Freude und Dank in ökumenischer VerbundenheitEindrücke vom 3. Pilgerweg des Pastoralen Raums Marienfelde-Lankwitz

Fotos: Dr. Markus Bautsch

Die Geschichte der Menschen und Gemeinden auf beiden Seiten der Grenze zwischen Berlin und Brandenburg ist miteinander verwoben. Daran haben wir am Samstag, 7. September 2019 an mehreren Stationen mit Worten, im Gebet und mit Gesang beim 3. ökumenischen Pilgertag im Pastoralen Raum Marienfelde-Lankwitz erinnert. Bei gutem Wanderwetter pilgerten zwischen 60 und 100 Menschen aller Altersgruppen aus den Pfarreien Mater Dolorosa und Vom Guten Hirten mit St. Alfons (Pastoraler Raum Marienfelde-Lankwitz), der Landeskirchlichen Gemeinschaft Eben-Ezer, der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde, der Neuapostolischen Kirchengemeinde Marienfelde und der Evangelischen Kirchengemeinde Marienfelde am ehemaligen Grenzstreifen entlang, in etwa auf der gesamten Breite des Gebiets der beteiligten Gemeinden. Viele gingen den ganzen knapp zwölf Kilometer langen Weg von Lichterfelde Süd bis Marienfelde mit, einige nur Teilstücke - je nach Zeit und Kraft - meist auf den parallel zum asphaltierten Berliner-Mauerweg verlaufenden Trampelpfaden.

Der diesjährige Pilgerweg drückte Freude und Dank aus: Vor knapp 30 Jahren fiel die Mauer, die Grenze öffnete sich. Wir erfuhren etwas über die Entstehung und Veränderungen der durchwanderten Gebiete, die wir teils selbst beobachten konnten, wurden an durch die Teilung Deutschlands bedingte Teilungen einiger Kirchengemeinden erinnert und bewegten uns gemeinsam und für einander offen auf einem Weg, der einmal der Abschottung diente. Pilgern ist Beten mit den Füßen, Kontaktaufnahme mit der Natur und Umgebung und Begegnung mit Menschen und mit Gott.

Auf den Spuren der Wandlung

Der Pilgerweg begann in Lichterfelde Süd vor der Kirche der evangelischen Landeskirchlichen Gemeinschaft Eben-Ezer. Psalm 122, stimmte uns darauf ein, im Frieden, Shalom, gemeinsam unterwegs zu sein. Nach einem Loblied auf Gott, mit der Bitte, „dass wir durch sein Geleite auf unseren Wegen unverhindert gehen und überall in seiner Gnade stehen“, machten wir uns auf den Weg.

Bald waren wir auf dem Gelände der früher so genannten Giesensdorfer Feldmark. Dort wurde ab 1939 bis Kriegsende von der Wehrmacht ein Kriegsgefangenenlager mit bis zu 29.000 Gefangenen unterschiedlicher Nationen betrieben.
Von 1953 bis 1994 wurde das Gelände als Truppenübungsplatz (General) “Parks Range“ der US- Army verwendet. Danach entwickelte sich in den 25 Jahren der Brache eine artenreiche Fauna und Flora. An einem Bebauungsplan, der die Anliegen der Initiativen für einen Landschaftspark und einen historischen Lernort in Teilen miteinbeziehen soll, wird gearbeitet.

Bald kamen wir auf den Grenzstreifen nahe der S-Bahn und pilgerten durch die TV-Asahi-Kirschblütenallee, deren Pflanzung durch einen Spendenaufruf des Japanischen Fernsehsenders Asahi aus Freude über das Verschwinden des Eisernen Vorhangs an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze ermöglicht wurde. Nach japanischer Tradition stehen Kirschblüten für Schönheit, Aufbruch und Vergänglichkeit. Das Lied „Pilger sind wir Menschen“ mit der Bitte „Komm in unsere Mitte, Gott des Friedens komm!“ ließ unseren Dank und unsere Freude an dieser Stelle spüren.

Der Weg führte weiter Richtung Osten, rechts neben uns blickten wir auf abgeerntete Felder, die sich in einem Landschaftsschutzgebiet befinden, das sich von Teltow fast bis Rangsdorf erstreckt. Wir überquerten die Osdorfer Straße und bevor der Weg nach Südosten abbog, dachten wir daran, dass ab 1912, als die Pfarrei Mater Dolorosa in Lankwitz entstanden war, die Katholiken in Großbeeren bis nach dem 2. Weltkrieg von dort aus unter schwierigen Bedingungen betreut wurden. Eine eigene Kapelle, St. Joseph, konnte erst 1952 gebaut werden. Von 1924 bis 1937 und von 1942 bis 1944 wurden 14tägig Sonntagsmessen an unterschiedlichen Orten gefeiert. Seit 1946 durften in der evangelischen Pfarrkirche die Hl. Messen gefeiert werden. Ab 1948 kümmerte sich ein Lokalkaplan um die inzwischen 600 Katholiken in Großbeeren. Nach der Gründung der DDR wurden sie von der Pfarrei Sanctissima Eucharistia in Teltow seelsorglich betreut und nach dem Mauerbau 1961 dieser Pfarrei zugerechnet. Ähnlich verlief die Entwicklung der Neuapostolischen Gemeinde in Großbeeren, die es seit 1904 gab und ursprünglich von Kreuzberg aus betreut wurde. 1913 entstand auch in Marienfelde eine Neuapostolische Gemeinde. Die Gottesdienste fanden zuerst in Privathäusern statt. Sehr passend und anrührend erklang, gesungen vom Chor der Neuapostolischen Kirche, das Lied: „Meine Zeit in deine Hände“.

Wir pilgerten weiter bis in die Nähe der B 101, direkt entlang an der Stadtrandsiedlung. In diesem Jahr wird ihr 85-jähriges Bestehen gefeiert. Sie entstand in den 1930er Jahren am äußersten Rand von Marienfelde, an der Grenze von Groß Berlin. Infolge der Weltwirtschaftskrise 1929/1930 waren sehr viele Menschen arbeitslos. An Stadträndern entstanden durch Notverordnung staatlich finanziell geförderte Erwerbslosen- und Kurzarbeitersiedlungen. Pfarrer Karl Sonnenschein schuf in Marienfelde schon eine kleine Siedlung in den 20iger Jahren. Als 1931 der erste Bauabschnitt in Marienfelde innerhalb eines halben Jahres fertiggestellt und eingeweiht wurde, zogen dort viele Katholiken ein, da der deutschlandweite „Bund erwerbsloser Katholiken e.V.“ die Siedlung initiierte. Seelsorglich wurden sie von der 1930 gegründeten Kirchengemeinde St. Alfons (Beyrodtstr.) betreut. Die Eröffnungsrede hielt damals Bernhard Lichtenberg. 1932 wurde der 2. Bauabschnitt für evangelische Christen begonnen. War der Stadtrandsiedlungsbau bis dahin eher eine Wohlfahrtsmaßnahme für Erwerbslose, wurde der Siedlungsbau ab 1933 von den Nationalsozialisten als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme weitergeführt und ab 1935 wurden die Siedlungen für Vollbeschäftigte errichtet (3. Bauabschnitt). An Pfarrer Karl Sonnenschein und Minister Stegerwald sowie Eduard Bernodt, der sich in den 1950er Jahren für die Errichtung des etwa zwei Kilometer von der Stadtgrenze entfernten Notaufnahmelagers Marienfelde einsetzte, erinnern Straßennamen in Marienfelde. Das Kloster „Vom Guten Hirten“ in der Malteserstraße war 1905 ursprünglich als Heim für gefährdete Mädchen errichtet worden. Nach Kriegsende war es mit Flüchtlingen überfüllt, was schließlich als Entlastung zum Bau des Notaufnahmelagers Marienfelde führte. Dass immer wieder Gutes geschieht, wenn auch zeitversetzt, verdeutlichten wir durch den Kanon „Der Himmel geht über allen auf…“.

Nachdem wir die B101 überquert hatten, ging es weiter auf den Freizeitpark Marienfelde hinauf, der aus einer zwischen 1950 und 1981 genutzten Mülldeponie entstanden war. Wir freuten uns über die gute Aussicht und das dort entstandene Naturschutzgebiet, konnten Parallelen vom gegangenen Weg zum Glaubens- und Lebensweg ziehen und genossen mindestens für den Moment das Leben in allen Facetten. Dazu trug auch das Lied bei, das der Chor der Neuapostolischen Gemeinde sang.
Langsam stiegen wir den Berg wieder hinunter und wählten entweder den Weg um den Schlehenberg herum, den Älteren bekannt als US-Radarberg, oder durch schöne Natur über ihn hinweg. Bis 1920 stand dort eine Bockwindmühle, 1940 wurden zwei Tiefbunker hineingebaut und 1950 wurde die Erhebung mit Trümmern auf 20 Meter Höhe aufgeschüttet. Von 1962 bis 1991 betrieben die US-Amerikaner dort eine Radaranlage zur Überwachung der DDR. 1996 wurde die Anlage abgerissen und es entstand ein naturnaher Berg.

Dann erreichten wir das Ziel unseres Pilgerwegs: das Dorothee-Sölle-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde Marienfelde. Dort feierten wir eine Andacht zum Wunder, dass vor 30 Jahren die Mauer gefallen war, mit Lob und Dank für Gottes Hilfe. Die Liedstrophe „Wo ein Mensch sich selbst verschenkt und den alten Weg verlässt, fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht“, fasste zusammen, was wir auf dem Pilgerweg erlebt hatten.
Zum Abschluss konnten wir uns mit selbstgebackenem Brot, Aufstrichen, Wasser, Saft und Kaffee stärken und dabei noch einmal unsere Gedanken austauschen.

Erinnerung und Dankbarkeit

Der 3. Pilgerweg des Pastoralen Raums Marienfelde-Lankwitz, der 30 Jahre nach dem Mauerfall in ökumenischer Verbundenheit am ehemaligen Grenzstreifen entlangführte, weckte viele Erinnerungen. Beeindruckend waren die Gespräche auf dem Weg, die Informationen über einige Orte, an denen wir vorbeipilgerten und an denen die meisten schon oft waren; die Erinnerungen daran, wie trostlos und menschenverachtend früher der Todesstreifen der Grenze war, aussah und sich anhörte und wie schön jetzt die Natur dort sichtbar und hörbar ist; die Erfahrung, wie viel sich in Gutes gewandelt hat, das gemeinsame Singen und die geistlichen Impulse; die friedliche Atmosphäre, und die Vernunft und das Durchhaltevermögen der Pilger. Herzlichen Dank an alle, die den Pilgerweg gut vorbereitet haben, und an alle, die ihn ganz oder in Teilstücken mitgegangen sind und so zu einem guten, gemeinschafts- und glaubensstärkenden Ereignis gemacht haben.