Für die Zukunft des Glaubens in VorpommernDie Pfarrei St. Joseph in Greifswald in der Findungsphase

Hoffmann: Pfarrer Frank Hoffmann, Propst der katholischen Kirche in Vorpommern. Foto: Wetzler

„Es soll sich etwas entwickeln, was auch wirklich Bestand hat, bei dem die Leute in der Gemeinde sagen: ,Damit können wir als Christen in Vorpommern auch in Zukunft gut leben.‘“ Pfarrer Frank Hoffmann zeigt sich zufrieden, wenn man ihn auf den Start der Findungsphase in seiner Pfarrei anspricht. Die Katholische Propsteigemeinde St. Joseph in Greifswald habe sich den Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ auf ihre ganz eigene Weise zu Eigen gemacht.

Pfarrer Hoffmann betrachtet seine 2.480 Katholiken umfassende Gemeinde als einen Sonderfall in Vorpommern. Universität, Universitätsklinik, Max-Planck-Institut und Friedrich-Löffler-Institut haben viele Zuzügler in die Stadt gebracht, darunter zahlreiche Katholiken, die die Pfarrei verändert haben. Die katholischen Christen aus ganz Deutschland entwickelten ein vielgestaltiges Gemeindeleben. Zahlreiche Gruppen und Kreise vom Frühschoppen und Glaubensabenden über Kolpingfamilie, Pfadfinder und Rosenkranzgruppe hin zu Besuchskreisen, Ökumenischer Frauengruppe und der Jugendgruppe Teatime, in denen sich Menschen allen Alters engagieren, zeugen davon.

Arbeitsgruppe für die Findungsphase

Daher fiel es der Gemeinde leicht, sich in den Pastoralen Prozess aktiv einzubringen. Im ersten Jahr der Findungsphase entwickelte sie zunächst eine Struktur als Ausgangsbasis für die inhaltliche Arbeit, die nun im Herbst begonnen hat. Mit dem Start der Findungsphase vor einem Jahr bildete sich auf Initiative des Pfarrgemeinderates die „Arbeitsgruppe: Wo Glauben Raum gewinnt“. Sie bekommt vom Pfarrgemeinderat seine Arbeitsaufträge und berichtet diesem regelmäßig über die Arbeitsfortschritte. „Im Arbeitskreis engagieren sich 13 Männer und Frauen, vom Land und aus der Stadt, zwischen Anfang 30 und Mitte 70, alteingesessene Greifswalder und Zugezogene, der Kaplan und der Regionalleiter der Caritas in Vorpommern. Sie bilden einen guten Querschnitt der Pfarrei.“ Pfarrer Hoffmann betrachtet es als Vorteil, dass fast die Hälfte der Mitglieder der Arbeitsgruppe von Berufswegen eine große Kompetenz mitbringt, komplexe Prozesse zu initiieren und zu leiten.

Die Arbeitsgruppe stellte als erstes, so Pfarrer Hoffmann, eine breite Beteiligung der Gemeinde sicher. Jede der zahlreichen Gruppen und Kreise der Pfarrei musste eine Ansprechperson bestimmen, die nun mit der Arbeitsgruppe in Kontakt ist. Im Eingang der Kirche steht eine Litfaßsäule mit sämtlichen Informationen zum Prozess sowie einem Briefkasten für Kritik, Anregungen, Gedanken und Anfragen. Über die Grenzen der Pfarrei hinaus nahm die Gemeinde mit ihren Nachbarpfarreien ersten Kontakt auf. Auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag Vorpommern in Stralsund informierte sie ihre christlichen Nachbarn anderer Konfession, was sich im Erzbistum alles verändern wird.

Neben der Beteiligungs- und Kommunikationsstruktur erarbeitete die „Arbeitgruppe: Wo Glauben Raum gewinnt“ für die nun beginnende inhaltliche Auseinandersetzung erste Grundlagen wie eine differenzierte Sozialraumanalyse. „Die Gruppe hat eigene Karten erstellt, auf denen unter anderem ersichtlich wird, wie die Altersverteilung in den Ortschaften in Vorpommern aussieht oder welche Strecken katholische Christen zurücklegen müssen, wenn sie in einen Gottesdienstort wollen“, erklärt Pfarrer Hoffmann.

Ein geistlicher Prozess

Die Pfarrei St. Joseph in Greifswald versteht den Pastoralen Prozess als geistlichen Prozess. Sie betrachtet das Gebet der Gemeinde als fundamentale Stütze für sein Gelingen. Auf überall ausliegenden Gebetskarten stehen daher ein selbst formuliertes Gebet der Gemeinde sowie das Gebet des Erzbistums. Für das letzte Septemberwochenende organisierte die Arbeitsgruppe eine Rosenkranzandacht mit Impulsen zum Thema „Wo Glauben Raum gewinnt“. Neben den Katholiken von Greifswald waren auch die Nachbarpfarreien des Dekanats eingeladen. „Wir wollen damit zeigen“, meint Pfarrer Hoffmann, „dass wir keinesfalls unter dem Deckmäntelchen des Pastoralen einfach nur die Organisationsstrukturen verändern. Sondern wir wollen den Menschen vermitteln: der Pastorale Prozess soll die Kirche in Vorpommern stärken. Es geht nicht um Abriss, sondern um eine Zukunft für den Glauben in dieser Region.“

Die rührige Pfarrei kennt insbesondere eine Herausforderung, vor der sie im Pastoralen Prozess steht. Ihr Schwerpunkt liegt zwar in Greifswald. In der Stadt leben 1.700 der 2.480 Katholiken. Knapp ein Drittel wohnt jedoch auf dem Land in einer extremen Diasporasituation mit weiten Wegen und kaum spirituellem Gemeinschaftsleben. Als unbegründet bezeichnet Pfarrer Hoffmann etwaige Ängste der Katholiken vom Land. „Niemand hat die Idee, ihnen ihre kirchlichen Orte abzusprechen, niemand möchte, dass nur sie sich bewegen.“ Seine Maxime ist: die vielen katholischen Christen in der Stadt müssen raus zu den Glaubensgeschwistern auf dem Land, um so ihre Verbundenheit zum Ausdruck bringen. So fahren schon heute die Ministranten von Greifswald in die Filialkirche im 20 Kilometer entfernten Gützkow zur Messe. In Görmin feierten die Gläubigen der Pfarrei Greifswald eine Marienandacht in der evangelischen Kirche. „In Görmin lebt eine einzige katholische Familie. Es stärkt die Menschen ungemein in ihrem Glauben, wenn sie sehen, sie sind nicht allein, die Gemeinschaft kommt und es geschieht sogar etwas Liturgisches vor Ort.“ Dass im 25 Kilometer entfernten Brandshagen nur 12 bis 15 Katholiken zur monatlichen Messe in die evangelische Kirche kommen, beschäftigte im vergangenen Jahr das Pastoralteam. Sie überlegten sich, wie sie den Gottesdienstort stärken können: „Seit diesem Jahr gibt es nun in Brandshagen die ,Sommerfrische‘. Nach der Eucharistiefeier trinken wir zunächst einen Kaffee und machen anschließend einen Ausflug zu einem attraktiven Ziel. Eingeladen wird die ganze Pfarrei.“ Das neue Format hatte Erfolg. Zu den ersten drei Terminen kamen jeweils mehr als 30 Gläubige mit ihren Kindern.

Mehr Kreativität für kirchliches Leben auf dem Land

Pfarrer Hoffmann verlangt mehr Kreativität, was die Gestaltung des kirchlichen Lebens in der Flächendiaspora betrifft. Er möchte spirituelle Orte auf dem Land erhalten und neue beleben. Dafür ist er bereit, selbst viel Herzblut zu geben. „Der Pfarrer hat es leichter, zu fahren, als eine ganze Gemeinde. Und bevor wir sagen, die Leute können nicht mehr Eucharistie feiern, wäre es doch eine Möglichkeit, den Pfarrer flexibler zu machen und ihn von anderen Aufgaben zu entlasten, für die es keinen Mann mit Priesterweihe braucht.“ Pfarrer Hoffmann ist überzeugt, dass längst noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, und nennt selbst zwei Beispiele. Er schlägt ein Wohnmobil für den Pfarrer vor, vom Bonifatiuswerk mitfinanziert. „Mit einem Wohnmobil wäre ich flexibel in der Pfarrei unterwegs und könnte auch nach dem Gottesdienst vor Ort bei den Menschen bleiben und müsste nicht gleich wieder zurück nach Greifswald.“ Seine andere Idee ist ein 30-Mann-Bus. „Der fährt sonntags vor der Messe seine feste Runde. Im Bus können die Leute bei Kaffee und Croissants schon mal plaudern.“ Geht es nach Pfarrer Hoffmann, finanziert sich ein solcher Bus durch Vermietung unter der Woche von selbst.

Pfarrer Hoffmann verlangt ein wenig mehr Phantasie und Optimismus, um die Botschaft des Evangeliums in neuen Pastoralen Räumen zu leben. Er verlangt, die geistigen Räume zu weiten, um die weiten Pastoralen Räume mit Leben zu füllen, um den Glauben in der Gemeinde zu stärken und um als Kirche für Außenstehende attraktiv zu werden. Der Priester ruft daher seine Katholiken auf, selbst den Prozess zu gestalten. „Die Gemeinde bleibt stets die Gemeinde der Leute. Sie müssen bestimmen, wie ihre Kirche der Zukunft aussehen soll. Ich, der Pfarrer, bin nur eine gewisse Anzahl von Jahren hier. Daher unterstütze ich gerne die Gemeinde in diesem Prozess und begleite sie. Doch ihre Kirche bauen, müssen sie selber.“