Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

„Leitung durch Laien möglich“Diözesanrat: Bernd Streich und Antje Markfort über Entwicklungen den Pastoralen Prozess

15. Februar 2018 Interview: Alfred Herrmann

Bernd Streich und Antje Markfort. Foto: Herrmann

Die neue Ausgabe von „Auf dem Weg“, der Zeitung zum Pastoralen Prozess, ist da! Sie liegt ab nun wieder in den Kirchen des Erzbistums und an zahlreichen Orten kirchlichen Lebens aus. In der Ausgabe: Ein Interview mit dem Vorsitzenden und der stellvertretenden Vorsitzenden des Diözesanrat, Bernd Streich und Antje Markfort, zum Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“, mit dem sich die Vollversammlung in ihrer letzten Sitzung intensiv auseinandersetzte.

Fünf Jahre steht das Erzbistum Berlin im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“. Wo sehen Sie positive Entwicklungen?

Streich: Nach fünf Jahren lohnt, zu prüfen, mit welchen Zielvorstellungen wir gestartet sind. Kardinal Woelki benannte drei wesentliche Punkte: die Orientierung am Evangelium verstärken, eine lebendige Präsenz im Sozialraum verwirklichen und neue Gemeinden und Orte kirchlichen Lebens schaffen. Der gegenwärtige Ist-Stand zeigt mir: die Orientierung am Evangelium bleibt eine Herausforderung, weil es nicht allein um Struktur- oder Organisationsfragen, sondern um unsere Glaubensausrichtung geht. Der Präsenz im Sozialraum, also der Frage „Wo leben wir?“ nachzugehen, ist in wenigen Pastoralen Räumen gut auf dem Weg. Die Frage nach neuen Gemeinden vor Ort ist kaum vorhanden.
Markfort: Aus Sicht des Diözesanrates, in dem Vertreter von Pfarreien und Verbänden zusammenkommen, kann ich feststellen: das Zusammenwirken von diesen beiden Säulen, von Gemeinden und Orten kirchlichen Lebens, ist deutlich intensiver geworden. Das Kirchesein der Verbände, der Dienste und Einrichtungen von Caritas und anderen Sozialverbänden ist wesentlich stärker im Blick. Vor Ort hängt es allerdings sehr von den Akteuren ab, inwieweit dieses Zusammenwirken gelebt wird.

Wo sehen Sie Herausforderungen?

Markfort: Bislang wurde viel auf sich selbst geschaut, auf das, was die Pfarreien machen und ausmachen. Meiner Ansicht nach müssen wir uns noch stärker der Frage stellen: Was ist die Aufgabe der Kirche heute? Wie wollen wir im Kontext der Zeit und des Ortes Kirche sein und das Evangelium leben?
Streich: Es ist nicht unsere Aufgabe, unseren Glaubensschatz nur zu bewahren, sondern freudig und furchtlos an seine Umsetzung in der jeweiligen Zeit zu gehen, sagte Papst Johannes XXIII. bei der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Das hat auch für uns heute Bedeutung: Wie gehen wir nach außen? Wie können wir Evangelium leben? Wo wird in 20 Jahren in dieser Region, in diesem Stadtbezirk, in dieser Ortschaft das Evangelium noch zur Sprache kommen?

„Im Moment dreht sich der Prozess vor allem um Strukturen und Gremien.“

Inwieweit wird der Pastorale Prozess vor Ort als Aufbruch verstanden?

Streich: An vielen Stellen wird er nicht als Aufbruch empfunden. Im Moment wirkt er noch sehr administrativ und dreht sich vor allem um Strukturen und Gremien. Nur an wenigen Stellen zeigen sich Gedanken und Versuche, über den Tellerrand hinauszuschauen und neue Dinge anzustoßen.
Markfort: Aufbrüche gibt es immer dann, wenn eine Neuausrichtung hin zu Menschen geschieht, die wir bislang nicht erreicht haben, zum Beispiel in der Tourismuspastoral in Vorpommern. Die Wahrheit, die wir wahrnehmen, ist doch, dass der größte Teil der Katholiken sonntags nicht in die Kirche kommt. Diese Wahrheit kann wehtun. Sie muss aber trotzdem gesehen werden, und an ihr sollte sich der ganze Prozess ausrichten: wie können wir wieder die Menschen erreichen? Wie können wir eine Sprache finden, die auch von Außenstehenden gehört und auch verstanden wird?

Was muss getan werden, damit der Pastorale Prozess als Aufbruch verstanden wird?

Streich: Bewährtes neu betrachten und schauen, wo bereits Neues passiert. So zum Beispiel vor Weihnachten, als 28.000 Menschen gemeinsam Weihnachtslieder gesungen und die Weihnachtsbotschaft gehört haben und das Vaterunser gesprochen wurde – und das ohne kirchlichen Raum in einem Fußballstadion. Ein eindrückliches Bild für das, was wir in den Gemeinden machen können, um Menschen zu erreichen, die sonst kaum in Kontakt mit Kirche kommen.
Markfort: Es tut uns gut, erst einmal Hörende zu sein. Als ich im Herbst in Indien war, konnte ich sehen, wie sie dort die Vorbereitung zur Erstkommunion an drei Tagen durchführen, während die Ehevorbereitung eine ganze Woche beansprucht. Für mich war das Anlass, zu überlegen: Ist unser großes Engagement in der Erstkommunionvorbereitung, oft über ein Jahr, wirklich das Essentielle, oder müssen wir nicht angesichts der hohen Scheidungsrate und der vielen Herausforderungen, denen sich Eheleute stellen müssen, vermehrt das Gespräch mit Ehepaaren suchen? Sollten wir also nicht erstmal von der Welt lernen?

Inwieweit müssen sich die Gemeinden der Welt mehr öffnen?

Markfort: Es geht bei diesem Prozess nicht darum, sich einen Kuschelraum einzurichten, in dem wir uns selber finden und austauschen, sondern darum, die Liebe des Vaters nach außen zu tragen, zu den Menschen, die sich nicht in diesem Schmuseraum befinden. Dazu braucht es die stärkere Reflexion des Evangeliums und die Suche, was Sinn und Zweck des Gemeindeseins ist.  
Streich: Wir stehen als Christen nicht neben der Welt. Wir sind Teil der Gesellschaft und zugleich ein Stück Sauerteig in ihr. Unsere Aufgabe ist es, in der Gesellschaft und ihren Strukturen aktiv zu sein, in Berlin in den Bezirken, auf dem Land in den Ortschaften und Landkreisen. Sind wir dort durch Präsenz und Teilhabe mit dabei und legen Zeugnis vom Evangelium ab?

„Wir müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen.“

Ein Grund für den Pastoralen Prozess war die zurückgehende Zahl an Priestern und Hauptamtlichen in der Pastoral. Was bedeutet das heute?

Streich: Zunächst einmal sollten wir uns fragen: Was will uns Gott damit sagen? Das gilt es im Licht des Evangeliums zu reflektieren und daraus Konsequenzen für unser Handeln zu ziehen.
Markfort: Wir sollten Gesprächsprozesse in Gang bringen und gemeinsam überlegen, was es für die Kirche, die Gemeinden und die Menschen bedeutet, wenn wir nicht mehr genug Priester, nicht mehr genug hauptamtliche pastorale Laienmitarbeiter haben. Wie kann dann Gemeindeleitung aussehen? Wie kann es anders gehen? Wir müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen und gemeinsam Leitung mit Leben erfüllen.

Wie können Ehrenamtliche Leitung übernehmen?

Markfort: Hauptamtliche pastorale Mitarbeiter haben ein sehr starkes, für mich oft falsch verstandenes Verantwortungsgefühl für die Gemeinde, aus dem sie den ehrenamtlichen Laien die Befähigung absprechen, Leitung zu übernehmen. Es gilt daher, das Leitungsverständnis der Hauptamtlichen zu betrachten. Denn aus dem Gedanken des gemeinsamen Priestertums aller Getauften folgt die gemeinsame Fähigkeit, Kirche zu sein und in diesem Sinne auch Leitung, auszuüben. Leitung ist dabei zu differenzieren und aufgabenbezogen zu betrachten. Sie kann zum Beispiel Leitung der Sakramentenvorbereitung, Leitung von Trauergesprächen, Leitung von Gemeindegruppen bedeuten.
Streich: Bisher waren in unserer Erfahrungswelt Pfarrei und Gemeinde identisch. Das ist in Zukunft anders. Für eine Pfarrei haben wir die kirchenrechtliche Vorgabe, dass sie durch einen Priester geleitet wird – wobei wir weltkirchlich auch wissen, dass es auch Teamlösungen gibt. Aber bei der Gemeinde – in der neuen Struktur – ist es anders. Da ist Leitung durch Laien, durch Frauen und Männer möglich.

Gibt es dafür bereits Erfahrungsbereiche?

Streich: Wir haben in unserem Erzbistum in der Liturgie jahrzehntelange Erfahrung, dass nichtgeweihte Frauen und Männer Wortgottesfeiern mit Eucharistieausteilung geleitet haben. Das sollten wir durchaus wieder aufgreifen und weiterentwickeln.

„Für wen sind wir eigentlich da?“

Wie gelingt die Beteiligung von Ehrenamtlichen am Pastoralen Prozess?

Streich: Wenn ich einerseits von der Gesamtzahl der Gläubigen ausgehe, die jeden Sonntag zur Messe geht, ist die Zahl derjenigen, die sich aktiv am Pastoralen Prozess beteiligen, relativ gering. Andererseits gibt es sehr engagierte Katholikinnen und Katholiken, die den Prozess vor Ort tragen. So gesehen möchte ich nicht von Zahlen sprechen. Es gibt engagierte Menschen wie auch solche, die sagen: „Lasst uns damit in Ruhe“.
Markfort: Es bringen sich vor allem die Gremienmitglieder ein. In Pastoralen Räumen mit vier, fünf Pfarreien sind das zwar viele Menschen. Aber im Vergleich zu allen katholischen Christen eines Pastoralen Raum und erst recht im Vergleich mit allen Menschen, die innerhalb eines Pastoralen Raums leben, ist die Zahl verschwindend gering.

Wie lässt sich die Beteiligung vergrößern?

Markfort: Die eigentliche Beteiligung geschieht über die Sozialraumanalyse. Dabei gilt es, nicht nur Gemeindemitglieder zu fragen, was sie wollen, sondern auch die Menschen auf der Straße: was erwarten die Kreuzberger, Greifswalder, Rathenower von katholischer Kirche? Eigentlich ist es ja die Botschaft des Evangeliums, hinauszugehen und zu hören: „Was willst Du, dass ich für Dich tun kann?“ Es gilt, im Licht des Evangeliums zu fragen, für wen wir eigentlich da sind. Nur für die Katholiken, die jeden Sonntag in die Kirche kommen? Oder auch für die, die arm sind, die am Rande der Gesellschaft stehen, die uns brauchen, die unter uns leben?

Welche Chancen sehen Sie in der neuen Pfarrei?

Markfort: Das Positive am Pastoralen Prozess ist, dass diesmal keine Fusion mit gleichzeitiger Zentralisierung stattfindet, sondern die Möglichkeit besteht, Fusion mit Öffnung und Stärkung der Gemeinden vor Ort zu gestalten. So zeigt sich in der neuen Pfarrei St. Franziskus, dem ehemaligen Pastoralen Raum Reinickendorf-Nord, ein Rückaufbrechen der alten Fusion von 2004. Manche wollen das, andere nicht. Wichtig ist, dass das Leben vor Ort in den Gemeinden stattfindet, rund um den Kirchturm, dort, wo sich zwei oder drei im Namen Jesu Christi zusammen finden. Die neue Pfarrei im Ganzen bleibt für mich bislang nur ein Strukturgebilde.

Die künftige Pfarrei hat für Sie gar keinen Vorteil?

Markfort: Ihr Vorteil ist, dass man über eine weitere Ebene verfügt, die gestaltet werden kann. Die Erfahrungen aus Reinickendorf-Nord zeigen jedoch, dass der Umgang mit dieser übergeordneten Ebene noch sehr neu ist, so dass wir da noch dran arbeiten müssen: was ist Aufgabe der Pfarrei und was ist Aufgabe der Gemeinde.
Streich: Die Frage nach Pfarrei und Gemeinde, berührt die nach der Identität. Die Menschen identifizieren sich mit der Kirche vor Ort und nicht mit der Großpfarrei. Identitäten können zwar wachsen, so dass auch eine Großpfarrei eine eigene Identität entwickeln kann. Aber das kommt nicht automatisch. So gesehen ist die Großpfarrei erst einmal ein Gebilde, das unterschiedliche Menschen und unterschiedliche soziale Räume zusammenführt.

„Wir haben ein eigenes Impulspapier veröffentlicht.“

Wo sehen Sie in nächster Zeit Aufgaben für den Diözesanrat im Rahmen des Prozesses?

Streich: Zentral für uns ist die Frage nach den Gremien in den künftigen neuen Pfarreien. Der Diözesanrat erarbeitet in 2018 entsprechende Satzungen. Eventuell müssen diese dann bis zum endgültigen Abschluss des Pastoralen Prozesses noch einmal angepasst werden, um alle Besonderheiten des Erzbistums im Blick zu haben. Auch wir befinden uns in einem Prozess. Der Diözesanrat hat sich bisher schon in diesem Prozess für Inhalte eingesetzt, insbesondere dafür, dass die Ökumene auf allen Ebenen strukturell, personell und inhaltlich Beachtung findet.
Markfort: In der letzten Vollversammlung haben wir uns mit den im Herbst veröffentlichten Leitgedanken des Erzbistums intensiv auseinandergesetzt und uns gefragt: Was heißt für uns konkret Communio? Welche Form von Gemeinschaft ist uns wichtig? Was bedeutet das aus dem Blick der Gemeinden und Verbände? Wir haben vor Kurzem die Ergebnisse über das Verständnis von Sendung, Communio, Leitung, Teamgedanke, Teilhabe in einem eigenen Impulspapier veröffentlicht.

Wie hat die Vollversammlung das Thema diskutiert?

Markfort: Wir waren uns nicht sicher, den Pastoralen Prozess in dieser Ausführlichkeit zu thematisieren, da die Mitglieder der Vollversammlung in ihren Gemeinden schon genug damit beschäftigt sind. Aber: Viele fanden es gut, weil sie zu den Auswirkungen des Prozesses auf Leitungsverständnis, Teamarbeit, Sendungsauftrag kaum Austauschmöglichkeit vor Ort haben. Dort wird vor allem überlegt, wie Gemeinden zusammenarbeiten, was organisatorisch vereinfacht werden kann, wo sich Synergieeffekte ergeben. Das zeigt: Wir denken den Pastoralen Prozess immer noch zu stark als Strukturprozess.

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