"Es geht nur im Miteinander"

Andreas Englert, Gemeindeberater im Erzbistum Berlin Foto: Herrmann

Gemeindeberater Andreas Englert und die AG Gemeindeberatung bieten Pfarreien fachliche Unterstützung während der Findungsphase

Die „AG Gemeindeberatung“ bietet seit 1999 im Erzbistum Berlin Pfarreien ihre Hilfe an, große Probleme zu bewältigen oder sich in ihrer pastoralen Arbeit neu zu positionieren. Im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ unterstützt die AG nun Gemeinden mit ihrem Knowhow, die Findungsphase produktiv zu gestalten. Mit dem Gemeindeberater Andreas Englert sprach Alfred Herrmann.

Herr Englert, was für eine Beratung bieten Sie für die Findungsphase an?

Englert: Unser Angebot zielt darauf ab, einen Selbstreflexionsprozess anzustoßen und eine fundierte  Sozialraumanalyse zu erstellen. Dabei geben wir Unterstützungen methodischer Art. Denn wenn Gemeinden wirklich nachhaltig zu pastoralen Räumen zusammenfinden wollen, dann kann es nicht nur nach der Nasenspitze der Verhandlungspartner gehen, sondern es muss nach objektiven Kriterien geurteilt werden, wie Altersstruktur, Milieu, Verkehrswege. Diese Kriterien zu bestimmen, ein klares Profilbild der Gemeinde zu erstellen und schließlich mit einer anderen Gemeinde in Kontakt zu treten, dabei geben wir Unterstützung.

Begleiten Sie Gemeinden komplett durch die Findungsphase?

Englert: In der Findungsphase unterstützen wir Gemeinden immer nur punktuell und nicht während des ganzen Prozesses. Wir ermutigen die Haupt- und Ehrenamtlichen, die Schritte in der Findungsphase selbst zu gehen. 

Wann bieten Sie Konfliktberatung in der Findungsphase an?

Englert: Immer dann, wenn Gemeinden merken, dass es schwierig ist, miteinander ins Gespräch zu kommen. Bislang sind wir in Sachen Konfliktberatung jedoch noch nicht explizit angefragt worden. Gefragt sind Großgruppenmoderationen. Wir moderieren zum Beispiel Treffen von Gemeinden, die das erst Mal zusammenkommen und sich gegenseitig kennenlernen wollen.

Mit welchen Problemen kommen Gemeinden in der Findungsphase auf sie zu?

Englert: Wenn Gemeinden bei uns anfragen, dann erleben wir oftmals eine große Unsicherheit. Sie fühlen sich überfordert: „Wie gehen wir das ganz konkret an? Wie sollen wir Kontakt aufnehmen zu einer anderen Gemeinde? Wer macht das? Wer ist überhaupt Träger der Findungsphase in unserer Gemeinde? Sind es die Hauptamtlichen, die Pfarrer oder sind es die Ehrenamtlichen?“

Kann man hier überhaupt zwischen den drei Gruppen trennen?

Englert: Nein, das funktioniert nur im miteinander. Daher sagen wir bei Beratungsanfragen zur Findungsphase: Es ist wenig sinnvoll ohne den Pfarrer „nur“ mit dem Pfarrgemeinderat in dieser Frage zu arbeiten. Der Pfarrer muss in welcher Weise auch immer dabei sein. In so einer zentralen pastoralen Frage wie die Zukunft der Gemeinde, muss der Hauptverantwortliche involviert sein. Es dürfen keine Doppelstrukturen entstehen. Ehrenamtliche und Hauptamtliche müssen in der Findungsphase Hand in Hand gehen. Denn jede dieser Gruppen hat einen anderen Blick auf die Gemeinde, nimmt Facetten war, die der andere gar nicht wahrnehmen kann. So kommt zum Beispiel der Pfarrer durch Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen mit Menschen in Berührung, die nur selten Kontakt mit der Gemeinde aufnehmen. Dafür haben Ehrenamtliche einen Blickwinkel auf Gemeinde, die Hauptamtliche nicht haben können. Sich nicht auszutauschen, wäre ein riesiger Verlust an Wissen, das für so einen Veränderungsprozess unersetzlich ist.

Wer sind eigentlich die Gemeindeberater?

Englert: Gemeindeberaterinnen und Gemeindeberater kommen aus der Pastoral, sind Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferentinnen sowie Pastoral- und Gemeindereferenten. Sie bringen eine religionspädagogische oder theologische oder neuerdings auch eine pädagogische oder sozialpädagogische Vorbildung mit sowie mindestens fünf Jahre praktische Erfahrung in der Gemeindearbeit. Sie absolvieren eine knapp dreijährige Zusatzausbildung zum „Gemeindeberater und Organisationsentwickler in der Kirche“. Meine Ausbildung zum Gemeindeberater habe ich am Institut für Theologische und Pastorale Fortbildung in Freising absolviert. In der Ausbildung lernen wir systemisch zu denken sowie ressourcen- und lösungsorientiert zu arbeiten.

Beraten Sie nur Gemeinden?

Englert: Die Gemeindeberatung hat ihr Angebot auf weitere kirchliche Orte ausgeweitet, soll heißen, wir nehmen nicht nur Gemeinden in den Blick, sondern auch Einrichtungen der Caritas, Schulen, geistliche Gemeinschaften und Orte kirchlichen Lebens.

Wie ist die Gemeindeberatung im Erzbistum Berlin aufgestellt?

Englert: Die „AG Gemeindeberatung“ besteht aktuell aus fünf Beratern, zwei Frauen und drei Männer. Im letzten Jahr begleiteten wir etwa 20 Beratungsprozesse. Wir beraten immer nur zu zweit,  im besten Fall eine Frau und ein Mann. Gemeinden bilden komplexe Systeme mit unterschiedlichsten Perspektiven und Sichtweisen von Haupt- und Ehrenamtlichen, Priestern und Laien, Frauen und Männern. Um in komplexen Systemen adäquat zu arbeiten, ist es daher sinnvoll, auch in seinem Beraterteam mehrere Perspektiven abbilden zu können. Ideal wäre es, wenn wir auch einen Priester im Team hätten.

Wie läuft eine Gemeindeberatung ab und was kostet sie?

Englert: Wir vereinbaren möglichst drei Termine: Als erstes machen wir ein Vorgespräch mit Repräsentanten des zu beratenden Gremiums, zum Beispiel bei einem Pfarrgemeinderat mit dem Vorsitzenden und dem Pfarrer. Dann folgt ein Abend, ein Tag oder ein Wochenende mit dem gesamten Pfarrgemeinderat. Und als Drittes versuchen wir zu einem Nachgespräch zu kommen. Das ist der von uns geforderte Mindeststandard. Weitere Beratungstreffen können natürlich folgen. Zu den Kosten: Beratungen mit Bezug zur Findungsphasen sind kostenfrei. Außerhalb der Findungsphase verhält es sich mit den Kosten folgendermaßen: Das Vorgespräch kostet nichts. Für einen Abend verlangen wir 50 Euro und für einen Tag 100 Euro. Darin ist alles enthalten: Arbeitsmaterial, Fahrkosten usw.

Wenn Sie nicht gerade in der Findungsphase sind, in welchen Fällen kommen dann Gemeinden auf Sie zu?

Englert: Zum einen rufen Gemeinden an, wenn sie nicht mehr wissen, wie es weiter gehen soll, persönliche Auseinandersetzungen und Unklarheiten das Arbeiten fast unmöglich machen und sie schließlich Hilfe von außen suchen. Zum anderen meldet sich ein Pfarrgemeinderat, wenn er vor der Frage steht, was er die nächsten vier Jahre machen möchte, und wir daher zu einer Klausur dazu geholt werden. Dazwischen liegen all jene Fälle, in denen Gemeinden spüren, dass irgendetwas nicht mehr passt, sie aber nicht genau wissen was.

Wie muss ich mir eine Beratung vorstellen?

Englert: Eine Konfliktberatung läuft natürlich anders ab, als ein Klausurtag, auf dem es zum Beispiel um eine Perspektiventwicklung eines Pfarrgemeinderates geht. In einer Perspektiventwicklung analysieren wir mit dem Pfarrgemeinderat in erster Linie die gegenwärtige Situation. Es liegt uns  daran, dass sie einen wertschätzenden Blick auf ihre Gemeinde gewinnen, wohlwollend auf das schauen, was gelingt, was gut ist.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Englert: Oftmals kommen Gemeinden mit Problemen in der Jugendarbeit. Zunehmend bringen sie auch das Fehlen von spirituellen Angeboten zur Sprache. In der Beratung fragen wir, was schon da ist und was aus noch notwendig ist. Dann klären wir, woran denn deutlich werden soll, wann ein Angebot Erfolg hat, wann das gesetzte Ziel erreicht ist und wer sich darum kümmert, dass das Angebot dieses Ziel überhaupt erreichen kann. Wichtig für uns ist, zu verdeutlichen, dass die Beratenen selbst die Subjekte des Handelns sind. In den Gemeinden wird nur das passieren, was sie selbst in Angriff nehmen. Dazu wollen wir sie bestärken.

Mit welchen Problemen kommen in der Findungsphase Landgemeinden auf Sie zu?

Englert: Den Prozess in den ländlichen Gebieten in Gang zu setzen, ist wesentlich schwieriger, als in der Stadt Berlin. Landgemeinden fragen sich nach dem Mehrwehrt dieser großen Räume. Die großen Gemeinden in Brandenburg und in Vorpommern haben so intensiv mit dem Überleben als katholische Kirche an sich zu kämpfen, dass sie mit diesem Veränderungsprozess vor einer viel größeren Herausforderung stehen, als die Stadtgemeinden. Während in Berlin schnelle Verkehrswege zwischen den Einrichtungen der einzelnen Gemeinden bestehen, fragen sich die Katholiken auf dem Land, wie sie überhaupt in die Nachbarpfarrei kommen sollen so ganz ohne Bus oder Zug. Sie beschäftigen sich mit anderen Problemen wie die hohe Arbeitslosigkeit, das Abwandern von Jugendlichen, das Überaltern der Pfarreien.

Wo liegen Hoffnungen und Aufbrüche?

Englert: Die meisten, die zu uns kommen, sehen, dass sich etwas verändern muss. Das ist die gemeinsame Basis. Ob die größeren Räumen die erwartete Lösung bringen, wird natürlich unterschiedlich bewertet. Der Wunsch nach Veränderung ist aber überall zu spüren. Der Wunsch, danach, dass katholische Kirche hier überlebt, diese Hoffnung verbinden viele mit dem Prozess. Es besteht bei nicht wenigen die Hoffnung, dass eingefahrene Strukturen, durch Neuorganisation von Pfarreien überwunden werden und sich neue Freiräume ergeben.

Wo nehmen Sie Erfolge Ihrer Arbeit war, wo kamen Sie nicht mehr weiter?

Englert: Es gab Abbrüche in der Begleitung, weil die Sorgen vor dem, was jetzt ist, und die Trauer über die Vergangenheit so mächtig sind, dass der Blick in die Zukunft nicht möglich wird. Erfolge erleben wir dort, wo wir ein Jahr nach einem Gespräch, bei dem wir eine erste Orientierung mitgegeben haben, entsprechende Veränderungen sehen, die ohne unser Mittun gewachsen sind. Erfolge sehen wir außerdem, wo Haupt- und Ehrenamtliche gemeinsam in dieselbe Richtung blicken und sich auf den Weg machen.