen Jahren ein ganz andere Veränderung auch hier in Berlin einleitete: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“.
Mit freundlichen Grüßen, Peter Bettinger