Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

„Die Kunst des freundlichen Augenblicks“Fundraising-Entwicklung: die „Hospizgruppe Demmin“ etabliert sich mit einem Trauercafé in der Pfarrei

Klinikclown Christoph Gilsbach: mit einer kleinen Zuwendung ein Lächeln zaubern. Foto: Herrmann

Der Verein "Hospizgruppe Demmin" lud zum Vortrag von Klinikclown Christoph Gilsbach in den Pfarrsaal von Maria Rosenkranzkönigin. Foto: Herrmann

Wie eine kleine rote Nase die Sicht auf die Welt ändern kann: Christoph Gilsbach (l.) und der Pfarrgemeinderatsvorsitzende Herbert Frank. Foto: Herrmann

Für alle offen: der Vortrag "Humor in der Trauerbegleitung" von Christoph Gilsbach. Foto: Herrmann

Die Vorsitzende des Vereins "Hospizgruppe Demmin": die Ärztin Renate Koch. Foto: Herrmann

„Lachen und Weinen, das sind zwei Geschwister, die nebeneinander auf einem Hochseil stehen.“ Christoph Gilsbach steht im Pfarrsaal von Maria Rosenkranzkönigin in Demmin, rotkarierte Hose, buntgeblümte Weste, rosa Fliege und grünes Jackett mit Kreuzorden aus gelbem Filz am Revers. Mit viel Witz und Tiefsinn referiert der Krankenhaus-Clown der Uni-Klinik Münster über das Thema „Humor in der Sterbebegleitung“.

„Humor ist dafür da, den anderen zu erreichen“, führt Gilsbach vor den rund 40 Besuchern aus. Er sei ein probates Mittel, eine spontane Beziehung aufzubauen. Und Humor könne dabei helfen, in einer von Leid und Trauer beherrschten Situation abzulenken und eine Sichtverschiebung zu ermöglichen –  „die Kunst des freundlichen Augenblicks“. Sowohl ein Klinik-Clown als auch ein Sterbebegleiter stehe stets vor der Herausforderung: „Wie erwische ich den Moment, dass Begegnung gelingt?“

Bestätigendes Nicken bekommt Gilsbach insbesondere aus der zweiten Reihe. Dort sitzen die Frauen des Vereins „Hospizgruppe Demmin e. V. – Leben bis zuletzt“, der zu diesem Vortragsabend eingeladen hat. Die Mitglieder des ehrenamtlichen ambulanten Hospizdienstes sind am blauen Poloshirt zu erkennen, auf der Brust das Logo des Vereins: ein grüner Baum auf weißem Grund, eingefasst in blau-gelbe Kreisbögen. Mit der offenen Veranstaltung startet der Verein in sein Humorwochenende.

„Leben bis zuletzt“

Am Ende des Abends halten Lisa Hoffmann und Hannelore Werschmöller rote Clownsnasen in den Händen. Humor in der Sterbebegleitung einzusetzen, sei für sie eine ganz neue Erfahrung, meinen die beiden ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen. „Humor kann mir helfen, selbst etwas entspannter in die Begleitung zu gehen“, nimmt Hoffmann mit. Im vergangenen Jahr stand sie zwei Menschen zur Seite, das eine Mal über drei Wochen, das andere Mal über drei Monate. Momentan pausiert sie, um Abstand zu gewinnen.

Warum sich Hoffmann im Verein „Hospizgruppe Demmin“ engagiert? Sie wollte als Rentnerin nicht nur für Haus, Hof und Garten zuständig sein, sondern sich auch für andere einsetzen. Und Werschmöller? Sie gibt sich als Gründungsmitglied zu erkennen. 2006 entstand der Verein aus einer Initiative der katholischen Kirchengemeinde. „Damals war gerade mein Schwiegervater verstorben und ich wollte anderen helfen, die sich in solch einer Situation befinden.“ Seitdem begleitete sie 17 Menschen auf ihrem letzten Weg. „Man bekommt viel Dankbarkeit von den Sterbenden, dafür, dass sie in dieser Zeit nicht allein sein müssen“, erklärt die aktive Katholikin.

Von den heute 45 Mitgliedern des Vereins, Christen wie Nichtchristen, engagieren sich 29 als ausgebildete Sterbebegleiterinnen, erklärt die Ärztin Renate Koch. Sie ist die Vorsitzende des „Hospizgruppe Demmin e. V.“ und im Pfarrgemeinderat von Maria Rosenkranzkönigin. Allein im Jahr 2018 konnten 54 Begleitungen bewerkstelligt werden, betont sie, und jedes Jahr werden es mehr. Sie sieht die Arbeit des Vereins als einen Dienst für alle Menschen der Hansestadt und des ehemaligen Landkreises Demmin – ein deutliches Zeichen in die Gesellschaft hinein. Immerhin: 35 Prozent der Demminer sind über 65 Jahre alt.

Obdachlos mit neuen Zielen

Dabei stand der Verein in den letzten Jahren vor großen Problemen. Als die Caritas 2016 ihre Seniorenbegegnungsstätte in Demmin schloss, verlor die Hospizgruppe ihren langjährigen Sitz. Die Pfarrei zeigte sich nicht in der Lage, dem Verein ein Quartier im Pfarrzentrum anzubieten. „Wir mussten plötzlich passende Räume anmieten“, beschreibt Koch die plötzliche Obdachlosigkeit. Neben einem Büro für die Hospiz-Koordinatorin brauchte es vor allem einen Raum für die Mitgliederabende, jeden vierten Mittwoch im Monat. „Wir tauschen uns über unsere Erfahrungen aus und reflektieren sie. Außerdem schulen wir uns. Wir befassen uns mit Themen wie Bestattungswesen, Kommunikation, Spiritualität und Rituale am Lebensende, Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, Schmerztherapie in der Palliativmedizin.“

Zu dieser Zeit diskutierte die Hospizgruppe auch die Möglichkeit eines Trauercafés. „Trauer gehört wie Sterben zum Leben und braucht seine Zeit“, formuliert Koch die Position des Vereins. Wird allerdings die Ausbildung und Arbeit der Sterbebegleiterinnen durch die Sozialkassen refinanziert, gibt es für Trauerarbeit kein Geld. „Sterbebegleiter können nicht zugleich Trauerbegleiter sein. Ein Sterbebegleiter pflegt eine intensive Beziehung zum Sterbenden, ein Trauerbegleiter braucht dagegen eine gesunde Distanz zu den Trauernden.“ Doch wer finanziert die Ausbildung zum Trauerbegleiter, wer das Trauercafé?

Da fügte es sich gut, dass sich die „Hospizgruppe Demmin“ erfolgreich um die Teilnahme am zweijährigen Modellprojekt „Fundraising-Entwicklung in Pastoralen Räumen“ bewarb, das im Rahmen des Pastoralen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“ 2017 startete. Seitdem hat sich einiges verändert. Für die Geschäftsstelle des Vereins konnte eine Einraumwohnung angemietet und ausgestattet werden. Zwei Mitglieder ließen sich bereits zu Trauerbegleitern schulen, zwei weitere stehen in den Startlöchern. Und seit Juni 2018 gibt es ein Trauercafé. Denn der Verein konnte mit der Pfarrei ein Kooperationsabkommen schließen, um im Gemeindesaal jeden ersten Mittwoch im Monat, um 18 Uhr Trauernden eine offene Tür anzubieten.

„Ein Trauercafé funktioniert nur an einem verlässlichen Ort und zu einer verlässlichen Zeit, damit die Menschen Vertrauen fassen können“, weiß Koch. Regelmäßig bewirbt sie es in den Pfarrbriefen der Kirchengemeinden und in den Demminer Nachrichten, die das Rathaus herausgibt. „Das Trauercafé kommt langsam in den Köpfen der Menschen an“, spürt sie.

„Fundraising funktioniert systemisch“

Fundraising sei ihr nicht fremd gewesen, betont die Ärztin, als sie in das Modell-Projekt des Erzbistums einstieg. Unternehmen kontaktieren, Benefizkonzerte veranstalten, der Verkauf einer 25 Meter langen Erdbeerschnitte auf der Demminer Kunstnacht organisieren – um Geld für die Hospiz- und Trauerarbeit zu erlösen, zeigte sich der Verein stets kreativ. Doch das Modell-Projekt half, die bisherige Arbeit zu systematisieren und ein eigenes Fundraising-Konzept zu erstellen. „Die Erkenntnis, die ich mitnehmen konnte: Fundraising funktioniert systemisch“, sagt Koch heute. Der gezielte Beziehungsaufbau zu möglichen Unterstützern und die anschließende Beziehungspflege stünden im Zentrum, „gelingende Beziehung und erfolgsorientierte Kommunikation“.

Durch die Notsituation der fehlenden Räumlichkeiten und das Fundraising-Projekt ist der „Hospizgruppe Demmin e. V. – Leben bis zuletzt“ wieder stärker ins Bewusstsein der katholischen Kirchengemeinde gerückt. Das Trauercafé in den Räumen der Pfarrei führt den Gläubigen das Thema Sterben neu vor Augen. Zugleich dient die Präsenz des Vereins der Kirche als öffnende Brücke in die Stadtgesellschaft. Der Abend mit Klinik-Clown Christoph Gilsbach zeigt dies anschaulich.

Am Ende seines Vortrags verteilt Gilsbach rote Clown-Nasen aus Schaumstoff. Sein Clowns-Kostüm helfe ihm, bekennt er, sich frei zu machen und sich ganz offen und neugierig dem zu stellen, was auf ihn zukommt. Und so fordert er die Besucher auf: „Setzen Sie die Nasen auf und testen Sie selbst, wie die kleinste Maske der Welt ihren Blick auf die Welt verändert.“

Informationen zu Fundraising in den Pastoralen Räumen