Herausforderungen einer Diaspora-Pfarrei Maria Rosenkranzkönigin Demmin: von Armut, Überalterung und weiten Wegen

„Geldsorgen, fehlende Arbeit, das ist in Demmin schlimm. Meist trifft es Ältere, so wie mich.“ Peter Dreßler trinkt im Café des CARIsatt-Ladens zu Mittag einen Pott Kaffee und isst einen Pfannkuchen, kunstvoll gerollt und mit Himbeer-Gelee gefüllt. Keine 1,50 Euro hat er für beides bezahlt.

In der Regel kommt der 59-Jährige gegen neun Uhr in den Laden. Dreßler arbeitet ehrenamtlich mit in der katholischen Hilfseinrichtung. „Man ist unter Leuten, zuhause verblödet man allein“, weiß er, „hier kann man helfen, seine Erfahrungen einbringen.“ Mit Kirche hat der Arbeitslose eigentlich nichts zu tun. Aber wenn der Laden der Caritas etwas mit der örtlichen Pfarrei Maria Rosenkranzkönigin unternimmt, kommt auch er.

Nudeln, Eier, Konserven, Brot, Saft, eingeschweißte Wurst, Reinigungsmittel – das Angebot kann sich sehen lassen. Alles kostet nur halb so viel, wie in den Läden der Stadt. „Wir bekommen Ware, die nicht in die Supermärkte kann“, erklärt Nora Tschötschel, „weil zum Beispiel die korrekte Füllmenge nicht erreicht ist oder die Dosen Dellen haben.“ Die 33-jährige Sozialarbeiterin leitet die Einrichtung, zu der neben CARIsatt-Laden und Café, das als psychosoziale Begegnungsstätte dient, auch Allgemeine Soziale Beratung zählt. Wer hierher kommt ist arm: Hartz-IV-Empfänger, Geringverdiener, Alleinerziehende. Tschötschel: „Wir sind für alle da, die jeden Cent umdrehen müssen.“

Not sehen und handeln in strukturschwacher Region

Weder hochfrequentierte Urlaubsregion noch belebte Hafenstadt, anders als St. Bonifatius Rügen und Heilige Dreifaltigkeit Stralsund liegt mit Maria Rosenkranzkönigin die dritte Pfarrei des Pastoralen Raums Stralsund/Rügen/Demmin in einer strukturschwachen Region. Mit um die 13 Prozent zählt die Stadt in Vorpommern bis heute zu den Orten in Deutschland mit der höchsten Arbeitslosenquote. „Die Menschen sind hier ein stückweit abgehängt und finden nur selten eine adäquate Anstellung“, weiß Thomas Witkowski. „Not sehen und handeln, das haben wir uns auf die Fahne geschrieben, und daher sind wir in Demmin mit unserem Angebot genau richtig.“

Witkowski leitet die Region Neubrandenburg im Caritasverband für das Erzbistum Hamburg. Der 42-Jährige, selbst aus Demmin, kennt den dringenden Bedarf in seiner Heimatstadt. Und so engagiert sich seit knapp zwei Jahren auf dem Terrain des Erzbistums Berlin der Caritasverband des Nachbarbistums. Ein Novum. Ein ausschlaggebender Grund: Die Caritas-Region Neubrandenburg erstreckt sich auf den Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, der, doppelt so groß wie das Saarland, an seinem nordöstlichen Rand auch Demmin umfasst und somit in das Erzbistum Berlin hineinragt.

Ob die feierliche Einweihung mit Gottesdienst oder die Aktion „Eine Million Sterne“ in und vor der Pfarrkirche, die Caritas-Einrichtung in der Beethovenstraße versteht sich als Ort kirchlichen Lebens. „Wir sehen uns als Kirche und wollen uns daher beteiligen und in der Gemeinde sichtbar sein“, unterstreicht Witkowski. Auch von Seiten der Pfarrei entwickelt sich langsam ein Miteinander. So spendete die Gemeinde die Erntedankgaben an den CARIsatt-Laden. „Worüber wir uns sehr freuen, das sind Frauen aus der Gemeinde, die für unser Café Kuchen backen“, fügt Tschötschel hinzu. Sie hofft, dass sich die Brücke zur Pfarrei weiter ausprägt und sich vielleicht sogar Ehrenamtliche finden, die sich wie der konfessionslose Dreßler im katholischen CARIsatt-Laden engagieren.

Weite Wege in der Diaspora Vorpommerns

Alle zwei Wochen holt Manuela Stabenow Schüler mit dem BONI-Bus von den Dörfern zum Religionsunterricht nach Demmin und Grimmen. Nur in Altentreptow geht sie direkt in die Schulen. Ihre längste Tour dauert 75 Minuten einfach, fast 110 Kilometer. Knapp 60 Schüler unterrichtet die Lehrerin in altersgemischten Kleingruppen, von Klasse eins bis zum Abitur. Religion zählt in Mecklenburg-Vorpommern als ordentliches Lehrfach. „Manche fühlen sich als Exoten, wenn ich sie vor der Schule oder am Schulbus abhole“, weiß Stabenow. Die Mehrheit der katholischen Schüler besuche Evangelische Religion oder die Ersatzfächer Ethik und Philosophie. Die 49-Jährige fügt hinzu: „Auch wenn in Räumen der Pfarrei, der Unterricht hilft nur wenig, was die Anbindung an die Gemeinde betrifft.“ Auffallend: „Familien finden sich vor allem auf dem Land“, so Stabenow.

Die gut 1.800 katholischen Christen der Pfarrei Maria Rosenkranzkönigin leben zerstreut auf einer Fläche von gut 1.650 Quadratkilometern. Neben der Kirche in Demmin gibt es noch Gotteshäuser in Altentreptow und Grimmen. Auch dort zeigt sich eigenes gemeindliches Leben mit Gottesdiensten, Patronatsfesten und Seniorenkreisen. Im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ befindet sich Demmin mittlerweile im dritten Jahr der Entwicklungsphase mit Rügen und Stralsund. Ab dem 1. Januar werden die drei Pfarreien eine gemeinsame neue Pfarrei bilden, mit 4.122 Quadratkilometern die größte in Deutschland.

„Im ersten halben Jahr habe ich bereits 20.000 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt“, sieht Pfarrvikar Gregor Mazur eine Herausforderung in der Weite. Vergangenen September erst wechselte der Redemptoristen-Pater von Pasewalk nach Demmin. Die meisten Kilometer macht er auf dem Pfarrgebiet von Maria Rosenkranzkönigin. Einmal pro Woche trifft sich das Pastoralteam des Pastoralen Raums in Stralsund. „Bei dieser Ausdehnung kann das Pastoralteam nur sehr begrenzt rotieren oder sich nur schwer nach pastoralen Schwerpunkten aufteilen“, beschreibt Pater Mazur die Situation. Nach Stralsund sind es von Demmin knapp 60 und nach Bergen knapp 90 Kilometer. „So bin ich in Demmin ein wenig wie der Pfarrer, der für alle Fragen ansprechbar ist.“

Auch wenn Katholiken in Vorpommern weite Fahrstrecken nicht fremd sind, betont Herbert Frank, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats: „Gerade weil wir ein so großer Pastoraler Raum sind, ist es zentral, dass Maria Rosenkranzkönigin als eine lebendige Gemeinde vor Ort versteht und nicht vereinnahmt wird“. Dazu sei es notwendig, dass ein Seelsorger in Demmin fest verortet ist. Zudem fordert Frank die verstärkte Ausbildung und gezielte Betreuung ehrenamtlicher Gottesdienstbeauftragter in der Region. „Nach Stralsund zu fahren, ist immer noch einfacher als nach Berlin“, hofft er auf einen hauptamtlichen Ansprechpartner in der künftigen neuen Pfarrei.

Die Jungen gehen weg

„Wir werden immer älter“, nennt Frank eine weitere zentrale Herausforderung seiner Pfarrei. Zur Erstkommunion haben sich in diesem Jahr gerade einmal zwei Kinder gemeldet, so dass erst im kommenden Jahr wieder ein Weißer Sonntag gefeiert wird. Die Firmung organisieren die Pfarreien des Pastoralen Raums bereits gemeinsam. So konnten die vier Bewerber Demmins vergangenes Jahr mit zum einwöchigen zentralen Firmkurs in den Sommerferien.

„Unserer Gemeinde fehlen die Menschen zwischen Anfang 20 und um die 50. Mit Ende der Schule verlassen die jungen Leute wegen Ausbildung und Arbeit die Region“, treffe die Überalterung nicht nur die Pfarrei. 36 Prozent der rund 11.000 Einwohner Demmins sind über 65 Jahre alt, nur 15 Prozent unter 18. Daher engagiere sich die Maria Rosenkranzkönigin zunehmend in der Seniorenarbeit mit Krankenbesuchen, Seniorenkreis, Caritaskreis und Elternkreis, „der eigentlich Großelternkreis heißen müsste“, so Frank.

Mittags richten drei Frauen der „Hospizgruppe Demmin“ den Pfarrsaal für einen Vortragsabend her. Der Verein für ehrenamtliche ambulante Hospiz- und Trauerbegleitung hat den Klinikclown Christoph Gilsbach aus Münster eingeladen. Er spricht zum Thema „Humor in der Sterbebegleitung“.

„Wir sind wieder zurückgekehrt“, freut sich Renate Koch, Vorsitzende der „Hospizgruppe Demmin“. Seit Juni 2018 betreibt der Verein jeden ersten Mittwoch im Monat ab 18.00 Uhr ein Trauercafé im Pfarrsaal von Maria Rosenkranzkönigin. Auf diese Weise sei die Hospizgruppe wieder stärker präsent in der Pfarrei und im Bewusstsein der Gläubigen, unterstreicht die Ärztin. Die Hospizgruppe entstand im Jahr 2006 aus einer Initiative der Pfarrgemeinde, geriet dort aber wegen ihres ehemaligen Standortes in einer Seniorenbegegnungsstätte ein wenig aus dem Blickfeld. Mittlerweile wirken unter den 45 Mitgliedern etliche evangelische Gläubige und Nichtchristen mit. 54 Begleitungen bewerkstelligte der Verein im vergangenen Jahr. Koch sieht diese Arbeit als Dienst an der Gesellschaft, insbesondere mit Blick auf die vielen älteren Menschen der Stadt.

Herbert Frank zeigt sich dagegen ein wenig skeptisch, was die Offenheit der Pfarrei gegenüber allen Menschen im Sozialraum betrifft. Im katholisch geprägten Südoldenburg aufgewachsen, kam der 64-Jährige 1995 nach Demmin: „Es gibt relativ wenige katholische Christen, dafür sind sie eng miteinander verbunden“, zeigt er sich zwar fasziniert vom Zusammenhalt unter den Katholiken, aber: „Man lebt zwar hier, aber man ist doch als Kirche für sich, wie es wohl auch zu DDR-Zeiten war.“

Angesprochen auf CARIsatt für die armen Menschen der Stadt, den offenen Verein „Hospizgruppe Demmin“, das Trauercafé und die Präsenz aktiver Katholiken in der Stadtleitung muss Frank, der selbst für die CDU im Stadtrat sitzt, bescheiden zugeben: „Das nimmt man nicht immer so wahr, dass das etwas Besonderes ist. Für mich ist es das normale Leben und selbstverständlich, so wie es im Kirchenlied heißt: ,Hilf Herr, dass ich dort nicht fehle, wo ich nötig bin.‘“

Informationen zum Pastoralen Raum Stralsund/Rügen/Demmin