Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Mit den Erkenntnissen weitergehen Modellprojekt „Ehrenamt im Aufbruch“ vorzeitig beendet

21. März 2018 Alfred Herrmann

Mit diesem Motiv wurden Pfarreien gesucht, die sich am Modellprojekt „Ehrenamt im Aufbruch“ beteiligen. Grafik: joto | photocase.de

Enttäuscht sei sie schon etwas gewesen, meint Eva Wawrzyniak, als sie erfuhr, dass das Projekt „Ehrenamt im Aufbruch“ vorzeitig beendet wird. Die Pastoralreferentin und Hochschulseelsorgerin gehörte der Projektsteuerungsgruppe im Pastoralen Raum Potsdam-Michendorf an und stimmte für die Weiterführung, wusste aber auch, dass sich eine knappe Mehrheit dagegen aussprach.

Im September 2016 startete das Modellprojekt „Ehrenamt im Aufbruch“ im Rahmen des Pastoralen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“. Die Pfarrei St. Laurentius in Berlin-Tiergarten und der Pastorale Raum Potsdam-Michendorf wurden in einem bistumsweiten Bewerbungsverfahrens als Teilnehmer ausgewählt. Als Ziel des Projektes galt, unter wissenschaftlicher Begleitung des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (zap) der Ruhr-Universität Bochum charismenorientierte Ehrenamtsarbeit vor Ort einzuführen. Charismenorientierung steht dabei für die Orientierung an den Begabungen und Bedürfnissen der Menschen (siehe Kastentext unten). Sprich: Statt Ehrenamtliche für festgelegte Aufgaben zu suchen, richtet eine charismenorientierte Pfarrei ihr Engagement konkret an den Menschen aus, die vor Ort leben.

Unterschiedliche Kirchenbilder„Wie ambitioniert das Projekt schließlich war, wurde uns erst im Laufe der Zeit deutlich“, spricht Wawrzyniak über Herausforderungen und Probleme, die sich während des Projektverlaufs ergaben. So entstand durch den sich verzögernden Wechsel des langjährigen Pfarrers die Unsicherheit, welchen Rückhalt und welche Unterstützung eine charismenorientierte Pfarrei bei Priestern und Hauptamtlichen genießt. Außerdem traten Unklarheiten beim Charismenbegriff und unterschiedliche Vorstellungen beim Kirchenbild zu Tage. „Ist Kirche, ist kirchliches Ehrenamt nur für die Kirche da oder auch für den Weltdienst?“, formuliert Wawrzyniak die zentrale Frage.

In einer Gemeinde, in der Liturgie und Sakramentenspendung ganz im Zentrum stehen, so die Pastoralreferentin, lägen die Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements selbstverständlich vor allem in diesen Bereichen. Wer sich sehr auf die binnengemeindliche Situation fokussiere, auf einen schönen Gottesdienst, eine volle Kirche, Chor, Ministranten, gut vorbereitete Erstkommunionkinder, Pfarrgemeinderat, biete nur wenige Andockpunkte für Charismen aus anderen zum Beispiel karitativen Bereichen. Wawrzyniak: „Wenn Katholiken eine Hausaufgabenbetreuung in einer öffentlichen Schule auf die Beine stellen, wenn jemand Begleitung von Sterbenden in einem weltlichen Krankenhaus organisieren möchte, verstehen viele das noch nicht als Charisma und katholisches Engagement, das mit dem Reich Gottes zu tun hat.“

Begriff Charisma klären

Dass das Projekt „Ehrenamt im Aufbruch“ vorzeitig beendet wurde, bewertet Theresa Faupel vom zap Bochum nicht unbedingt als problematisch. „Das Projekt ist ja nicht gescheitert, sondern wir haben viele Erkenntnisse gewonnen, was bei einer Umstellung auf eine charismenorientierte Pfarrei beachtet werden muss“, betont die Theologin, die das Modellprojekt vor Ort wissenschaftlich begleitete. Der Pastorale Raum Potsdam-Michendorf und die Pfarrei St. Laurentius hätten einen wichtigen Dienst für die Kirche von Berlin geleistet, die jetzt mit den Erkenntnissen aus den Modellprojekt weiterarbeiten könne. Zudem seien zehn Merkmale einer charismenorientierten Pfarrei beschrieben worden, die nun künftig zur Verfügung stünden.

In ihrem Abschlussbericht nennt Faupel acht erfolgskritische Faktoren für eine charismenorientierte Pastoral, die sie an Organisation und Begleitung des Projektes durch das Erzbischöfliche Ordinariat, an der wissenschaftlichen Begleitung durch das zap und an der Durchführung vor Ort festmacht. Zentral dabei ihre Forderung: wenn Pfarreien ihre Pastoralplanung auf dem Begriff des Charismas gründen und sie danach ausrichten sollen, müsse geklärt sein, was im Erzbistum Berlin unter dem Begriff Charisma zu verstehen ist. „Was meint Charisma? Wer ist Träger eines Charismas, getaufte oder getaufte und gefirmte oder gar alle Menschen? Geht es um Aufbau von Kirche oder um Aufbau von Welt?“

Ebenso müsse auf Seiten des Erzbistums klar sein, was es konkret dazu braucht, wenn Charismenorientierung ein tragendes Strukturelement einer Pfarrei werden soll. Bislang gebe es dafür, so die Wissenschaftlerin, noch kein offizielles Konzept. Ihrer persönlichen, wissenschaftlichen Ansicht nach müsste sich eine Pfarrei „zu einem fluiden, offenen System modellieren“, immer mit dem Blick auf den Sozialraum. „Wir sollten uns fragen, wo Kirche vor Ort gebraucht wird, was die dort lebenden Menschen von uns als Kirche erwarten, wie sie spüren können, dass ihre Themen und Bedürfnisse Grundlage unseres kirchlichen Handelns sind.“

Wie Wawrzyniak konnte auch Faupel feststellen, dass in den Kirchengemeinden oftmals das Kirchenbild der „klassischen Altargemeinde“ gelebt wird und daher erst die nötige Veränderungsbereitschaft entstehen muss, sich zu öffnen und stärker in den Sozialraum hineinzuwirken. Die Menschen, die sich in Pfarrei engagieren, seien erfahrungsgemäß diejenigen, die einen hohen Grad an Identifikation mit dem bisherigen Weg mitbrächten, „weil sie sich, und das ist nicht negativ zu beurteilen, in dieser Form von Kirche sehr wohlfühlen“. Daher stellt sich für Faupel die Frage: „Ist Charismenorientierung überhaupt etwas, was die Menschen in den Pfarreien wollen?“ Wenn nicht brauche es in Fragen des Ehrenamts eher ein besseres Ehrenamtsmanagement. Charismenorientierung sei keine Rekrutierungsstrategie für unbesetzte Ämter, betont Faupel.

Fokus Sozialraum

Peter Kloss wertet von Seiten des Erzbistums das Modellprojekt „Ehrenamt im Aufbruch“ aus. Der Referent für Ehrenamtsentwicklung im Erzbischöflichen Ordinariat befindet sich in Gesprächen, wie es mit den gemachten Erkenntnissen weitergeht. Auch er spricht von einem Kulturwandel, den die Umstellung auf eine charismenorientierte Pfarrei mit sich bringen muss. Allerdings erachtet er es für notwendig, vor Ort mehrgleisig zu agieren. „Es gibt natürlich auch weiterhin das klassische Programm, mit den entsprechenden Aufgaben, die ausgefüllt werden wollen.“ Eine komplette Ablösung der bisherigen Aufgabenorientierung von einer Charismenorientierung sieht er daher nicht gegeben.

Kloss nimmt allerdings noch eine andere Erkenntnis mit: „Die Erwartungshaltung: ,Kommt mal zu uns und engagiert euch bei uns‘, erscheint mir utopisch.“ Kirchengemeinden würden von Außenstehenden nicht als Ort erkannt, an dem sie mit ihren Charismen landen können. „Pfarreien haben nicht dieses Image“, so Kloss. Er plädiert daher, bevor etwas Eigenes aus dem Boden gestampft wird, zunächst in den Sozialraum hinauszugehen und sich an Projekten zu beteiligen, bei denen sich bereits Menschen mit entsprechenden Charismen engagieren. „Im Sinne, ,Wo Gutes geschieht, da ist Gott‘ können sich Gemeinden in ihrer direkten Lebensumgebung an allem beteiligen, unabhängig, ob die Projekte katholisch sind oder nicht, zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe, bei einem Hospizdienst, in der Obdachlosenarbeit, in einem evangelischen Gebetsprojekt.“ So entstehe ein neues Netzwerk über die kirchlichen Grenzen hinaus in den Sozialraum hinein. Gleichzeitig entwickle sich ein anderes Image von Kirche und Gemeinde. „Wenn die Menschen Kirche als positiven Player in ihrem Umfeld wahrnehmen, dann werden sie auch verstärkt auf Kirche zugehen.“

Wie geht es weiter?

Wie es nun mit dem Thema charismenorientierte Ehrenamtsarbeit im Erzbistum weitergeht, ist noch nicht sicher, nur das es weitergeht. „Zunächst gilt es, den Charismenbegriff in unserem Erzbistum zu klären“, nennt Kloss den ersten, längst überfälligen Schritt. Danach könnte Pastorales Personal in Sachen charismenorientiertes Arbeiten gezielt geschult werden, bevor es dann erneut auf Pfarreiebene weitergeht.

Zwar ist das Projekt vor Ort offiziell beendet, doch es wirkt auch hier nach. So wird sich in der Pfarrei Laurentius in Berlin-Tiergarten weiterhin ein Sachausschuss des Pfarrgemeinderates mit der Frage nach einem charismenorientierten Ehrenamt beschäftigen. Als nächsten Schritt soll die Charismensuche außerhalb der Gemeinde in Angriff genommen werden, indem sich die Gemeinde nach außen öffnet, bestehende Kontakte der Gemeindemitglieder zu Initiativen, Vereinen oder sonstigen Gruppierungen im Stadtteil ausbaut und integriert.

Und im Pastoralen Raum Potsdam-Michendorf wird der neue Propst gespannt erwartet, der im Juli eingeführt wird und einiges an Kompetenz in Sachen Charismenentwicklung mitbringen soll. In der Gemeinde St. Cäcilia in Michendorf nimmt man den Schwung des Projektes mit und arbeitet mit den neu gemachten Erfahrungen einfach weiter. Und Wawrzyniak setzt die neu gewonnenen Erkenntnisse in der Hochschulseelsorge ein. Sie sieht sich mittlerweile als Charismenscout, der Neuankömmlinge intensiv befragt: „Wer sind sie, was machen sie gerne, welche Hobbys haben sie, welche Sprachen sprechen sie, was haben sie alles in ihrem Leben bereits erlebt? Nur so können sich Charismen herausstellen und deutlich werden, wo es zusammenpasst.“

Merkmale einer charismenorientierten Pfarrei

 

 

 

Charismenorientierung?- Ein Erklärungsversuch im Beispiel

Charismenorientierung, ich muss gestehen, das ist für mich ein schwieriger Begriff. Daher habe ich mir ein Beispiel zurechtgelegt.

Es handelt vom Männergesangsverein meines Vaters in meinem unterfränkischen Heimatdorf. Über 100 Jahre alte Sangestradition. Doch die jüngere Männergeneration verlor das Interesse am traditionellen Liedgut und am Chorgesang alter Schule. Die Nachwuchsprobleme wurden drückend, der Chor vergreiste. Selbst Bemühungen, gesangstalentierte junge Männer direkt anzusprechen, junge Söhne von Sangesbrüdern intensiv ins Gebet zunehmen, scheiterten.

Zugleich gab es allerdings eine Gruppe Frauen im Dorf, die sehr gerne organisiert singen wollten, weniger traditionell, sondern etwas Schmissiges, auch mal was auf Englisch, Gospel usw. Es gab ein langes Ringen mit vielen Für und Wider, bis der Gesangsverein, der über 100 Jahre nur Männer zugelassen hatte, sich öffnete, die Frauen aufnahm und einen Frauenchor als eigene Sparte gründete.

Durch die jüngeren Frauen kamen plötzlich auch wieder mehr jüngere Männer, denn die Chöre traten zusammen auf, sangen auch mal gemeinsam, das Liedgut des Männerchors wurde aktueller, jüngere Freunde brachten jüngere Freunde mit usw. Heute spielen sie sogar Theater und führen Singspiele auf. Das zieht auch wieder wesentlich mehr Besucher an. Denn jetzt kommen nicht mehr nur die Ehefrauen der alten Chorsänger und die Freunde des traditionellen Liedgutes, sondern auch jüngere Familien mit Kindern.

Der Männergesangverein hat sich gewandelt. Er ist nicht mehr der, wie ihn mein Vater kannte und lebte. Der Verein war bereit, sein Gesicht zu ändern, eine fast 100 Jahre alte Struktur, die zu ihrer Zeit, die richtige war und Menschen Freude am Lied bereitet hat, aufzugeben. Dennoch ist er auch heute weiterhin durchdrungen und angetrieben von der Liebe zum Gesang und dem Geist der Kunst, nur dass sich wieder mehr Menschen mit ihm identifizieren und sich in ihm engagieren wollen. Denn die Lust am Singen hatten die Menschen nicht verloren.

Alfred Herrmann