Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

„Ein Zuhause mit offener Tür“Der Pastorale Raum Usedom/Anklam/Greifswald auf dem Weg zum Pastoralkonzept

Aus dem Pastoralausschuss v. r.: die Moderatoren Klaus Grothe und Thilo Tröger, Ingrid Uhlemann und Benita Geiger sowie Verwaltungsleiter Markus Kolbe.

„Unser Pastoralkonzept steht“, das können noch sehr wenige Pastorale Räume im Erzbistum Berlin von sich sagen. Der Pastorale Raum Usedom/Anklam/Greifswald allerdings ist schon so weit.

„Wir sind schon in der Findungsphase stärker zusammengewachsen“, erinnert sich Benita Geiger an die erste Zeit im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“. „Wir haben bereits da verbindliche Prämissen formuliert, die heute das Fundament unseres Pastoralkonzeptes bilden.“

Mit Ingrid Uhlemann von der Steuerungsgruppe und den Moderatoren Thilo Tröger und Klaus Grothe sowie Verwaltungsleiter Markus Kolbe ist Geiger in den Gemeindesaal von St. Joseph in Greifswald gekommen. Die Gruppe lässt Revue passieren, welchen Weg ihr Pastoraler Raum seitdem zurückgelegt hat. Noch vor Errichtung des Pastoralen Raums am 14. Dezember 2016 legte eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der drei Pfarreien Stella Maris Usedom, Salvator Anklam und St. Joseph Greifswald mit den „Prämissen“ den ersten inhaltlichen Grundstein für die Zukunft als gemeinsame Pfarrei. „Auch wir waren damals in Zinnowitz schon dabei“, erinnert sich Moderator Tröger an die Klausurtagung.

In der Runde wird schnell deutlich: der Pastorale Raum Usedom/Anklam/Greifswald zeigt sich im Pastoralen Prozess innovativ und offen. So wählten sich die drei Pfarreien zwei Moderatoren mit Außenblick, zwei konfessionell ungebundene Kommunikationswissenschaftler der Universität Greifswald. Und auch die Entschlossenheit, frühzeitig gemeinsam zu handeln, setzte sich fort. So meint Kolbe, von Verwaltungsseite könnte die Errichtung der neuen Pfarrei eher heute als morgen erfolgen. Wenig verwunderlich ist es da, dass auch das Pastoralkonzept in Aufbau wie Inhalt eine innovative Sprache spricht.

Geschickt gegliedert

Die Prämissen bilden so etwas wie die Präambel. Sie beschreiben einen Teil der Vision, wohin die Reise in einer gemeinsamen neuen Pfarrei gehen soll. Einen anderen Teil erarbeitete der Pastoralausschuss zum Thema Kirchenbild. „Diese Sitzung in Anklam war zentral“, betont Moderator Grothe: „Im Sinne von Leitbild entstand sehr viel Klarheit darüber, was die drei Ausgangsgemeinden mit ihrer neuen Pfarrei künftig sein wollen.“ „Ein Zuhause mit offener Tür“, nennt Ingrid Uhlemann das Kirchenbild, das sich dabei herauskristallisiert hat, „wenn das Zuhause funktioniert, klappt es auch, neuen Mitgliedern und suchenden Menschen Türen zu öffnen.“

„Das Pastoralkonzept ist mit acht Seiten recht kurz, hat dafür aber einige Anhänge“, macht Geiger auf den besonderen Aufbau aufmerksam, den sich der Pastoralausschuss erdacht hat. Formulieren die vorangestellten Prämissen die Vision für die Pastoral, benennt das eigentliche Pastoralkonzept den Ist-Zustand in den Gemeindeteilen und beschreibt Ziele in sechs Arbeitsfeldern, denen geistliche bzw. biblische Leitgedanken voranstehen: „Spiritualität, Liturgie, Kirchenmusik“, „Kinder, Jugend und junge Familien“, „Senioren“, „Diakonisches Handeln“, „Weitere Arbeitsfelder in der Seelsorge“ und „Struktur“. 

In sechs Anhängen folgen schließlich die konkreten Maßnahmen, wie diese Ziele erreicht werden sollen. „Wir brauchen bei einer Evaluation in zwei Jahren im Grunde nur die Anhänge überprüfen und müssen nicht gleich das ganze Pastoralkonzept hinterfragen“, erklärt Geiger den großen Vorteil dieser Herangehensweise. „Unser Pastoralkonzept bleibt dadurch sehr lebendig und kann mit der neuen Pfarrei mitwachsen.“

Maßnahmen im Sinne von Vision und mit Blick auf Ist-Stand-Analyse

Die eigentlichen Inhalte wurden von den sechs Arbeitsgruppen entwickelt. Sie formulierten die Ziele und übersetzten die weitgreifende Vision in konkrete Maßnahmen. Dazu werteten sie die Daten der Ist-Standerhebung aus – Sozialraum- und Gemeindeanalysen – und interpretierten sie für ihre Arbeitsfelder. So macht Uhlemann auf die Stärken der einzelnen Gemeinden aufmerksam, die sich in der Ist-Analyse zeigten. „Wenn wir Pfunde, wie die Vielfalt an Gruppen und Kreisen in St. Joseph oder das hohe ehrenamtliche Engagement in Anklam und Wolgast, auch in Zukunft erhalten wollen, brauchen die Gemeinden Unterstützung durch die Pfarrei.“

Geiger verweist auf die Auswertung der Altersstruktur mit entsprechenden Konsequenzen: „In Anklam leben viele ältere Katholiken, so dass die Seniorenarbeit dort einen Schwerpunkt braucht.“ Gleichzeitig gelte es, für die wenigen Kinder und Jugendlichen Anklams Gemeinschaft mit ihren Altersgenossen der anderen Gemeinden zu ermöglichen, zum Beispiel mittels der zentralen Religiösen Kinder- und Jugend-Tage.

Auch dass es viele Kranken- und Reha-Kliniken im Pastoralen Raum gibt – über 2.000 Betten –, oder wie stark der Tourismus das katholische Leben auf Usedom beeinflusst, trat mit der Ist-Analyse zutage. Zugleich zeigte sich, dass Haupt- wie Ehrenamtliche bereits zu ausgelastet sind, um eine notwendige Tourismus- und Krankenhausseelsorge zu schultern. Dafür brauche es eigene personelle Lösungen, erklärt Kolbe, was ins Pastoralkonzept als Ziel einfloss, aber: „Es muss erst einmal jenseits der örtlichen Gemeindearbeit ein Problembewusstsein dafür wachsen“.

Zwischenstruktur in großer Weite

Eine der größten Herausforderungen der künftigen Pfarrei bleibe allerdings die Diaspora-Situation mit ihren weiten Wegen, bekräftigen alle in der Runde. Etwa 5.400 Katholiken leben im Pastoralen Raum Usedom/Anklam/Wolgast zerstreut auf mehr als 2.300 Quadratkilometer. „Wenn man sieht, wie mal ein Katholik in der einen Ortschaft, mal zwei in der anderen wohnen, bekommt man ein ganz anderes Gefühl für die Bedürfnisse der Gemeindeglieder“, meint Geiger mit Blick auf die Ist-Analyse, „wie dringend ein Fahrdienst gebraucht wird oder wie nötig Gemeinschaftserfahrung in dieser Vereinzelung ist“.

„Um Nähe in der Weite herzustellen, braucht es eine Struktur zwischen der starken Gottesdienstgemeinschaft und den speziellen Bedürfnissen der einzelnen“, erklärt Uhlemann die Antwort des Pastoralkonzepts auf diese große Anfrage. So sollen künftig Kreise und Gruppen wachsen, in denen Glaubende in kleinem Rahmen zusammenkommen, sich austauschen, die Bibel lesen, miteinander beten, Gemeinschaft im Glauben erfahren. „Und es soll Gemeindeälteste geben, die die Menschen vor Ort im Blick haben“, so Uhlemann.

Viel zu viele gute Ideen

„Am Anfang hatten wir in den Arbeitsgruppen viel zu viele gute Ideen“, berichtet Geiger von der Arbeit des Pastoralausschusses. Das 32-köpfige Gremium aus Vertretern der Gemeinden und Orten kirchlichen Lebens stand vor der Herausforderung, anhand von Vision und Kirchenbild diese Ideen zu sondieren und zu sortieren. Er musste entscheiden, was machbar ist, was erstmal hintenangestellt wird und was als Utopie im Rahmen eines Pastoralkonzeptes keinen Platz hat. Kam der Pastoralausschuss nicht weiter, „bebetete“ er das Problem. „Dann kehrte Ruhe ein, und man kam wieder zu sich“, beschreibt Geiger diese spirituellen Momente: „Man hatte Zeit, über alles nachzudenken und es ins Gebet zu nehmen, bevor weiter diskutiert wurde.“

Nun befindet sich der Pastorale Raum auf der Zielgeraden. Am 1. Januar 2020 möchten die drei Pfarreien in Vorpommern den Schritt zur gemeinsamen, neuen Pfarrei vollziehen. Einige Maßnahmen, die im Pastoralkonzept stehen, werden jetzt schon umgesetzt wie eine gemeinsame, mehrtägige Seniorenwallfahrt. Die Moderatoren Tröger und Grothe sind zufrieden: „Der Pastoralausschuss hat sich zu Anfang vorgenommen: ,Wir wollen zusammenwachsen und zusammen wachsen‘, das hat bislang gut geklappt“.

Hilfestellung und Begleitung auf dem Weg zum Pastoralkonzept