„Es braucht große Beweglichkeit“Diözesanadministrator Tobias Przytarski über „Wo Glauben Raum gewinnt“

Der Pastorale Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ schien untrennbar mit Kardinal Rainer Maria Woelki verbunden. Seit zwei Monaten ist das Erzbistum nun vakant. Diözesanadministrator Tobias Przytarski leitet seitdem die Erzdiözese. Wie der Pastorale Prozess sich weiterentwickelt hat, darüber sprach mit Diözesanadministrator Przytarksi Alfred Herrmann.

Welchen Eindruck haben Sie vom Fortkommen des Pastoralen Prozesses?

Przytarksi: Ich bin erfreut, zu sehen, dass auch in der Zeit der Vakanz der Pastorale Prozess ohne ein erkennbares Nachlassen an Intensität und Kraft weitergeht. Es sagt niemand: „Jetzt ist kein Bischof mehr da, jetzt kann man das Ganze erst einmal ruhen lassen.“ Das erlebe ich nicht. Viele Gemeinden sind sehr engagiert dabei.

Welche Risiken birgt die Zeit der Vakanz?

Przytarksi: In der Zeit der Vakanz dürfen keine Grundsatzentscheidungen getroffen werden. Das betrifft aber den Prozess nicht, denn die grundsätzlichen Entscheidungen sind entweder längst getroffen oder sie stehen nicht unmittelbar an. Insofern können wir das fortsetzen, was begonnen wurde. Schwierig wird es erst, wenn die Vakanz sehr lange dauern sollte. Spätestens wenn Gemeinden am Ende der Findungsphase sich verbindlich als Pastorale Räume definieren möchten, stehen Grundsatzentscheidungen an, die nur ein Bischof fällen kann.

Wo liegen die Chancen?

Przytarksi: Die Vakanz wird als Gelegenheit zur Reflexion genutzt. Gerade die Zeit ohne Bischof macht vielen noch einmal klar, dass es richtig und notwendig ist, einen solchen Weg zu gehen. Es kommt Ruhe in das ganze Verfahren, die manchem gut tut.

Wo liegen die Notwendigkeiten für diesen Prozess?

Przytarksi: Das Gefühl ist bei allen, die sich aktiv in der Kirche beteiligen, ähnlich: es kann nicht einfach weitergehen wie bisher. Dass wir mit den klassischen Mitteln der Gemeindepastoral nur eine bestimmte Klientel erreichen und dass diese Klientel immer kleiner wird, diese Erfahrung machen wir schon seit Jahrzehnten. Dass viele zwar katholisch sind, aber nur wenige zur Gemeinde kommen, auch das wissen wir. Hinzu kommt, dass mittlerweile jeder vierte Katholik in Berlin und jeder fünfte im Erzbistum nicht deutscher Muttersprache ist. Im Gegenzug wissen wir aber auch, dass wir die Menschen in verschiedenen Lebensbezügen sehr wohl mit unseren Seelsorgern erreichen, im Krankenhaus, in der Schule, im Kindergarten, bei Taufen, bei Hochzeiten, bei Trauerfällen. Wir müssen stärker auf die Bedürfnisse der Menschen schauen, anstatt unsere Vorstellungen von Gemeinde für allgemein verbindlich zu halten. Das ist ein Umdenken, das nicht immer ganz einfach ist, für jedes Gemeindemitglied genauso wie auch für mich.

Was braucht es, um das Evangelium im urbanen, städtischen Raum zu verkünden und zu leben?

Przytarksi: Es braucht eine große Beweglichkeit. Die Beweglichkeit der Menschen, in der Familie, im Beruf, hat zugenommen, und wir müssen uns auch in der Pastoral darauf einstellen. Das bedeutet konkret: neben den klassischen Gemeinden wird es zunehmend andere Orte kirchlichen Lebens geben, die an Bedeutung zunehmen. Ein Beispiel: in zahlreichen Gemeinden, insbesondere in Berlin, sieht man nur noch selten Jugendliche. Aber man trifft sehr viele an den katholischen Schulen. Ist es nicht naheliegend, dort mehr zu investieren, auch personell, anstatt in die Jugendarbeit mancher Gemeinde? Das bedeutet jedoch nicht, dass es die klassische Gemeindearbeit nicht mehr braucht. Auch weiterhin müssen die Kinder zur Kommunion und die Jugendlichen zur Firmung geführt werden, die Alten betreut und die Toten beerdigt werden.

Was braucht es in der ländlichen Diaspora, um das Evangelium zu verkünden und zu leben?

Przytarksi: Auf dem Land braucht es vorrangig eine gute Vernetzung. Das ist zwar ein modernes Schlagwort, das viele nicht besonders sympathisch finden. Aber ich glaube, nur so kann Kirche insbesondere auf dem Land funktionieren: indem alle, die in irgendeiner Weise im kirchlichen Bereich engagiert sind, auch wirklich zusammenarbeiten und nicht nur nebeneinander her.

Orden setzen schon jetzt mit ihren Klöstern und Niederlassungen Zeichen für eine neue Pastoral …

Przytarksi: … ja, die Orden sind natürliche Verbündete im Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“. Sie können zu Motoren werden, da sie kaum auf Gemeindeseelsorge fixiert sind. Sie entdecken insbesondere in Berlin die Chance, ganz neue Formen von Pastoral auszuprobieren, um sie später deutschland- und europaweit umzusetzen. Die missionsärztlichen Schwestern gehen auf die Menschen in Marzahn zu, die Pallottiner gehen singend auf die Menschen zu, Chemin Neuf will in St. Adalbert eine Art Kloster in der Stadt aufbauen, Pater Herwartz bietet Exerzitien auf der Straße an. Die Ideen sind so vielfältig wie die Ordensgemeinschaften selbst.

Die Frage nach der pastoralen Neuausrichtung ist eine Generationenfrage. Es geht um die Zukunft der Kirche in dieser Region …

Przytarksi: Es gibt manchmal Klagen von Jüngeren, dass sie zu wenig gehört werden. Aber die Gemeinden nehmen mittlerweile sehr wohl wahr, welchen Schatz sie an den Jugendlichen haben, für die viele Hürden nicht bestehen, für die es ganz selbstverständlich ist, sich mit der Jugend der Nachbargemeinden zusammenzutun, für die es kaum Berührungsängste gibt. Ich kann gut nachvollziehen, dass ältere Menschen sich schwer damit tun, wenn sich jetzt alles ändern soll. Ihr kirchliches Leben war kostbar und richtig zu seiner Zeit. Daher ist es verständlich, dass es manchmal den einen oder anderen Versuch gibt, an der Vergangenheit festzuhalten oder vielleicht sogar in sie zurückzukehren. Aber auch wenn sie sich mit einzelnen Schritten schwer tun, nehmen die meisten älteren Menschen wahr, dass etwas geschehen muss und dieser Aufbruch richtig ist. 

Was wünschen Sie sich persönlich für und von diesem Prozess?

Przytarksi: … dass ein stärkeres Bewusstsein dafür entsteht, dass Kirche nicht nur „dem harten Kern“ ein heimeliges Nest zu schaffen hat, sondern für alle da ist. Darin liegt meine Hoffnung.