Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

„Wir müssen mit Gott rechnen“Generalvikar Manfred Kollig im TAG DES HERRN zum Pastoralen Prozess

13. Februar 2018 Interview: Cornelia Klaebe

Generalvikar Pater Manfred Kollig (r.) auf dem Impulstag "Kirchenentwicklung" im Januar. Foto: Herrmann

Seit einem Jahr ist Pater Manfred Kollig nun Generalvikar des Erzbistums Berlin. Im Interview mit dem TAG DES HERRN, das in der aktuellen Ausgabe erschienen ist, spricht er auch über den Pastoralen Prozess "Wo Glauben Raum gewinnt".

Pater Manfred, Sie sind jetzt ein Jahr Generalvikar von Berlin. Wie geht es Ihnen im Erzbistum? Wurden Sie gut aufgenommen?

Mir geht es sehr gut. Ich bin gut aufgenommen worden und fühle mich in dem, was ich kann, angenommen. Ich empfinde es als wohltuend, dass ich Fragen stellen und auch Gewohntes hinterfragen kann.

Mit dem Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ haben Sie eine anspruchsvolle Aufgabe federführend übernommen. Welche Schwierigkeiten sehen Sie?

Wenn der Name, der für den Prozess gewählt wurde, auch seinen Zielen entspricht, dann geht es darum, dem Glauben Raum zu geben. Das heißt beispielsweise, dass Raum – also Zeit und Ort – im Leben der Menschen gewonnen wird. Das bedeutet die Bereitschaft, sich von Gott anrühren zu lassen. Die Schwierigkeiten gibt es immer dort, wo zu viele Katholiken in unserem Erzbistum den Prozess nur als Umstrukturierungsprozess sehen. Da werden die Fragen nach Stellenplan, Immobilien und Finanzen zu den zentralen Fragen.

Aber es sind ja Schwierigkeiten, die da sind.

Ja, aber sie gehören nicht zum Wesen der Kirche. Personalien, Immobilien und Finanzen helfen auf je eigene Weise, den Auftrag zu erfüllen, aber sie ersetzen nicht die Getauften. Zum Wesen der Kirche gehört, dass alle Getauften von Christus gesandt sind zu ihrem Dienst in der Welt, in der sie leben. Dass sie in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft in die Zivil- und Kirchengemeinde hineinwirken. Wir machen uns oft Sorgen um die Kirche, wie ein Mann sich Sorgen macht um seine Haare, wenn er merkt, er bekommt eine Glatze. Das ist schmerzhaft, aber die Haare gehören nicht zum Wesen des Mannes.

Welche Chancen sehen Sie?

Zum einen die, dass wir uns – wie es unser Erzbischof mehrfach gesagt hat – im Rahmen des Prozesses neu die Frage nach Gott stellen. Es geht darum, überzeugend nachvollziehbar zu machen, dass eine Gesellschaft, die mit Gott rechnet, mit den Menschen und mit der gesamten Schöpfung anders umgeht als eine Gesellschaft, die nicht mit Gott rechnet. Wer mit Gott rechnet, sieht bei der Lösung der Probleme nicht nur sich und das, was wir als Menschen können, sondern rechnet auch noch mit dem Wirken Gottes. Wer mit Gott rechnet, ist nicht herrschsüchtig. Eine Chance sehe ich darin, dass wir das als Kirche in der Welt wirklich darstellen. Auf dieses Ziel wollen wir uns immer wieder neu ausrichten. Die zweite Chance sehe ich darin, dass kleine Gruppen gebildet werden, die untereinander beziehungsstark sind.

Nun ist es so, dass gerade in den ländlichen Gebieten wie Brandenburg oder Vorpommern Pfarreien riesig sind und der Pfarrer als Seelsorger sehr weit weg.

Es geht nicht um den Pfarrer. Egal, ob die Pfarrei 2000 oder 5000 Katholiken hat, sie ist immer zu groß um beziehungsstark zu sein. Wir brauchen da ein Umdenken. Wir müssen innerhalb der Pfarreien und Gemeinden Orte kirchlichen Lebens schaffen. Ich stelle mir vor, dass sich Gruppen bilden von einer überschaubaren Größe, wo es dann zwei oder drei Menschen gibt, die sagen: Ich kümmere mich um diese 30 bis 50 Katholiken. Und da wird niemand krank oder arbeitslos und kein großes Fest gefeiert, ohne dass wir signalisieren: Wir sind interessiert. Wir zwingen euch nicht, irgendetwas mit uns zu tun. Aber wann immer ihr wollt, könnt ihr mit uns in Kontakt treten.

Zurück zu Ihrem ersten Jahr als Generalvikar: Sie sind neu in unser Erzbistum gekommen. Was ist Ihnen hier aufgefallen?

Zunächst einmal die Vielfalt, die begründet ist in der Herkunft und Biografie der Menschen. Es ist ein großer Unterschied, ob sie im Ostteil oder im Westteil unseres Bistums aufgewachsen sind. Andere Vielfalt ergibt sich daraus, dass die Hauptamtlichen sehr unterschiedliche Ausbildungsgänge absolviert haben. Andere daraus, dass wir sehr international sind, dass 25 Prozent der Katholiken eine ausländische Staatsbürgerschaft besitzen.

Das zweite, was ich erlebe, ist, dass es in allen Teilen des Bistums sehr engagierte Menschen gibt, auch Menschen, die sich nach dem Fall der Mauer politisch engagiert haben. Die nicht Kirche im Ghetto gebildet haben, sondern hinausgegangen sind. Es gibt sehr viele Engagierte, die heute Dienste ehrenamtlich machen, die vor der Finanzkrise im Erzbistum 2003 bezahlte Dienste waren. Das alles schätze ich sehr hoch. Es gibt aber auf der anderen Seite auch sehr unterschiedliche Kirchenbilder, was es im Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ durchaus schwerer macht. Da gibt es auch zum Teil ein großes Beharrungsvermögen, so dass Menschen sagen: Es soll alles bleiben, wie es ist – so ist es gut.

Was ergibt sich für Sie aus dem, was Sie hier kennengelernt haben? Wie gehen Sie damit um?

Für mich verstärkt sich, dass wir als Christen gerade in dieser Minderheitensituation Gott entdecken in der Realität. Gott wirkt nicht nur in den Getauften, sondern er wirkt durch alle Menschen hindurch. Das zweite ist: Ich lerne, Kirchenentwicklung ist nicht nur eine schmale Gasse, sondern muss eine breite Straße sein. Da muss es unterschiedliche Möglichkeiten geben, Gemeinde zu bilden. Unterschiedliche Vorstellungen von Kirche finden ihren Platz zwischen den Leitplanken, wenn man das Bild der Straße nimmt. Und wir dürfen mutig neue Wege gehen, die im Übrigen ja gerade in der Kirche im Osten gar nicht so neu sind.

Welche meinen Sie?

Im Osten hatte man ja schon lange Erfahrung damit gesammelt, dass es nicht an jedem Sonntag möglich ist, Eucharistie zu feiern, sondern dass es Wort-Gottes- Feiern gab. Der frühere Diözesanadministrator von Erfurt, Bischof Aufderbeck, hat einmal dieses Bild gebracht: Wenn man Starkstromtrassen baut, braucht man auch die richtigen Pfeiler. Diese Pfeiler sind die Treffen der Katholiken am Sonntag. Und wenn es keine Eucharistie ist, ist es eine Wort-Gottes-Feier, in der die Eucharistie ausgeteilt wird. Das ist so etwas wie der Mast, der die Leitungen sicher trägt und dafür sorgt, dass der Strom in der Woche fließen kann.

Kardinal Rainer Maria Woelki hatte ja in seiner Zeit in Berlin diese Wort-Gottes-Feiern mit Kommunionausteilung nicht zugelassen …

Die „katholische Regel“ ist die sonntägliche Eucharistiefeier. Aber da, wo es sinnvoll und notwendig ist, können auch Wort- Gottes-Feiern die von Bischof Aufderbeck beschriebenen „Masten“ sein.

Sie sind ja nicht nur Priester, Sie sind auch Ordensmann, Arnsteiner Pater, und leben in Berlin weitab von Ihrer Gemeinschaft. Wie kommen Sie damit zurecht?

Seit 1974 gehöre ich zu der Ordensgemeinschaft. Konkret gehöre ich jetzt zu der Kommunität in Münster. Da war ich zwischen Weihnachten und Neujahr. Ich nehme am Provinzkapitel teil, ich wirke mit in der internationalen Finanzkommission, ich arbeite mit an der Zeitschrift der Gemeinschaft, dem „Apostel“. Ich habe bisher immer in Gemeinschaft gelebt. Es ist das erste Mal, dass ich allein lebe. Es ist aber auch nicht so außerordentlich, weil in unserer Gemeinschaft immer wieder einzelne Mitbrüder aus pastoralen Gründen allein gelebt haben. Mir geht es damit auch gut.

Zum Schluss ein kleiner Ausblick: Was denken Sie, wie wird Ihr zweites Jahr als Generalvikar aussehen?

Es gibt für mich zwei zentrale Themenfelder: Kirchenentwicklung und Organisationsentwicklung. Die möchte ich im zweiten Jahr im guten Sinne voranbringen. Organisationsentwicklung heißt zum Beispiel für das Ordinariat, den Servicegedanken immer mehr zu verinnerlichen, so wie Pfarreien und kirchliche Einrichtungen eben auch. Ich stelle mir u.a. vor, dass in den nächsten Jahren die Möglichkeit entsteht, sich an eine Person im Ordinariat zu wenden, die das Anliegen intern an die entsprechenden Abteilungen weiterleitet und darauf achtet, dass der Vorgang in der angekündigten Zeit bearbeitet wird.

Zum Thema Kirchenentwicklung: Ich glaube, hier müssen wir verstärkt Themen zusammenführen. Wir müssen Zusammenhänge herstellen, zum Beispiel zwischen Entwicklungen der Gesellschaft und der Kirche. Wenn sich die Nöte verändern, können wir nicht als Kirche so tun, als könne es bei uns wie vor 50 Jahren unverändert weiter gehen. Gott offenbart sich in der Heiligen Schrift und in der Situation der Welt, im Leben eines jeden Menschen.

Ich möchte meine Verantwortung wahrnehmen, auch in diesem zweiten Jahr, maßgeblich daran mitzuwirken, dass unsere Verantwortung sich messen lassen kann an unserem Kernauftrag, Christus in dieser Welt darzustellen. Ihm Hand, Fuß, Verstand, Herz und Stimme zu leihen ist unser Auftrag, damit er sich in dieser Welt ausdrücken kann, damit er in unsere Gesellschaft hinein wirken kann.