Die Stunde der Herde Abendgespräch des Diözesanrats

- Mehr als hundert Gläubige beim zweiten Abendgespräch des Diözesanrates zum Pastoralen Prozess -

„Was ich erwarte, sind konkrete Antworten auf den Weggang des Erzbischofes, was das für den weiteren Verlauf des Pastoralen Prozesses bedeutet.“ Daniel Eckardt aus Steglitz ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Pastorale Räume“ der Pfarrei „Maria Rosenkranzkönigin“. Wie er kamen über 100 Vertreter aus den Kirchengemeinden des Erzbistums am Mittwoch ins Kathedralforum St. Hedwig. Sie alle wollten wissen, was sich im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ bislang getan hat und wie es nun, in Zeiten ohne Bischof, weitergehen wird.

Der Diözesanrat hatte zum Zweiten Abendgespräch über den Prozess der pastoralen Neugestaltung eingeladen. Auf dem Podium standen der stellvertretende Diözesanadministrator Tobias Przytarski für die Bistumsleitung sowie der geistliche Begleiter des Pastoralen Prozesses, Bischofsvikar Stefan Dybowski, und der Leiter der Stabsstelle „Wo Glauben Raum gewinnt“, Markus Weber, Rede und Antwort. Moderiert wurde die Diskussion von Dr. Maria Sternemann, Vorsitzende des Sachausschusses „Pastorale Entwicklung“ des Diözesanrates.

Wie eine Umfrage im Vorfeld des Abends ergab, sehen sich die meisten Gemeinden noch am Anfang der Findungsphase, nicht wenige gaben jedoch auch an, schon mittendrin zu sein. Bislang jedoch scheint der Prozess eher eine Sache der Kirchengemeinden. Verbände und Institutionen meldeten sich nur zaghaft. Die muttersprachlichen Gemeinden für ausländische Katholiken, immerhin 25 Prozent aller katholischen Christen im Erzbistum, gaben keine Rückmeldung.

Der Hirte ist weg, was nun?

Gleich zu Beginn des Podiumgespräches stellte Prälat Przytarski klar: auch wenn der Initiator, Kardinal Rainer Maria Woelki, das Erzbistum Berlin verlässt, am pastoralen Prozess ändert das nichts. „Der Weggang von Kardinal Woelki hat keinen Einfluss auf den Prozess. Es gibt jetzt keine große Pause, in der sich erst einmal alle zurücklehnen können. Nein, die Rahmenbedingungen sind klar. Es gibt keinen Grund jetzt zu stoppen oder langsamer zu machen.“ Prälat Przytarski machte zudem deutlich, dass ein Diözesanadministrator weder die Befugnis habe, Grundsatzentscheidungen des ehemaligen Erzbischofs von Berlin zurückzunehmen noch eigene Grundsatzentscheidungen zu treffen.

„Der Hirte ist weg! Ist jetzt die Stunde der Herde?“ Pastoralreferentin Lissy Eichert gab mit ihrem geistlichen Impuls zum Einstieg in den Abend einen Denkanstoß, der die Diskussion anregte. Prälat Dybowski griff die Vorlage gleich dankbar auf. Er bezeichnete es als seine größte Sehnsucht, dass die Katholiken in den Gemeinden selbst zu Initiatoren des Prozesses werden, den Prozess zu ihrer eigenen Sache machten und nicht auf neue Initiatoren warteten. Gleichzeitig warnte er, die Diskussion in den Gemeinden auf eine Strukturdebatte zu verkürzen. „Wir dürfen vor lauter Schiffsbau nicht die Sehnsucht auf das Meer vergessen.“

Christen für die Stadt, nicht in der Stadt

Die zahlreichen Wortmeldungen zeigten, dass Gemeinden den pastoralen Prozess längst auch als geistliche und inhaltliche Entwicklungschance sehen. Es schien, als würde nach rund anderthalb Jahren nicht mehr die Konzentration auf den Pfarrgrenzen liegen. Vielmehr erhält die Frage Auftrieb, wie die Inhalte der neuen pastoralen Räume aussehen könnten. „Wir müssen weg von der Versorgungmentalität und unserer Fixierung auf das Innere unserer Gemeinden. Wir müssen nach draußen. Wir sind mit unserem Glaubenszeugnis in der Welt gefragt. Wir sind nicht Christen in Hohenschönhausen, sondern Christen für Hohenschönhausen“, forderte ein Mann einen Wandel in den Köpfen. Ein weiterer merkte an, dass die aktiven Gemeindekatholiken zu sehr mit sich zufrieden sind und ihnen niemand fehlen würde, auch nicht die 85 Prozent der Gemeindemitglieder, die nie kommen. Ein anderer forderte in seiner Wortmeldung klarere Grundkriterien für die Gespräche in den Gemeinden. „Was brauchen wir, um wieder wachsende Gemeinde zu werden? Wie können wir die Menschen mit dem Wort Gottes erreichen? Was für eine Sprache brauchen wir dazu?“ Ein Vertreter einer englischsprachigen Gemeinde vermisste Vertreter der vielen ausländischen Katholiken im Erzbistum. Er warf die Frage auf, ob die Pfarreien zu wenig von ihren ausländischen Gemeindemitgliedern wüssten, ob die Pfarreien noch zu Deutsch seien. Um den Prozess eine mehr geistliche Dynamik zu geben, forderte ein Mann ein 40-stündiges Gebet im gesamten Erzbistum.

Ängste kamen ebenso zur Sprache wie Hoffnungen. Ein Familienvater aus der Prignitz erzählte von den Befürchtungen, dass ein noch größerer Raum für viele auf dem Land nicht mehr zu bewältigen sei. Schon jetzt fahre er jeden Sonntag mit seinen Kindern 25 Kilometer einfach, um die Messe zu besuchen. Ein Herr äußerte die Angst, dass die wenigen Pfarrer völlig überlastet zusammenbrechen. „Wie können wir die Priester künftig entlasten? Welche Aufgaben wie Beerdigungen, Taufen, Gottesdienste dürfen durch Laien übernommen werden?“ „Wir brauchen Leitung in einer Gemeinde, wir brauchen einen Kern. Ebenso brauchen wir sonntägliches Leben immer zur gleichen Zeit im selben Raum. Wir brauchen die Eucharistie“, äußerte ein Herr die Befürchtung, dass sämtliches Leben in seiner bisherigen Gemeinde zusammenbrechen könnte. Eine Frau aus einem Kirchenvorstand sprach von Unsicherheiten in der Frage, wie die Gebäude finanziert und instand gehalten werden können. „Sind die Pastoralen Räume künftig finanziell überhaupt in der Lage, ihre Gebäude zu erhalten?“

Hoffnung als Leitfaden

In konstruktiver Weise und in dem Bewusstsein gemeinsam auf dem Weg zu sein, gab das Podium sachliche Antworten. So konnte Markus Weber die Angst vor finanziellen Mehrbelastungen nehmen und stellte klar: „Wenn ein Pastoraler Raum steht, wird für ihn eine umfassende Finanz- und Immobilienanalyse erstellt.“ Prälat Przytarski unterstrich, dass sich die Gemeinden als erstes fragen sollten, was sie künftig in den Pastoralen Räumen vorhaben. „Dann erst stellen sich die Fragen: was brauchen wir dazu und wie finanzieren wir das?“ Prälat Stefan Dybowski riet Gemeinden auf der Suche nach Inhalten, mit dem Begriff der Hoffnung zu arbeiten. „Wo können durch uns Menschen neue Hoffnung schöpfen, die gerade hergezogen sind, die eine Trennung, eine Scheidung hinter sich haben, die arbeitslos sind, die als Ausländer sich nur schwer integrieren?“

Nach zwei Stunden Diskussion zeigte sich Daniel Eckardt über den Abend zufrieden. Er fühle sich ermutigt, neue Wege in seiner Gemeinde zu gehen, auch wenn noch viele Ungewissheiten vor allen Beteiligten liegen. „Inhaltlich zu überlegen, wie es mit der Kirche und unserem Glauben in unserer gesellschaftlichen Situation weitergehen kann, ist dringend notwendig, um auch unseren Kindern eine Zukunft im Glauben zu ermöglichen“, sieht Eckardt den rechten Zeitpunkt für einen Pastoralen Prozess gekommen. So trägt sich seine Gemeinde mit dem Gedanken, die Kirche unweit der belebten Schlossstraße künftig als Citykirche zu betreiben. Was den Prozess in seinen Augen erschwere, sei allerdings die Tatsache, dass nach der erst vor wenigen Jahren vollzogenen Fusion erneut strukturelle Fragen beantwortet werden müssen.