„Alles andere um den Tod herum in den Blick nehmen“Der Pastorale Raum Stralsund/Rügen/Demmin hat ein neues Angebot, die Lazarusdienste

Ab Januar 2020 sind in Stralsund Ehrenamtliche erreichbar, die andere Menschen in Grenzsituationen desLebens begleiten und unterstützen, täglich von 8 bis 22 Uhr über der Telefonnummer der Lazarusdienste Stralsund.

Stralsund. „Trauer ist langwierig und sehr individuell“, ist die Leiterin der Stralsunder des Caritas-Hospizdienstes Martina Steinfurth überzeugt. Mit zirka 15 Interessierten sitzt sie an einem Abend im November im Gemeinderaum der Kirche Heilige-Dreifaltigkeit in Stralsund zusammen und vermittelt ihr Wissen in einer Fortbildung von Ehrenamtlichen zum Thema Trauer und wird dabei auch praktisch: „Wie verhaltet ihr euch? Ihr kommt zu einer Frau, die einen engen Angehörigen verloren hat. Wie geht ihr vor“, fragt sie die Runde. Einfach hinsetzen, reden lassen, Fragen, ob man umarmen darf – sind die Antworten und Martina Steinfurth meint: „Wenn es einem selbst dabei zu eng wird, dürft ihr auch weinen. Aber ihr müsst in eurer Rolle des Tröstenden bleiben.“ Trauernde begleiten ist eine der Aufgaben des Lazarusdienstes, den die Gemeinde Heilige Dreifaltigkeit in Kooperation mit dem Caritas-Hospizdienst und dem Erzbistum Berlin gegründet hat.

Der Pastorale Raum Rügen-Stralsund-Demmin, der bald die neue Pfarrei Bernhard von Clairvaux sein wird, hat sich die Themen Trauerarbeit, Sterben, Umgang mit dem Tod ins Konzept geschrieben. „Die Themen Tod und Sterben finden kaum Resonanz in der Öffentlichkeit und sind doch so wichtig“, ist Pfarrer Andreas Sommer überzeugt. Deshalb haben sie gemeinsam mit Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen das Konzept der Lazarusdienste entwickelt.

Sechs Säulen gibt es bisher: Gespräche und Begegnung mit einem Besuchsdienst und einem Begegnungscafé, die Vermittlung von professioneller Beratung zu Vorsorgemöglichkeiten, der Beistand und die Seelsorge in der Sterbestunde für Betroffene und Angehörige, die Begleitung und Hilfe bei Erkrankungen, die Vermittlung von Sterbebegleitung in vertrauter Umgebung und palliative Beratung sowie die Anteilnahme und Stärkung, indem Ehrenamtliche Menschen zur letzten Ruhestätte ihrer Verstorbenen begleiten oder gar als Einzige zu einer Trauerfeier gehen. „Wie oft haben wir es, dass niemand mehr zur Trauerfeier geht, weil gar keiner mehr da ist? Hier können wir helfen und mitgehen“, meint Pfarrer Andreas Sommer. Gerade bei der Begleitung von schwer Erkrankten können die Ehrenamtlichen auf einen sehr erfahrenen Caritas-Hospizdienst in Stralsund zurückgreifen. Dieser wird mit den Lazarusdiensten kooperieren, bleibt aber eigenständig, wie die Leiterin Martina Steinfurth betont. „Wir holen sicherlich keine Menschen vom Tod zurück wie Jesus es bei Lazarus getan hat, aber wir können alles andere drum herum in den Blick nehmen“, ist Pfarrer Andreas Sommer überzeugt.

Für alle sechs Bereiche haben sich seit September fast 70 Ehrenamtliche gefunden, die jetzt noch fort- und ausgebildet werden, zum Teil durch Fortbildungsabende in Heilige Dreifaltigkeit mit internen Referenten wie Pfarrer Sommer oder Martina Steinfurth, zum Teil durch externe Angebote. Unterstützung für die geplanten Lazarusdienste gibt es vom Erzbischöflichen Ordinariat aus Berlin. „Die Gemeinde übernimmt Verantwortung für die Themen Sterben, Tod und Trauer in der Stadt Stralsund selber und darüber hinaus“, resümiert die Leiterin des Bereiches Pastoral im Erzbistum Berlin Uta Raabe bei der Vorstellung der Lazarusdienste in Stralsund und weiter: „Ich kann mir vorstellen, dass jemand gut am Telefon sprechen kann, ein anderer eventuell nicht, der möchte es aber machen. Dann kann die Gemeinde für ihn über uns einen Workshop zum Thema Gesprächsführung erhalten.“ Auch wenn die Dienste langsam an den Start gehen, werden immer noch Ehrenamtliche gesucht, die gerne mitmachen wollen. „Auch kleine Dienste sind willkommen! Wenn ich nur einmal im Monat eine halbe Stunde Zeit habe, um beispielsweise mit einer Frau, die nicht mehr so gut zu Fuß ist, zum Friedhof zu fahren, damit sie das Grab ihres Mannes besuchen kann, dann reicht das vollkommen aus“, meint Martina Steinfurth. Die Fortbildung zum Thema Trauerbegleitung geht indes am 20. Januar um 17 Uhr in den Räumen der Gemeinde Heilige Dreifaltigkeit in Stralsund weiter. Thema dann: Trauerrituale und der Umgang mit Trauer nach einem Suizid. „Wir wollen auch Gesprächstraining anbieten. Denn Trauer lässt sich nicht bewerten. Es ist ein Gefühl und auch jeder Trost ist anders“, ist sie überzeugt.

Die zentrale Telefonnummer für den Lazarusdienst gibt es schon. „Sie wird aber erst zum 1. Januar 2020 freigegeben“, räumt Martina Steinfurth ein. Unter 03831/46 39 230 sind dann täglich von 8 bis 22 Uhr Menschen erreichbar, die die angebotenen Dienste vermitteln. Wichtig zudem: „Wir wollen für alle Menschen da sein, die Unterstützung benötigen, unabhängig von Religion und Weltanschauung.“