„Du bewegst die Kirche“Besuch in der Zukunftswerkstatt der Pfarrei St. Ludgerus im Bistum Essen

Vor sechs Jahren wurde die Struktur geschaffen, in der ursprünglich vier selbständige Pfarreien zu einer Pfarrei zusammen geführt wurden. Mehr und mehr gestaltet sich die Suche, wie dieser neue Raum pastoral erschlossen werden kann. Auf diese Situation traf Markus Weber bei seinem Besuch im Bistum Essen. Der Leiter der Stabsstelle zum Pastoralen Prozess in Berlin nahm an der Zukunftswerkstatt der Propsteipfarrei St. Ludgerus in Essen-Werden teil. Als Gastredner gab er den versammelten 120 Pfarreimitgliedern zum Thema „Wo Glauben Raum gewinnt“ einen Impuls mit auf den Weg.

Mit der Zusammenführung der ehemaligen Pfarreien Christus König, St. Kamillus, St. Ludgerus und St. Markus entstand im Februar 2008 eine neue Pfarrei im Süden von Essen für rund 17.000 Katholiken. Zwar vereint, arbeitete trotzdem jede Gemeinde lange für sich in ihren gewohnten Grenzen weiter. Jetzt sei die Zeit gekommen, um eine gemeinsame Pastoral zu entwickeln, so der Wunsch von Propst Jürgen Schmidt, der Pfarrer der Propsteigemeinde. „Wir wollen die Struktur mit Inhalt füllen, die Menschen stärker miteinander in Kontakt bringen und die Pfarrei zukunftsfähig entwickeln.“ Die Gläubigen in den Gemeinden hätten in den vergangenen Jahren wahrgenommen, dass sie viele Angebote nicht mehr allein aufrechterhalten könnten. „Sie haben deutlich gespürt, dass sie auf Kooperationen mit ihren Nachbargemeinden angewiesen sind und sich dabei gegenseitig stärken können.“

Dialogprozess im Bistum Essen

Der Aufbruch der Pfarrei St. Ludgerus steht im Kontext eines bistumsweiten Dialogprozesses, den Bischof Franz-Josef Overbeck im Jahr 2011 kurz nach seinem Amtsantritt angestoßen hatte. Innerhalb des Dialogprozesses unter dem Motto „Du bewegst die Kirche“ kristallisierten sich sieben Schlaglichter heraus, wohin sich die Kirche im Ruhrbistum in Zukunft entwickeln soll: Kirche soll „berührt, wach, vielfältig, lernend, gesendet, wirksam und nah sein“, sie soll „einen Blick für die Lebenswirklichkeit der Menschen haben, offen für Vielfalt sein, diakonisch handeln und nah bei den Menschen sein“, heißt es im Zukunftsbild der Diözese. Das Bistum reagiert damit unter anderem auf den kontinuierlichen Rückgang seiner Mitglieder. Lebten am Gründungstag der Diözese 1958 noch 1,4 Millionen Katholiken im Bistum Essen, sind es heute noch 830.000 – Tendenz weiter sinkend.

Die Zukunftswerkstatt der Pfarrei St. Ludgerus unter dem Titel „Vielfalt entdecken. Früchte ernten“ griff die Erkenntnisse des Dialogprozesses auf und entfaltete sie für die Pfarrei. Die 120 engagierten Teilnehmer fragten sich in Gesprächsgruppen: „Wie möchten wir das Evangelium verkünden? Wie möchten wir dem Nächsten dienen? Wie möchten wir Gemeinschaft fördern? Wie möchten wir Gottesdienst feiern?“ Durchgehend war zu hören, dass wir als Kirche das Evangelium auf Augenhöhe verkünden sollen“, resümiert Propst Schmidt. „Die Menschen im Essener Süden suchen Kirche im persönlichen Kontakt, in der persönlichen Ansprache, in der persönlichen Begegnung.“ 

Ein sichtbarer Aufbruch

Das gesteckte Ziel sei erreicht worden, zeigt sich Propst Schmidt zufrieden, mit der Zukunftswerkstatt. Sie habe interessierte Menschen zusammengebracht, die die Pfarrei gestalten und entwickeln wollten. „Die Leute sind begeistert und motiviert nach Hause gegangen. Es hat einen sichtbaren Aufbruch in der Pfarrei in diesen Tagen gegeben.“ Vor allem der offene Austausch über Fragen des eigenen Glaubens habe die Teilnehmer sehr berührt und nachdenklich gestimmt. Inhaltlich, so Schmidt, setzten die Tage, an denen die Teilnehmer gemeinsam beteten, gesellig beieinander saßen, intensiv in großen und kleinen Gruppen diskutierten und zum Ende zusammen Eucharistie feierten, vor allem drei Fragestellungen auf die Tagesordnung der Gremien:„Wie wollen wir künftig Gottesdienst mit all den Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen feiern? Wie kommen wir im urbanen Kontext mit Menschen in Kontakt? Und: Wie können wir uns intensiver sozialen Fragen widmen, gerade im Blick auf die Ankunft und Aufnahme von Flüchtlingen in unseren Stadtteilen?“

Ähnliche Fragen wie in Berlin

Nach zahlreichen Gesprächen mit Gemeindemitgliedern und Verantwortlichen resümierte Markus Weber: „Die katholischen Christen in Essen stehen vor ähnlichen Fragen, wie die Katholiken in Berlin. Auch hier gilt es stärker zwischen Gemeinden zu kooperieren, auch hier suchen die Menschen einen Weg, wieder sprachfähig in Sachen Glauben zu werden, auch hier leiden Gottesdienstgemeinden unter Überalterung.“ Der Blick über den Tellerrand bestätigte ihn: „Wir sind auf dem richtigen Weg, können aber auch noch viel von anderen lernen, wie Katholiken in weiteren deutschen Bistümern die Zukunftsgestaltung von Kirche angehen.“ Fasziniert hatte ihn der spirituelle Rahmen der Zukunftswerkstatt: voraus das Taufgedächtnis jedes einzelnen, am Ende die gemeinsame Eucharistie.

Gelernt hat Weber aber auch: Zuerst Strukturen festzuklopfen und sich Jahre später mit der inhaltlichen Ausprägung des Pastoralen Raumes, der neuen Pfarrei, zu beschäftigen, kann wesentlich mühsamer sein, als den Pastoralen Raum erst nach einer gemeinsamen Findungsphase zu bilden und die neue Pfarrei nach der 3 jährigen inhaltlichen Entwicklungsphase zu gründen. „Findungs- und Entwicklungsphase bringen uns im Erzbistum Berlin den Vorteil, dass die Gemeinden gemeinsam mit den Orten kirchlichen Lebens das Heft über ihre Zukunft während gesamten Prozess, im inhaltlichen wie im strukturellen, in der Hand behalten. Sie können ihre kirchliche Zukunft konkret mitplanen, von den Inhalten zu den Pfarreigrenzen, zu den Gebäuden und den personellen Ressourcen bis hin zur Struktur und später darauf aufbauen.“