Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

„Eine sehr coole Arbeit“Andreas Matschoß über seine Zeit als Moderator im Pastoralen Raum Tiergarten-Wedding

Andreas Matschoß. Foto: Herrmann

Die neue Ausgabe von "Auf dem Weg".

Mit der Gründung der neuen Pfarrei St. Elisabeth zum 1. Januar diesen Jahres befindet sich der Pastorale Raum Tiergarten-Wedding nun auf der Zielgeraden. Andreas Matschoß, Referent des BDKJ zur Unterstützung der Jugendverbände in Schulung und Entwicklung von Spiritualität, begleitete den über 50-köpfigen Pastoralausschuss als Moderator durch die Entwicklungsphase. Über seine Erfahrungen sprach der 42-jährige studierte Medienpädagoge mit Alfred Herrmann für die Zeitung zum Pastoralen Prozess „Auf den Weg“. Sie liegt ab diesem Wochenende wieder in den Kirchen aus und dem „Tag des Herrn“ bei.
Frage: Warum wurden Sie Moderator?

Matschoß: Neben dem Alltag als Schulungsreferent in der katholischen Jugendarbeit noch eine weitere, völlig andere Aufgabe zu übernehmen und noch dazu einen tieferen Einblick in den Pastoralen Prozess zu gewinnen, das empfand ich schon vor drei Jahren als eine spannende Herausforderung.

Was macht ein Moderator?

Zunächst einmal eine ansprechende Sitzungskultur herstellen. Die Mitglieder eines Pastoralausschusses, die größtenteils ehrenamtlich ihre Zeit investieren, haben Anerkennung verdient, in dem die Sitzung gut vorbereitet ist, jeder persönlich willkommen geheißen wird, es etwas zu trinken gibt, der Sitzungsablauf jederzeit visuell gut nachvollziehbar ist. Während der Sitzung bin ich derjenige, der schaut, dass jeder angemessen zu Wort kommt, kein Gesprächsbedarf untergeht und Konflikte frühzeitig angesprochen werden. Der Moderator dient der Entlastung, damit alle gleichberechtigt diskutieren können. Aber da erst einmal hinzukommen, hat eine Weile gedauert.

Warum das?

Pfarrer sind es gewohnt, Sitzungen zu moderieren und auch die meiste Redezeit zu beanspruchen. Umgekehrt hat es viele irritiert, dass sie nicht ständig einen Pfarrer, sondern mich, den Moderator vorne sahen, oder dass nicht der Pfarrer sofort antwortete, sondern zunächst ich die Frage aufnahm, um sie entsprechend weiterzugeben.

Wie sind Sie mit Konflikten und hitzigen Debatten umgegangen?

Wenn etwas besonders Kontroverses auf der Tagesordnung stand, bin ich zur Seite getreten, um zu zeigen: der Leitende Pfarrer sitzt mitten in der Gesprächsrunde und diskutiert mit. Damit ein Konflikt nicht schon im Vorhinein ausbrach, arbeitete ich alle Fragen ganz strikt nacheinander ab. Und um Emotionen zu bremsen und am Ende zu Ergebnissen zu kommen, musste ich immer wieder deutlich machen, welcher Sachverhalt gerade diskutiert wird. Insgesamt lief aber alles sehr diszipliniert ab. Zu keinem Moment brach Chaos aus. Das war schon sehr erstaunlich.

„Der Leitende Pfarrer sitzt mitten in der Gesprächsrunde und diskutiert mit“

Wie schafft man es bei über 50 Leuten, dass die Gesprächsrunden nicht ausufern?

An den einzelnen Standorten, die zu einer gemeinsamen Pfarrei zusammenfinden sollen, hängt viel Herzblut. Da wird natürlich auch viel Emotionales vorgebracht. Das ist wichtig. Wenn aber das Gleiche zwei- oder dreimal gesagt wurde, musste ich als Moderator einschreiten und auch schon mal zur Ordnung rufen.

Neutralität ist das oberste Gebot eines Moderators. Wie gelingt es, neutral zu bleiben? 

Neutralität im Pastoralausschuss zu wahren, ist relativ einfach, da ich die Sitzungen nur moderiere und damit alles Inhaltliche gut ausblenden kann. Neutralität in der Steuerungsgruppe, die den Pastoralausschuss vorbereitet, ist schon schwerer. Inhaltlich hielt ich mich auch dort raus. Aber ich ließ es mir nicht nehmen, als Außenstehender gezielt Verständnisfragen zu stellen oder dem Gremium noch einmal das widerzuspiegeln, was sie zuvor diskutiert hatten.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Vor der Verabschiedung des Pastoralkonzepts meldete ich zurück, wie ich es wahrnehme. Nichts Inhaltliches, sondern stilistisch, wo etwas eindeutig rüberkommt und wo nicht. Außerdem kannte ich den gesamten Entstehungsprozess und konnte feststellen, dass der Wunsch, sich nach außen zu öffnen, weniger stark vorkam, als eigentlich in der Schwerpunktsetzung vorgesehen war.

Welcher Aufwand war nötig für Ihr Engagement als Moderator?

Es brauchte regelmäßige Treffen mit dem Leitenden Pfarrer, dann die Sitzungen des Steuerkreises und des Pastoralausschusses mit entsprechender Vor- und Nachbereitung, dazu Meilensteingespräche mit der Stabsstelle. Es galt Personen und Arbeitsgruppen rechtzeitig anzufragen, damit Abläufe und Fristen eingehalten wurden und erforderliche Ergebnisse vorlagen, wenn Steuerkreis oder Pastoralausschuss sie diskutieren sollten.

Inwieweit vertreten Sie auch andere Moderatoren?

Ja, in zwei weiteren Pastoralen Räumen bin ich stellvertretender Moderator – im Nordosten Berlins und Königs Wusterhausen-Eichwalde. Allerdings musste ich noch nirgends einspringen. Dennoch heißt es, auch in diesen Räumen auf der Höhe zu bleiben, Protokolle zu lesen, eventuell auch mal in Sitzungen der Pastoralausschüsse anwesend zu sein.

Sie haben den Vergleich: Wie unterscheiden sich die Entwicklungsphasen in den Räumen?

Das ganz grobe Raster, die drei sogenannten Jahre, bleibt das Gleiche. Jedoch wie die verschiedenen Pastoralausschüsse arbeiten, ist komplett verschieden. Das fängt schon bei den Themenfeldern der Arbeitsgruppen an.

Wie geht es denn nun für Sie nach der Gründung von St. Elisabeth weiter?

Mit Potsdam-Mittelmark übernehme ich einen neuen Pastoralen Raum.

„Ruhig darauf vertrauen, dass am Ende etwas Gutes herauskommt“

Die letzten drei Jahre haben Sie also nicht mürbe gemacht?

Nein, Tiergarten-Wedding war eine sehr coole und sehr spannende Arbeit. Dadurch, dass es in Potsdam-Mittelmark ganz anders wird – ein anderes Bundesland, kein rein städtischer Raum, andere Akteure – empfinde ich es als schöne Herausforderung. Allerdings bin ich auch froh, dass St. Elisabeth abgeschlossen ist, besonders für die Beteiligten. So langsam war die Luft ein wenig raus.

Was nehmen Sie für sich persönlich mit?

Zum Beispiel wie ich in großen Gruppen agiere. Oder dass ich auch mit ganz simplen Dingen wie einer Ampelkarte scheitern kann, weil Menschen mit Farbsehschwäche diese nicht auseinander halten können. Zudem schule ich mittlerweile für den BDKJ Jugendliche aus Pastoralausschüssen. Denn als ich in meiner ersten Sitzung saß und sah, wer da alles so dabei ist, bekam ich gleich eine Ahnung, wie schwierig es gerade für Jugendliche sein kann, in einem so großen Gremium als einzige junge Menschen neben all den gestandenen Persönlichkeiten die eigenen Interessen einzubringen. Wir machen daher zum Beispiel Rhetoriktraining, damit sie die Leute richtig ansprechen und persönliche Bindungen aufbauen, bevor sie ihre Forderungen stellen.

Was hat es mit Ihrem Glauben gemacht?

Ich habe gelernt, dass man, auch wenn vorher nichts voraussehbar ist, ruhig darauf vertrauen kann, dass am Ende etwas Gutes herauskommt. Und ich habe gelernt, dass man darauf vertrauen kann, dass in der Vielfalt der Menschen, die zusammenkommen, genau das Potential vorhanden ist, das es braucht, um als Gemeinde alte Strukturen zu verlassen, sich neu zu orientieren und den Glauben neu zu entdecken.

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