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„Entscheidend ist unser Handeln“Bewahrung der Schöpfung – ein Thema im Pastoralen Prozess?

12. Juni 2018 Alfred Herrmann

"Entscheidend ist unser Handeln" - Bewahrung der Schöpfung muss ein Thema im Pastoralkonzept sein, meint Wolfgang Plehn.

Im Februar letzten Jahres begann die Testphase. Für 12 Monate stellte die Pfarrei „Zu den heiligen Zwölf Aposteln“ in Berlin-Schlachtensee dem Carsharing-Unternehmen „Greenwheels“ einen Parkplatz für ein Fahrzeug vor ihrer Kirche zur Verfügung. Das Angebot wurde so gut angenommen, dass mittlerweile zwei Autos vor dem Gotteshaus platziert sind.

„Sogar Papst Franziskus ruft uns in seiner Enzyklika Laudato Si‘ dazu auf, ein Fahrzeug mit mehreren zu teilen“, weiß Voswinckel die Initiative seiner Pfarrei im Nachhaltigkeitsdenken des weltweiten Kirchenoberhauptes verankert. Der 66-jährige Professor für Medizingeschichte brachte die Idee seinerzeit im Pfarrgemeinderat ein. „In den meisten Autos hier sitzt doch eh nur eine Person, und oft fahren sie nur eine kurze Strecke. Da kann man sich auch ein Fahrzeug teilen.“ Er sieht im Carsharing ein Modell der Zukunft. Nicht nur was den Umweltschutz betrifft. Wer weniger als 15.000 Kilometer im Jahr fahre, komme mit Carsharing finanziell immer billiger weg, weiß er.

Und Voswinckel ist überzeugt: Kirche sollte in Fragen von Umweltschutz und Nachhaltigkeit Vorbild sein. „Die Standplätze für Fahrzeuge der Carsharing-Unternehmen sind in deutschen Innenstädten oftmals rar und teuer“, denkt das Pfarrgemeinderatsmitglied weiter: „Für Kirchengemeinden wäre es da oftmals keine große Sache, in dieser Situation zu helfen.“ Mit Blick auf das Thema „Bewahrung der Schöpfung“ könnten sich Pastorale Räume eine solche Initiative als Vorhaben sogar in ihr Pastoralkonzept schreiben, um in ihrem künftigen Wirken auch in dieser Frage Zeugnis mitten in der Welt zu geben. „Bereits mit kleinen Schritten kann im Sinne des christlichen Auftrags, die Schöpfung zu bewahren, viel bewegt werden“, so Voswinckel.

Thema im Pastoralen Prozess

„Der Pastorale Prozess bietet die große Chance, die Bewahrung der Schöpfung von Anfang an mitzudenken und in das Handeln der künftigen neuen Pfarreien miteinzubeziehen“, betont Wolfgang Plehn. „Auf diese Weise kann man gemeinsam ein Zeichen setzen, zukunftsfähig zu sein im ökonomischen wie auch im ökologischen Sinn.“ Außerdem biete sich das Streben nach mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz als gemeinschaftsstiftendes Thema für einen Pastoralen Raum an, in dem verschiedene Gemeinden zusammenfindenden sollen, so Plehn. „Die Frage der Bewahrung der Schöpfung müsste nicht nur, sondern es muss ein Thema im Pastoralkonzept sein.“

Plehn arbeitet im Bundesumweltamt und leitet in seiner Freizeit den Sachausschuss „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ des Diözesanrates. Die Bewahrung der Schöpfung sei in den Pfarreien leider häufig ein Thema, das hinten runter fällt, weiß er. „Es hat nicht die Bedeutung, die es eigentlich haben sollte und das nicht erst nach der Papstenzyklika Laudato Si‘“, kritisiert Plehn mangelnden Tatendrang in dieser Frage.

Denn auf dem Papier ist das Erzbistum bereits seit 2010 wesentlich weiter. Damals verabschiedeten Diözesanrat und Erzbistum den gemeinsam erarbeiteten Klimaschutzplan „Schöpfung bewahren – jetzt handeln und Energie sparen“. Dieser formuliert vollmundig das Ziel: „In Verantwortung für die Schöpfung und als Beitrag zur globalen und intergenerationellen Gerechtigkeit strebt das Erzbistum mit seinen Kirchengemeinden und Einrichtungen eine deutliche Verringerung der Treibhausgasemissionen bis 2020 an, deren Umfang sich an den Einsparungszielen der Bundesregierung orientiert“, sprich: eine Reduzierung der Treibhausgase um 40 Prozent bis zum Jahr 2020 gegenüber dem Jahr 1990.

Hilfen für Bau und Beschaffung

In diesem Sinne bieten Erzbistum und Diözesanrat den Pfarreien einiges an Hilfen an. In einer gemeinsamen „AG Bewahrung der Schöpfung“ gehen Wolfgang Plehn sowie Carola Schwenk, Leitung der Abteilung Bau- und Gebäudemanagement im Erzbischöflichen Ordinariat, und Katharina Brumbauer, Leitung der Abteilung Allgemeine Dienste, Fragen von Nachhaltigkeit und Umweltschutz im Erzbistum Berlin nach. So veröffentlichten sie 2016 unter dem Titel „Die Schöpfung bewahren“ eine „Handlungsempfehlung für eine ökofaire Beschaffung und nachhaltige Gebäudenutzung in den Kirchengemeinden im Erzbistum Berlin“. Die Handlungsempfehlung bietet Pfarreien einen Leitfaden zu Fair Trade und Müllvermeidung, Energieeffizienz und Energiesparen. Eine Bandbreite, die alle Bereiche des täglichen Lebens betrifft, verdeutlicht Plehn: „Das fängt bei der Frage an, welches Papier im Pfarrbüro verwendet und welcher Kaffee gekocht wird und geht bis hin zu: was mache ich mit dem Regenwasser oder wie kann ich meine Immobilie energetisch sanieren?“

Was die Energieeffizienz kirchlicher Immobilien betrifft, so organisiert die AG alle zwei Jahre die Informationstagung „Energieeinsparung in Kirchengemeinden“, die von Kirchenvorständen der Pfarreien rege besucht wird. Allerdings entwickle sich daraus vor Ort zu wenig, meint Schwenk. „Das Erzbistum stellt jedes Jahr 50.000 Euro in den Haushalt ein, um energetische Analysen in den Pfarreien durchzuführen“, erklärt sie. Allerdings werde das Angebot von den Pfarreien zu selten genutzt und das Geld kaum abgerufen. „Dabei verschenken die Gemeinden die Möglichkeit kurzfristiger Maßnahmen, die sich finanziell schnell amortisieren wie der Einbau einer Hocheffizienz-Pumpe oder die Durchführung eines hydraulischen Abgleichs.“ Die ökologischen Bau-Innovationen wie das Blockheizkraftwerk in St. Otto in Zinnowitz, die Erdwärmepumpe in der Marienschule in Potsdam oder die Regenwassernutzung für die Toilettenspülung des Hortneubaus am Bernhardinum in Fürstenwalde werden bislang vornehmlich in Bauprojekten des Erzbistums verwirklicht und kaum auf Pfarreiebene.

Es sei in den vergangenen Jahren nicht gelungen, meinen Schwenk und Plehn unisono, eine Kultur der Energieverbrauchskontrolle in den Pfarreien zu etablieren. Dabei gehe es nicht allein um christliche Ideale, sondern auch um die Wirtschaftlichkeit, unterstreicht Plehn die ökonomische Dimension. „Wir werden sicherlich keine massiv sinkende Energiepreise in Zukunft erleben, sondern sie werden in Wellenform weiter steigen. Darauf müssen sich auch Kirchengemeinden einstellen.“

Siegel „Faire Gemeinde“

Ein weiterer Aspekt bildet der ökofaire Einkauf von Gebrauchsgegenständen und alltäglichen Konsumgütern. „Wir stehen mit den Verwaltungsleitern und Kirchenvorständen im Austausch“, erklärt Brumbauer, „um sie über mögliche Energie-, Möbel- oder Papierrahmenverträge zu informieren.“ Über gemeinsame Anschaffungen lasse sich einfacher auf nachhaltige Produkte umstellen ohne die Gemeinden über Gebühr finanziell zu belasten, so die Leiterin der Abteilung Allgemeine Dienste im Erzbischöflichen Ordinariat.

Leider fehle ein verantwortlicher Referent im Erzbischöflichen Ordinariat, der sich im Erzbistum Berlin hauptamtlich mit den Themen Klimaschutz, Umwelt und Nachhaltigkeit auseinandersetzt, ein direkter Ansprechpartner für Pfarreien und Institutionen in Sachen Bewahrung der Schöpfung, beklagt sich Plehn. Er verweist auf andere Bistümer und auf die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), die eigene Klimaschutzmanager beschäftigen.

Die EKBO hat zudem ein Siegel „Faire Gemeinde“ entwickelt, um das sich Kirchengemeinden, die sich für Klimaschutz, fairen Handel und die Bewahrung der Schöpfung bemühen, bewerben können. „Vielleicht können wir im Rahmen des Ökumenischen Rats Berlin-Brandenburg diese Zertifizierung auch katholischen Pfarreien im Erzbistum anbieten“, hofft Plehn. „Entscheidend ist ja am Ende nicht wieviel wir über theologische Fragen reden, sondern wie Christsein gelebt wird, sprich: was wir denn wirklich praktisch tun. Entscheidend ist unser Handeln!“

Arbeitshilfe "Bewahrung der Schöpfung - Unser Beitrag durch konkretes Handeln"

 

 

Klimaschutzplan des Erzbistums

 

 

Handlungsempfehlung ökofaire Beschaffung und nachhaltige Gebäudenutzung

 

 

Informationen zum Thema "Faire Gemeinde"