Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Resümée der NikodemusgesprächeBrief an Erzbischof Koch

07. Juni 2018

Im April 2016 starteten Diözesanrat, Katholische Akademie, Canisiuskolleg und Stabsstelle eine geistliche Denkwerkstatt, ein geistliches Experiment im Rahmen des Pastoralen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“. Die Nikodemusgespräche suchten mit den Mitteln der geistlichen Unterscheidung, genauer zu verstehen, wozu die Kirche in Berlin heute gerufen ist. Am 20. Juni wird die Gesprächsreihe in einem letzten Nikodemusgespräch resümiert, um 19.30 Uhr, in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum.

An den sechs Abenden in der Kirche in Berlin-Plötzensee sprachen Erzbischof Heiner Koch, Dr. Wolfgang Thierse (Berlin), Pater Prof. Dr. Elmar Salmann OSB (Gerleve), Schwester Professorin Dr. Margareta Gruber OSF (Vallendar), Professorin Dr. Ulrike Kostka (Berlin) und Pater Klaus Mertes SJ (St. Blasien). Eine Denkpause half den Veranstaltern all das zu vertiefen, was an diesen Abenden zu Tage trat. Joachim Hake von der katholische Akademie, Diözesanratsvorsitzender Bernd Streich, Pater Tobias Zimmermann SJ, Rektor des Canisius-Kolleg, und Christopher Maaß von der Stabstelle „Wo Glauben Raum gewinnt“ bündelten das Gehörte zu drei zentralen Impulsen, die sie Erzbischof Koch in einem Brief sandten. In diesem Brief heißt es:

„Nach den vielen Gesprächen sind wir überzeugt: Der Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ wird nur dann einen positiven Verlauf haben, wenn er wirklich ein „geistlicher Prozess“ ist und an jenen Tiefenschichten ansetzt, die ihn verhindern oder ermöglichen. Drei Perspektiven auf den Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ scheinen uns in dieser Hinsicht in besonderer Weise fruchtbar zu sein.

Erstens

Die Traurigkeiten des Abschieds anerkennen und den Versuchungen der Depression widerstehen. Die Freude des Neuanfangs setzt den Durchgang durch die Traurigkeiten des Abschieds und ihre Unterscheidung voraus.
In den Nikodemusgesprächen wurde beides sichtbar: Verlustängste und Orientierungslosigkeiten, aber auch die Freude, dass es endlich Signale des Aufbruchs gibt aus einer lähmenden Depression angesichts offenkundiger Herausforderungen und Probleme, die viele Christen zermürben. In dieser ambivalenten Gefühlslage muss die Unterscheidung der Geister weitergehen und sind die Traurigkeiten des Abschieds ernst zu nehmen.
Auch wenn uns Christen der Umgang mit den Zumutungen von Abschied und Aufbruch als religiöses Erbgut vertraut ist, so ist unser Eindruck doch: Viele Menschen fühlen sich geistlich nicht vorbereitet auf diese Umbruchssituation. Der Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ ist Zumutung und Chance, uns bewusst dem Abschied von sicher geglaubten Orten, Kirchen und Häusern unserer Sprach- und Sehgewohnheiten zu stellen.
Die Leitfragen liegen auf der Hand: Wo sind wir nur gekränkt, beleidigt oder ziehen uns in falsche Traurigkeit zurück oder nisten uns depressiv ein? Wo aber übergehen wir echte Verluste und Abschiede allzu leichtfertig oder ist die Rede vom Aufbruch nicht „gedeckt“? Wo sperren wir uns gegen die Aufgabe, unseren Glauben zu erneuern, ihn neu zu üben und zu lernen?

Erstes Fazit:
Wir würden gerne mit Ihnen weiter darüber nachdenken, wo die Menschen im Erzbistum Orte finden, um gemeinsam Ihre Traurigkeiten des Abschieds und ihre Zukunftsängste bedenken zu können, damit sich die Traurigkeiten des Abschieds in eine neue Freude eines Aufbruchs wandeln können.

Zweitens

Mehr als bisher könnten wir gemeinsam den Widerstand aus Enttäuschungen anerkennen und ernst nehmen und den Müden, den Verwundeten nachgehen, die der Kirche den Rücken gekehrt haben oder dabei sind es zu tun. Wir könnten von den Erfahrungen der Enttäuschten und Erschöpften lernen und uns ihren Erzählungen von Enttäuschungen mutig stellen.
In den Nikodemusgesprächen nahmen wir nicht selten den Widerstand von Menschen war, die sich nicht ernst genommen fühlen. Dabei liegt es nicht an uns zu entscheiden, wo und inwiefern dieser Widerstand gegen den Prozess, „Wo Glauben Raum gewinnt“ gerechtfertigt ist oder nicht. Eine geistliche Suche aber darf nach unserer Ansicht die Erfahrung dieser Widerständigkeit nicht einfach umgehen. Deswegen ist es notwendig über diese Fragen nachzudenken:
Wo ist im geistlichen Prozess der Neuausrichtung unserer Sendung Raum, um zuzuhören, wo Menschen sich von der „Kirche“ verletzt oder enttäuscht fühlen? Wie gehen wir mit den Gekränkten und Enttäuschten um, wohl wissend, dass das „billige Beleidigtsein“ ebenso eine Falle ist wie die „kalte Schulter“ und „Gleichgültigkeit“ kirchlicher Institutionen. Immer wieder kristallisierte sich dieser Widerstand um den Verdacht herum, das Label „geistlicher Prozess“ sei nur ein Schutzmantel, um sehr pragmatische Entscheidungen vor möglicher Kritik zu immunisieren. Auch wenn diese pauschale Kritik nicht gerecht sein mag, so scheint es uns doch wichtig, die darin enthaltene Anfrage ernst zu nehmen. Dass der Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ ein geistlicher Prozess ist, entscheidet sich vor allem an dem Umgang mit jenen, die von der Kirche enttäuscht und verwundet wurden. Sammlung heißt immer auch die Sammlung der Verwundeten, Versehrten und Erschöpften.

Zweites Fazit:
Wir würden gerne mit Ihnen weiter darüber nachdenken, wie und wo jene mehr zu Wort kommen können, die sich „abgehängt“ oder „enttäuscht“ fühlen. Wie können wir wieder auf jene hören lernen, die uns in den vergangenen Jahren verlassen und uns den Rücken gekehrt haben?

Drittens

Wir müssen neu lernen, die Welt anzuerkennen, wie sie ist und mitten in ihr die Sprachlosigkeiten des eigenen Glaubens. Es braucht einen neuen, nüchternen und geduldigen Realismus. Wir dürfen dabei der vermeintlichen Gleichgültigkeit der Welt nicht aus dem Weg gehen und die Sprachlosigkeit nicht einfach hinnehmen. Es kommt darauf an, mitten in der Welt neu von Jesus Christus sprechen und erzählen zu können.

In den Nikodemusgesprächen haben wir gelernt, dass wir die falsche Wärme der vermeintlichen Idyllen und sicheren Orte verlassen müssen in dem Wissen, dass die Sprache des Glaubens auf den Straßen der Welt gelernt werden muss. Diese sind Orte eines christlichen Realismus, die uns zwingen, die Botschaft vom befreienden Gott neu zu artikulieren. Auf den Straßen lernen wir von Jesus Christus zu sprechen und von ihm zu erzählen.
Gleichzeitig müssen wir lernen vor der Erfahrung einer Sprachlosigkeit im Glauben nicht auszuweichen, uns nicht entmutigen zu lassen, wenn uns die rechten Worte fehlen oder wir als Glaubende auf Gleichgültigkeit stoßen. Wir könnten in neuer Verbundenheit versuchen, den Reichtum der Glaubenssprache neu zu entdecken und sich in Sprache des Glaubens elementar und einfach zu bewegen. So könnten wir gemeinsam üben, den Glauben weiterzugeben, untereinander und an die kommende Generation sowie an jene, die jetzt nicht glauben können oder wollen. Darin könnten wir erfahren, dass dieser Schatz uns auch dann trägt, wenn wir es nicht für möglich halten.

Drittes Fazit:
Wir würden gerne mit Ihnen mehr darüber nachdenken: Wo können in unserem Erzbistum neue „Elementarschulen“ entstehen, in denen glaubende und nichtglaubende Gottsucher das Erzählen und das Beten lernen könnten? Wie könnten neue Übungsorte geschaffen werden, in denen sich Traurigkeiten des Abschieds in unerwartete Leidenschaft verwandeln und unsere Glaubenssprache wieder an Frische gewinnt und die Menschen neu die Freude des Evangeliums entdecken?

Wir wünschen uns, dass von diesen Früchten weitere Impulse, Anregungen und Inspirationen für die Neuausrichtung des Erzbistums ausgehen und sich in ihrer Spur neue Orte erschließen, wo unser Glaube als Christinnen und Christen in Berlin Raum gewinnen kann.“

Mit einem letzten Nikodemusgespräch am 20. Juni, um 19.30 Uhr in Maria Regina Martyrum sollen nun diese drei Impulse resümiert werden, um sie mit auf den Weg in die Zukunft der Kirche von Berlin zu nehmen. Es sind alle eingeladen, die Interesse haben an der Unterscheidung der Geister, damit im Erzbistum der Glaube Raum gewinnt.

Einladung mit Brief

 

 

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