Harmonisch bis heiter und kontroversWolfgang Thierse zu Gast beim Nikodemus-Gespräch

Foto: Walter Wetzler

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Ohne in einer Gemeinde beheimatet zu sein, geht es nicht. Das sei seine Schlüsselerfahrung, sagte der Politiker Wolfgang Thierse (SPD) beim zweiten Nikodemus-Gespräch am Montagabend. In der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee redete der ehemalige Bundestagspräsident über sein Leben als Christ in der DDR, erzählte Anekdoten aus seiner politischen Karriere und kritisierte scharf den Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“. Bei den 90 Zuhörern fanden seine Worte große Zustimmung.

Zum Schluss polemisierte er doch. „Damit das nicht zu harmonisch endet“, erklärte Wolfgang Thierse und legte noch einmal nach. Obwohl er anfangs angekündigt hatte, „so unpolemisch wie möglich“ reden zu wollen, verschärfte er schließlich seine Kritik am Pastoralen Prozess im Erzbistum Berlin. Den zu einem geistlichen Prozess zu verklären, finde er „unanständig“, weil es ihn unangreifbar mache. Beispiele anderer Bistümer hätten gezeigt, dass der pastorale Großraum nicht funktioniere. „Ich werde es zum Glück nicht mehr erleben, den Schaden, den dieser Prozess anrichten wird”, betonte der 72-Jährige und erhielt dafür Applaus. Thierse lieferte damit das, was die Zuhörer von ihm erwartet hatten: keinen braven Vortrag, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit der Situation der Katholischen Kirche und ihrer Zukunft.

Verschiedene Positionen zulassen und offen sein auch für Kritik, das möchten die Veranstalter der Nikodemus-Gespräche. Die Veranstaltungsreihe ist aus einer Zusammenarbeit des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum Berlin, der Katholischen Akademie und des Canisius-Kollegs entstanden. Sie haben das neue Format konzipiert, um über den Pastoralen Prozess „geistlich nachzudenken“. Was damit gemeint ist, erklärte der Rektor des Canisius-Kollegs und Mitinitiator, Pater Tobias Zimmermann SJ, der als Moderator durch den Abend führte: „Nicht nur auf das Gesagte achten, sondern auch auf das, was es in einem bewegt.“ Bereits vor vier Wochen wollten über 200 Besucher beim ersten Nikodemus-Gespräch Erzbischof Heiner Koch und den Diözesanratsvorsitzenden Wolfgang Klose hören. Mit Wolfgang Thierse hatten die Veranstalter dieses Mal zwar auch einen Katholiken eingeladen, aber er stellte gleich klar: „Ich rede nicht sonderlich fromm, das war das letzte Mal.“

In Breslau geboren, lebt Thierse seit 52 Jahren in Berlin, die Hälfte der Zeit im Ostteil der Stadt. Mit seiner Erfahrung als Christ in der DDR begann der Politiker seinen Impuls. Er habe „als Minderheit in der Minderheit, in der Diaspora“ gelebt. Er habe beobachtet, wie die Anzahl der Kirchenmitglieder rapide sank, wie es zu einem „allmählichen Kulturabbruch“ kam: „Das Regime war in keinem Punkt so erfolgreich wie in der radikalen Entkirchlichung einer Mehrheit der Menschen. Ein christliches oder gar katholisches Milieu habe ich nie erlebt.“ Das Außenseitertum habe bedeutet, sich immer neu für seinen Glauben zu entscheiden. Aber es habe auch seinen Preis gehabt: Viele Katholiken lebten „in innerer und häufig auch äußerer Distanz“ zur Gesellschaft. Ebenso habe sich die Katholische Kirche zurückgezogen. Sie sei deshalb „gesellschaftlich langweiliger“ als die Evangelische Kirche gewesen. „Der Katholizismus hat überlebt zwischen Trotz, Einigeln, Mimikry, Überzeugungstreue. Er hat überlebt als gemeindezentrierte Glaubenspraxis“, resümierte Thierse. 

Heute gehören nur noch ein Drittel der Berliner einer der beiden christlichen Kirchen an. In Bezug auf die steigenden Kirchenaustritte zitierte Thierse den früheren Berliner Erzbischof, Joachim Kardinal Meißner, der die Hauptstadt einmal als „gottlose Stadt“ bezeichnet hatte. Der ehemalige Bundestagspräsident widersprach: „Richtiger sollte es heißen: Berlin ist eine religiös, weltanschaulich plurale Stadt.“ Denn Religion und Welt-anschauung würden heutzutage individueller verstanden und gelebt. „Wir Christen sind Teil des Pluralismus. Wir stehen nicht über ihm.“ Christen sollten sich deshalb am „Gespräch in der Gesellschaft beteiligen, weil uns aufgetragen ist, Zeugnis zu geben“, forderte Thierse und mahnte, dies nicht überheblich zu tun, sondern als „Gleichberechtigte“: „Seien wir nicht schüchtern, trotz allem Bewusstsein der Krise, in der wir mit unserer Kirche stecken!“ Als Vorbild nannte er Paulus auf dem Areopag, der auch nicht die Kirche, sondern das Evangelium verkündigt habe – und das in der Sprache der Griechen. Paulus habe dafür eine große Übersetzungsanstrengung unternommen, so Thierse. 

Wie kann man heute über Glaubensinhalte reden? Um diese Frage drehte sich schon das erste Nikodemus-Gespräch und auch an diesem Abend war sie wieder ein großes Thema. Christen hätten wie Paulus die Aufgabe, „die vertraute, tradierte, fromme, innerkirchliche Sprache aufzufrischen“ und ins Zeitgenössische zu übersetzen. Damit sie Nicht-Gläubigen ihre Überzeugung verständlich machen können, wünschte sich Wolfgang Thierse unter anderem „so viel Ökumene, wie möglich, denn eine zersplitterte, zerstrittene Minderheit überzeugt niemanden“. Darüber hinaus plädierte er für mehr Dialog mit anderen Religionen, mehr theologische Bildung, besonders für Jugendliche und Experimentierfreude mit neuen Formen von Spiritualität jenseits des „stinknormalen Gottesdienstes“. Laien sollten ferner auch eine Gemeinde leiten und in der Eucharistie predigen dürfen. Der Pastorale Prozess werde vom Klerus her gedacht, „nach der prognostizierten Zahl künftiger Priester“. Das sei jedoch falsch. Wenn Gemeinden in pastoralen Großräumen aufgehen, würden immer mehr Gläubige ihre Heimat verlieren und letztlich der Kirche den Rücken kehren, warnte Thierse.

Im Anschluss konnten Zuhörer direkt auf das Gesagte reagieren. Konstantin Manthey, Referent der Katholischen Akademie, beklagte die „Ungastlichkeit“ mancher Ostberliner Großgemeinden, in der engagierte Zugezogene aus dem Westen „gegen Mauern laufen, weil gezählt wird, ob sie auch jeden Sonntag in der Messe sind. Und da frage ich mich, ist denn wirklich das Heil für unseren pastoralen Raum aus unserer Ortsgemeinde zu gewinnen?“ Die Vor- und Nachteile von Ostberliner Gemeinden würde auch er kennen, sagte  Thierse und fügte hinzu: „Meine Gemeinde hat sich radikal verändert, was ich sehr erfreulich finde. Jetzt sind wir voller Rheinländer und Bayern und Badener.“ Die Gäste lachten über seine Äußerung, hatte er doch vor drei Jahren in einem Interview moniert, dass die Kultur in Berlin-Prenzlauer Berg unter dem Zuzug wohlhabenderer Süddeutscher leide – und damit öffentlichen Protest hervorgerufen.

Einen evangelischen Pfarrer aus dem Publikum beschäftigte das Beispiel von Paulus auf dem Areopag. Dieser habe Zuhörer gehabt, die neugierig waren. Heute gebe es aber keine Leute mehr, die fragen. Das sei „eine hochpeinliche Situation: Zeugnis ablegen, aber keiner hat gefragt“. „Sie wissen schon, wie die Geschichte ausgeht?“, konterte Thierse. Paulus habe vielleicht niemanden überzeugt. Auch er habe kein Patentrezept. Man könne schließlich niemanden zwingen, Fragen zu stellen, aber Fragen zulassen. Als Politiker habe er immer versucht „mit entspanntem Selbstbewusstsein Christ zu sein“. Manchmal sei es deswegen auch zu Missverständnissen gekommen, erzählte er: „Es gibt heute noch Leute, die mich für einen evangelischen Pastor halten.“

Bevor der Abend mit einem Gebet endete, kamen noch zwei Zuhörinnen zu Wort, die im Vorfeld darum gebeten worden waren, ihren Eindruck zu schildern: Stephanie Kersten konnte Wolfgang Thierse im „Großen und Ganzen zustimmen“. In ihrer Arbeit als Pastoralreferentin und Gefängnisseelsorgerin in der JVA Moabit müsse sie vor allem authentisch bleiben: „Für mich ist es wichtig, wie rede ich von Gott, dass ich verstanden werde.“ Thierse habe ihren Widerstand geweckt, sagte hingegen Maria Sternemann, die Mitglied des Diözesanrates im Erzbistum Berlin ist. In Bezug auf den Pastoralen Prozess stellte sie klar: „Heimat macht sich nicht fest am kurzen Weg zum Gottesdienst. Wir können nicht in den bisherigen Strukturen weitermachen.“

Am 7. Juni 2016 um 19.30 Uhr gehen die Nikodemus-Gespräche weiter. Dann redet der ehemalige Professor an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, Pater Elmar Salmann OSB, zum Thema „Gläubiges Staunen“.