Eine pastorale ChanceNetzwerke zwischen Einrichtungen der Caritas und den Kirchengemeinden bereichern das pastorale Leben

Die Direktorin des Caritasverbandes im Erzbistum Berlin, Ulrike Kostka. Foto: Caritas

Der Pastorale Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ berührt vielfach die Arbeit der Caritas im Erzbistum. Pastoral und Caritas vernetzen sich, um Kirche spürbar werden zu lassen. Ein Vorgeschmack darauf bildete der erste Caritas-Pastoral-Tag Anfang Juli. Mit der Direktorin des Caritasverbandes im Erzbistum Berlin, Professorin Dr. Ulrike Kostka sprach Alfred Herrmann.

Das Erzbistum Berlin steht mitten im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“. Zahlreiche Pfarreien sind in die Entwicklungsphase gestartet. Wo steht die Caritas in diesem Prozess?

Die Caritas befindet sich mittendrin. Das bedeutet, wir gehen auf der einen Seite den Prozess intensiv mit. Auf der anderen Seite merken wir allerdings, dass wir immer wieder die Aufmerksamkeit in unseren Diensten und Einrichtungen und bei unseren Ehrenamtlichen auf das Thema lenken müssen. In den Pfarrgemeinden ist das, glaube ich, nicht viel anders. Für viele, die sich in der praktischen Arbeit am Menschen engagieren, ist der Pastorale Prozess oft sehr weit weg. Sie realisieren nur selten, dass der Prozess auch etwas mit ihnen und mit ihrer konkreten Arbeit zu tun haben kann.

Sie haben gemeinsam mit dem Erzbistum das Projekt „Caritas rund um den Kirchturm“ initiiert. Wo liegen die Ziele und wo die Chancen im Pastoralen Prozess?

Wir wollen die verbandliche Caritas enger mit den Gemeinden verknüpfen. Es gibt Caritas-Einrichtungen, die sehr intensive Kontakte zu ihrem kirchlichen Umfeld pflegen. Allerdings gibt es auch genügend andere, die mit dem Gemeindeleben kaum in Berührung kommen. Umgekehrt muss auch in vielen Gemeinden erst das Bewusstsein wachsen, dass eine engere Zusammenarbeit mit der Caritas ein wichtiges Thema ist. Eine große pastorale Chance liegt darin, dass sich Gemeinden für soziale Themen und für ihr soziales Umfeld weiter öffnen und ihren diakonischen Auftrag neu für sich entdecken. Unsere Aufgabe ist es, sie dabei zu begleiten.

Was heißt das konkret für die Caritas?

Caritaseinrichtungen sind dabei, ihren Blick für das kirchliche Umfeld zu stärken. Sie arbeiten seit jeher mit vielen sozialen Partnern zusammen. Nun werden sie sich auch intensiver mit den Kirchengemeinden vernetzen und sich als Teil eines Pastoralen Raumes verstehen. Ich möchte versuchen, dass diese Zusammenarbeit mit den Gemeinden für die Caritas etwas ganz Selbstverständliches wird und sie nicht von einzelnen Personen abhängt. Wir versuchen das systematisch zu entwickeln und festzuschreiben. Da befinden wir uns im Prozess.

Wie können Pfarreien vom Zusammenwirken mit der Caritas profitieren?

Mit den Diensten der Caritas kommen viele Menschen in Berührung, die sonst kaum einen Zugang zur Kirchengemeinde hätten. Sie arbeiten an den Rändern der Gesellschaft, widmen sich Armut und sozialen Nöten. Gemeinden sind hingegen oftmals durch die Mittelschicht geprägt. Die Caritas kann den Gemeinden daher sehr gut dabei helfen, herauszufinden, welche Menschen in ihrem Sozialraum leben, was diese Menschen beschäftigt und mit welchen Problemen sie konfrontiert sind. Wenn Gemeinden erst einmal über ihren Sozialraum Bescheid wissen, können sie ihre caritativen Angebote ganz anders ausrichten, abgestimmt auf die Bedürfnisse der Menschen.

Hilft es, wenn ein Pfarrgemeinderat die Beratungsstellen, das Krankenhaus, das Hospiz in seinem Pastoralen Raum besucht?

Ja, sicherlich. Das Weltbild einer Gemeinde kann dadurch sogar verändert werden. Das habe ich erlebt, als Gemeinden unsere Beratungsstelle für Wohnungslose besucht haben und wir uns ausgetauscht haben über die Lebenssituation der Betroffenen. Das Erstaunen war groß, wie viele Wohnungslose es in ihrem Umfeld gibt. Im Anschluss haben sie Ideen entwickelt, was sie konkret für diese Menschen machen können. Da ist etwas in Bewegung gekommen.

Was kann man daraus für den Pastoralen Prozess lernen?

Meine Erfahrung ist es, man sollte den Prozess nicht so sehr als theoretischen Diskurs ansehen, sondern stärker als praktischen Weg leben. Wir können uns noch so oft treffen und uns fragen, was uns verbindet, wir können noch so viele Begegnungsrunden planen. Widmen wir uns gemeinsam einem konkreten Anliegen, wie zum Beispiel dem Engagement für Flüchtlinge, kommen wir uns sehr viel schneller näher. Es gilt, die hehren konzeptionellen Begriffe zu erden. Ansonsten wird alles zu theoretisch.

Wo hilft die Vernetzung außerdem in der Praxis?

Die Caritas kann Brückenbauer sein hin zu zivilgesellschaftlichen Akteuren, wie in der Region Pasewalk: im Rahmen des Projektes „Caritas rund um den Kirchturm“ haben wir dort eine polnisch-sprechende Mitarbeiterin, die sehr viel mit dem Pfarrer vor Ort unterwegs ist und sie so zusammen Zugang zu ganz verschiedenen verschiedene Gruppe bekommen. Auch besitzt die Caritas vielerorts einen guten Zugang zur Politik. Allerdings sind wir keine Besserwisser, sondern wir besitzen spezielle Talente ebenso wie die Gemeinden. Wenn wir diese Talente zusammen geben und gemeinsam nutzen, können wir eine Menge im Sinne unseres Auftrags bewirken.

Was wäre der Vorteil, wenn Pfarreien besser über das Engagement der Caritas Bescheid wüssten?

Menschen mit sozialen Problemen wenden sich nicht selten an die Gemeinden oder an den Pfarrer. Alleine, wenn in jeder Gemeinde jemand sagen könnte, in welche Beratungsstelle man mit welchen Problem gehen kann, wäre vielen geholfen. Außerdem könnte das Ehrenamt in einer Gemeinde von der Vernetzung mit der Caritas profitieren. Viele Gemeinden erleben sich als schrumpfend. Über soziale Themen können sie eine neue Außenorientierung gewinnen und attraktiv für Menschen werden, die sich sozial engagieren möchten.

Das eröffnet ja ganz neue Zugänge…

Die Caritas bildet eine Kontaktfläche in Welten hinein, in denen Menschen anzutreffen sind, die sich bislang vom normalen gemeindlichen Leben nicht ansprechen lassen. Ich erinnere mich an Informationsabende, mit denen wir Ehrenamtliche als Vormund für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gesucht haben. Über 500 Menschen kamen zu diesen Abenden. Darunter waren engagierte Gemeindemitglieder, aber auch viele Katholiken, die mit der Gemeinde bislang wenig zu tun hatten, und auch etliche, die aus der Kirche ausgetreten waren. Über ihr Ehrenamt kamen sie mit Kirche erneut in Kontakt.

Caritative Orte werden auf diese Weise zu pastoralen Orten?

… aus meiner Sicht sind sie es schon längst. Caritas ist ein toller Erfahrungsort von biblischer Botschaft. Wenn ich alleine daran denke, wie viele Mitarbeitende, ob nun ehrenamtlich oder hauptberuflich, Kirche durch uns erleben und sich davon angesprochen fühlen. Caritasarbeit ist nicht nur eine Außenstation von Kirche, sondern Caritasarbeit selbst ist Kirche. Gemeinden sollten Caritaseinrichtungen daher viel mehr als zu sich gehörend erfahren anstatt als erstes zu denken: „Die kommen ja am Sonntag nie in den Gottesdienst.“

Wie können Gemeinden diese Orte kirchlichen Lebens der Caritas für ihre Pastoral nutzen?

Zahlreiche Gemeinden klagen darüber, dass keine Kinder mehr in den Gottesdienst kommen. Sie könnten prüfen, ob es vielleicht eine Caritaseinrichtung in der Nähe gibt, die Angebote für Kinder macht. Mit solch einer Einrichtung gemeinsam zu überlegen, ob man etwas zusammen auf die Beine stellen könnte, das wäre ein erster Schritt. Vielleicht lässt sich ein freier Raum der Gemeinde als Winterspielplatz einrichten, mit Kaffeeecke für Elterngespräche. Es gibt viele Möglichkeiten.

Das Interview finden Sie in der neuen Tag-des-Herrn-Beilage "Auf dem Weg", das ab dem 11. September in den Kirchen ausliegt. Online einsehbar ist "Auf dem Weg" hier