Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Auf der Suche nach einem biblischen LeitmotivKlausurtag des Pastoralausschusses im Pastoralen Raum Königs Wusterhausen-Eichwalde

19. Februar 2018 Alfred Herrmann

Wie findet ein Pastoraler Raum ein biblisches Leitmotiv? Foto: Herrmann

Im Pastoralen Raum Königs Wusterhausen-Eichwalde nahm sich der Pastoralausschuss dafür einen Klausurtag. Foto: Herrmann

Offen begaben sich die Mitglieder, hier Markus Schade (l.) und Norbert Schmidt, mit Prälat Dybowski auf den Weg. Foto: Herrmann

Als „Eckstein im Bau des Pastoralkonzeptes“ bezeichnet Pfarrer Alfredo Nava Mediavilla (l.) das biblische Leitmotiv. Foto: Herrmann

Prälat Stefan Dybowski griff immer wieder zum Akkordeon. Foto: Herrmann

„Ein neuer Tag beginnt“ – fröhlich stimmt Prälat Stefan Dybowski mit seinem Akkordeon in den Klausurtag ein. Im Pfarrsaal von St. Elisabeth hat sich am letzten Samstag im Januar der Pastoralausschuss versammelt, um sich auf die Suche nach einem biblischen Leitmotiv zu machen. Es soll das Pastoralkonzept prägen, mit dem der Pastorale Raum Königs Wusterhausen-Eichwalde in die Zukunft gehen möchte.

Die beiden Pfarreien St. Elisabeth in Königs Wusterhausen und St. Antonius in Eichwalde bilden seit Oktober 2016 einen gemeinsamen Pastoralen Raum. Im Verlauf des zweiten Jahres der Entwicklungsphase soll nun das Pastoralkonzept erstellt werden. Als „Eckstein im Bau des Pastoralkonzeptes“ bezeichnet der Leiter der Entwicklungsphase, Pfarrer Alfredo Nava Mediavilla, das gesuchte biblische Leitmotiv – ein Wort aus dem Evangelium, „das uns erleuchtet, welche Vorstellungen wir als Großpfarrei für die Zukunft haben“.

Bereits in den vergangenen Wochen habe man sich in den fünf Arbeitsgruppen des Pastoralausschusses mit der Leitwortsuche auseinandergesetzt, berichtet der Pfarrer, „aber so richtig weitergekommen sind wir nicht“. „Die Arbeitsgruppen stehen momentan still“, berichtet auch Norbert Schmidt, Leiter des Finanzausschusses, „sie brauchen einen Leitfaden, wie sie mit Blick auf das Pastoralkonzept weitermachen sollen.“ Schließlich müsse jetzt die Frage geklärt werden: „Was bleibt separat, was machen wir gemeinsam?“, denkt er an die Struktur der künftigen Pfarrei.

Sylvia Kroll vom Kirchenvorstand Eichwalde hat dagegen Sorge, auf dem Weg des Pastoralen Prozesses die Menschen zu verlieren. Sie sieht Ängste vor einer alles zentralisierenden Fusion und damit vor dem Verlust von Gemeinde als Heimat. „Wir sollten deshalb das eine tun und das andere nicht lassen, also aufeinander zugehen und gleichzeitig das Eigene nicht aus dem Blick verlieren“, orientiert sie sich an den Gegebenheiten. Markus Schade von St. Antonius hat Respekt vor der Aufgabe, eine geistliche Vision für die neue Pfarrei zu formulieren, die auch im Alltagsleben der Gemeinden trägt. „Wie kommt das Geistliche mit den Fragen des Alltags zusammen?“, zeigt er sich wie die anderen ebenfalls ein wenig ratlos. Daher entschloss sich der Pastoralausschuss, die Geistliche-Prozess-Begleitung der Stabsstelle „Wo Glauben Raum gewinnt“ hinzuzuholen.

Vier zentrale Aspekte

„Wie verwenden wir die Heilige Schrift?“, fragt Prälat Dybowski, nachdem das Lied verklungen ist, und gibt sogleich eine Antwort: „Am Beginn einer Sitzung vielleicht, wenn es um ein geistliches Wort geht, da nehmen wir gerne etwas aus der Bibel.“ Mit Blick auf ein zu entwickelndes Pastoralkonzept gehe es allerdings nicht um etwas Erbauliches, unterstreicht er, sondern um die Frage: „Was möchten wir mit so einem Leitwort aus der Heiligen Schrift machen? Was leitet sich daraus für unser Leben in unserem Pastoralen Raum ab?“ Für Prälat Dybowski ist diese Frage zentral, soll das Pastoralkonzept künftig dem Leben der neuen Pfarrei wirklich dienen: „Was ist wichtig, wenn wir Mensch mit Gott in Berührung bringen wollen? Kann das in einem biblischen Leitwort zum Ausdruck kommen?“

Der Geistliche ist nicht nach Königs Wusterhausen gekommen, um den Teilnehmenden ihr biblisches Leitmotiv zu bringen, noch es ganz konkret mit ihnen zu entwickeln. Er gibt vielmehr den Mitgliedern des Pastoralausschusses entscheidende Impulse und Methoden an die Hand, um selbst aktiv zu werden. Vier zentrale Aspekte, die in einem biblischen Leitmotiv zum Ausdruck kommen sollen, rückt er in den Mittelpunkt. Sie strukturieren den Klausurtag: die Identität – „Wer sind wir eigentlich?“ – und das gewünschte Kirchenbild – „Wie soll Kirche hier vor Ort in fünf oder zehn Jahren aussehen?“ –, die Perspektiven für die Menschen – „Welche Hoffnung haben wir anzubieten?“ – und die Communio – „In welchen Beziehungen stehen wir?“.

„Wer sind wir eigentlich?“

Um der Identität und Eigenwahrnehmung auf den Grund zu gehen, lädt Prälat Dybowski in den Nachbarraum zum Bibelwandern. Blätter mit einzelnen Versen liegen im Kreis aus. Es ist der Text über die Berufung der Jünger Philippus und Natanaël aus dem Johannesevangelium (Joh 1,43-51). Langsam und in Stille umwandern die Teilnehmenden den großen Tisch, beugen sich immer wieder über die einzelnen Blätter und bleiben schließlich bei einem der Verse stehen, der ihnen etwas zu ihrer eigenen gemeindlichen Identität sagt.

Gemeindereferentin Ute Hinzen zum Beispiel steht vor dem Vers: „Natanaël fragte Jesus: ,Woher kennst du mich?‘ Er antwortete ihm: ,Schon bevor dich Philippus rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen‘.“ „Jesus nimmt Natanaël bereits frühzeitig unter dem Feigenbaum wahr“, erklärt Hinzen ihre Wahl im anschließenden Austausch: „Dieses Aufmerksamsein, dieses Spüren: ,Wer ist eigentlich da?‘, das sollte Teil des Selbstverständnisses einer Gemeinde sein.“ Albrecht Gnauck hat vor demselben Vers innegehalten. Der Pfarrgemeinderat von St. Elisabeth sieht Natanaël als Menschen, der in seinem alltäglichen Umfeld von Jesus berührt wird: „Der Feigenbaum, das scheint Natanaëls Arbeitsplatz zu sein. Und genau hier spricht Jesus ihn an.“

Prälat Dybowski lenkt den Blick auf Philippus. Er verweist darauf, wie Philippus Natanaël von Jesus erzählt und wie er ihn vorbehaltlos einlädt, mit ihm zu Jesus zu gehen, um selbst zu entscheiden: „,Komm und sieh!‘, dieser einladende Charakter, diese berühmte offene Tür: ,Komm doch einfach und erleb‘ selbst, was ich mit Jesus erlebt habe‘ – ist das nicht auch eine Perspektive für ein Pastoralkonzept? Einladende Kirche zu sein?“ Dybowski zeigt an diesem Beispiel sehr anschaulich, wie in der Auseinandersetzung mit dem Evangelium – diesmal durch die Brille der Suche nach der eigenen Gemeindeidentität – ein biblisches Leitmotiv gefunden werden kann, das in die Zukunft trägt, das sich auf den Inhalt eines Pastoralkonzepts und auf das künftige Profil einer neuen Pfarrei auswirkt.

„Wie sieht Kirche hier in fünf oder zehn Jahren aus?“

Mit seinem Akkordeon und dem Lied „Freunde, wir fangen an: Kommt lasst uns bauen die Stadt auf der Höh“ stimmt Prälat Dybowski auf den zweiten Punkt des Tages ein: das Kirchenbild, das nach außen strahlt, die Vision, wie künftig Kirche in Königs Wusterhausen-Eichwalde sein soll. Am Anfang stellt er die Frage nach dem Gottesbild. „Wenn wir Menschen mit Gott in Berührung bringen wollen, müssen wir uns zunächst selbst fragen: Wer ist dieser Gott für mich?“ Im Evangelium treffe der Leser auf ganz verschiedene Gottesbilder: einen menschlichen Gott, der auf dem Boot im Sturm schläft, der hungrig und durstig ist, einen zornigen Gott, der die Händler aus dem Tempel treibt, einen heilenden Gott, der dem blinden Bettler Bartimäus das Augenlicht wieder schenkt.

Prälat Dybowski verteilt ein Bild von Sieger Köder zu dieser Bibelstelle aus dem Markusevangelium (10,46-52). Er lädt zur Betrachtung ein: „Welches Menschenbild wird in dieser Erzählung geschildert? Welches Bild von Gott wird hier gemalt?“ „Bartimäus ist ausgegrenzt, er sitzt abseits und muss sich durch lautes Rufen Gehör verschaffen. Jesus holt ihn zurück in die Gesellschaft“, beschreibt Jacob Dinter, Jugendvertreter aus Königs Wusterhausen, seinen Eindruck. „Das Wesentliche bleibt Bartimäus‘ Augen verschlossen und nur mit dem Herzen gut zu sehen“, erklärt Flughafenseelsorger Detlef Warwas seine Gedanken zum Bild und ergänzt: „Bartimäus ist sehr mutig, indem er auf Jesus vertraut. Für unsere Pfarrei könnte das heißen: Wie können wir eine Kultur des Vertrauens aufbauen, wo Menschen den Mut haben, mit uns über ihre Probleme zu sprechen?“

In Bartimäus‘ Blindheit sieht Prälat Dybowski ein Unerlöst-sein, die ständige Abhängigkeit von anderen. Er erkennt in seinem Rufen die permanente Sehnsucht, erlöst zu werden, sprich: wieder sehen zu können und damit unabhängig zu sein. „Ist unsere Kirchengemeinde ein Ort, wo Sehnsüchte offen angesprochen werden können, wo Raum ist, Fragen zu stellen?“ formuliert Prälat Dybowski mit Blick auf die pastoralen Konsequenzen eines biblischen Leitbilds: „Wenn ja, dann haben wir ein Kirchenbild verwirklicht, mit dem wir Menschen ansprechen können.“ Und er lenkt den Blick auf Jesus, der sich mit seiner Frage „Was soll ich dir tun?“ als fragender Gott offenbart, der seinen Gegenüber als Subjekt akzeptiert und ihn nicht durch die Haltung, alles schon im Voraus zu wissen, zum Objekt degradiert. „Ein fragender Gott – Sind wir eine fragende Kirche, eine Kirche, die einen Gott verkündet, der nach mir fragt?“

„Welche Hoffnung haben wir anzubieten?“

Nach dem gemeinsamen Mittagessen schickt Prälat Dybowski den Pastoralausschuss für eine halbe Stunde vor die Tür: zu einem „Emmaus-Gang“. Welche Perspektive hat eine Pfarrei den Menschen zu bieten, welche Hoffnung möchte sie den Menschen vermitteln? lauten die Fragen zum dritten Aspekt. Dazu erhalten die Zweiergruppen ein Bild von der Fußwaschung (Joh 13,1-17) mit auf den Weg. Sie sollen diskutieren, welches Gottesbild und welches Menschenbild sie in diesem Bild sehen.

„Ist die Fußwaschung nur ein Schauspiel an Gründonnerstag oder ein Leitbild für uns heute?“ fragt Prälat Dybowski in die Runde, nachdem alle wieder eingetroffen sind: „Und haben wir eine Botschaft die Hoffnung gibt?“ Zunächst geht es dem Vertreter der Geistlichen-Prozessbegleitung um die Hoffnung an sich, sprich: welche Arten von Hoffnung gibt es? Er macht wenig tragfähige Hoffnungen aus, die von etwas abhängig sind, vom zufälligen Glück zum Beispiel, von der eigenen Leistung und den eigenen Fertigkeiten, vom Segen der modernen Medizin und Technik, von der Selbsttäuschung. Dem entgegen setzt er eine Hoffnung mit „personalem Angesicht“, die „von Menschen ausgeht, die an uns glauben“, unabhängig von äußeren Faktoren, „die hilft, das eigene Leben so anzunehmen, wie es ist, und die mir die Perspektive schenkt, dass jemand da ist, der an meiner Seite steht“, führt Prälat Dybowski aus und schlägt dann einen Bogen zur Fußwaschung.

„Füße zu waschen, das ist die unterste Tätigkeit“, spricht Albrecht Gnauck über seine Erkenntnisse aus dem „Emmaus-Gang“: „Die meisten wollen heute Häuptling sein. Wir müssen wieder lernen, uns gegenseitig untereinander zu dienen.“ Christian Klein, Jugendvertreter von St. Antonius, deutet das Verhalten von Jesus mit Blick auf die Außenwirkung der Pfarrei: „Jesus dreht die Hierarchie um. Der Rabbi wäscht die Füße seiner Jünger. Die Blickrichtung wechselt. Vielleicht sollten auch wir stärker versuchen, auf die Menschen einzugehen.“ 

Für Prälat Dybowski steckt in der Bibelstelle mehr als der dienende Jesus, der dienende Gott, die dienende Kirche – „zweifellos ein sehr geeignetes biblisches Leitmotiv in den karitativen Diensten“. Er sieht im fußwaschenden Jesus den emphatischen Gott, der seinem Gegenüber vermittelt: „Du zählst etwas für mich“ und der damit für diesen zu einer Person gewordenen Hoffnung wird. „Wer wirklich groß sein möchte, muss sich klein machen, um den anderen groß werden zu lassen.“ Dieses emphatische Verhalten, eine personale Hoffnungsperspektive für den nächsten zu sein, könnte die Konsequenz aus diesem biblischen Leitmotiv für eine Pfarrei sein, meint Prälat Dybowski, die in einem Pastoralkonzept umsetzbar ist.

„In welchen Beziehungen stehen wir?“

Zum vierten und letzten Aspekt verteilt der Mann von der Stabsstelle „Wo Glauben Raum gewinnt“ eine Geschichte, die in zwei Kleingruppen diskutiert wird. Sie handelt von einer entstehenden, beziehungsstarken Gemeinschaft und damit von der Entwicklung von Communio. Wie Gott Beziehung zum Menschen aufbaue, zeige sich insbesondere an Weihnachten, vertieft Prälat Dybowski das Thema im Anschluss. Auf die Frage: „Wie kommt Gott in unsere Welt?“ antwortet er mit einer Stelle aus dem Philipperbrief (2,5-11): „Er wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen“. In der Menschwerdung zeige Gott seine besondere Beziehungsstärke. Als Reaktion auf die ständige Konfrontationssucht des Menschen setze Gott statt auf Konfrontation auf Einfühlungsvermögen und tiefe Beziehung. „Gott wird zum Menschen, der sich ansprechen lässt und sich einbringt, Beziehungen aufbaut, so dass sich Menschen mit ihm identifizieren können. Es entsteht Communio.“ Auch das könne zum biblischen Leitmotiv werden, so Prälat Dybowski, das künftig das Leben einer neuen Pfarrei prägt.