Kirchen - Orte zum Aufwärmen für Leib und Seele

Obdachlosenseelsorger Diakon Wolfgang Willsch, Fotos: Walter Wetzler

Oscar Ramirez hat in den Räumen der Gemeinschaft Zuflucht gefunden

Ganz still ist es in der Kapelle St. Nikolaus in Berlin-Friedrichshain. Nicht einmal der Verkehrslärm der Karl-Marx-Allee dringt hinein. Eine Schwester der Gemeinschaft Brot des Lebens kniet im weißen Gewand vor dem Allerheiligsten. Leise, wie auf Zehenspitzen, betritt ein Mann die Kirche, hält kurz inne und verschwindet durch eine Seitentür. Hinter der Tür sind Betten zu sehen - ein Schlafraum. Nur eine „Schrankwand“ trennt den Raum von der Kapelle, und das ist gewollt, sagt Diakon Wolfgang Willsch, Obdachlosenseelsorger im Erzbistum: „Ein Teil der Kapelle wurde durch Schränke, die bis zur Decke reichen, abgeteilt, damit wohnungslose Männer im Winter dort übernachten können. Es trennt sie also keine Mauer von der Kapelle. Ja, es ist ein Provisorium, und so soll’s auch bleiben.“

Raum der Zuflucht

Oscar Ramirez aus Kolumbien hat hier, in den Räumen der Gemeinschaft Brot des Lebens, eine Zuflucht gefunden. 1982 kam er nach Deutschland, um Mathematik zu studieren. Nach Abschluss des Studiums verlor er seinen Aufenthaltsstatus, landete auf der Straße. Dass es seitdem nicht gelang, einen Rechtsanspruch für ihn zu erwirken, hat fatale Folgen: „Legal arbeiten darf ich nicht. Ich gebe Kindern von Bekannten Nachhilfestunden in Mathe oder ein paar Stunden Deutsch-Unterricht für Spanier und helfe in der Gemeinschaft mit“, erzählt er, lächelnd zwar, doch seine Augen bleiben traurig.

Vor der Pandemie konnten zehn wohnungslose Männer im Rahmen der Kältehilfe in den Räumen der Gemeinschaft übernachten, wurden in das Leben der Gemeinschaft integriert. Alle essen zusammen an einem großen Tisch, verbringen den Abend miteinander. Anfangs haben einige der Gäste im Gemeinschaftsraum auch geschlafen, was auf Dauer sowohl das Leben der Gemeinschaft als auch das der Familie Willsch belastete. „Der Gemeinschaftsraum grenzt an unsre Küche. Als unsere Kinder noch klein waren, war das nicht immer vergnüglich.“ Es kam zu Auseinandersetzungen, zu Gewalt - das geistliche Leben der Gemeinschaft wurde schwerer: „Wir brauchen Platz und Luft, sonst geht die Gemeinschaft kaputt.“

Entnervt ging der Diakon ins Gebet: „Jesus, wenn Du die Armen wirklich so liebst, wie‘s in der Bibel steht, dann sind das Deine Gäste, dann nimm sie auch zu Dir in die Kapelle!“ Die Schränke zwischen Kapelle und Schlafraum waren die Antwort.

Die Mitglieder der Gemeinschaft Brot des Lebens – Familien,  Schwestern, Diakone, Priester – wollen Jesus Christus in der Eucharistie und in den Armen und Kleinen begegnen. Seit 2004 ist die Gemeinschaft in St. Nikolaus ansässig. Haus und Kapelle stehen zwischen 7 Uhr und 22 Uhr offen. Alle sind eingeladen zur eucharistischen Anbetung und zu den Gebetszeiten. In den Wintermonaten übernachten ab 19 Uhr bis 8 Uhr die Gäste der Kältehilfe in St. Nikolaus und auch im Gemeindehaus der St. Pius-Kirche.

Kirchen als Wäremorte für Leib und Seele

In St. Pius wurden im vergangenen Pandemiewinter 15 Wohnungslose von Gemeindemitgliedern und über die Gemeindegrenzen hinaus Engagierten betreut. Im Rahmen des Pastoralen Prozesses soll die Notübernachtung in St. Pius nun eingestellt werden, so will es der Pastoralausschuss. Diakon Willsch kann das nicht nachvollziehen: Die Kirche müsse gemeinwohlorientiert sein, offen für die Nöte im Kiez, offen für Ausgestoßene. Von alters her seien Kirchen Refugien, Schutzräume, „Orte zum Aufwärmen“. Unter der Brücke oder in einem Hauseingang übernachten: Im Winter kann Obdachlosigkeit lebensgefährlich werden.

Als Theologe denke er Kirche sakramental; in erster Linie ist sie ein Ort des Gebets. Doch auch dieser Ort Gottes müsse offen sein für alle, die ihn aufsuchen, warum auch immer. „Wenn ich nur eine Viertelstunde durch die Umgebung von St. Nikolaus radle, komme ich an neun katholischen Kirchen vorbei: fast immer sind sie zu!“ Das schmerzt ihn. Kirchen zu öffnen kann doch nicht nur Sache der Kältehilfe sein. „Während des Lockdowns hat unser Erzbischof dazu aufgerufen, die Kirchen als Seelsorgeräume zu öffnen. Orte zum Aufwärmen für Seele und Leib.“

Michael Haas-Busch vom Bereich „Caritas im Pastoralen Raum“ stimmt ihm zu. „Es geht um die Schnittmengen von sozialer und pastoraler Arbeit. Genau das war ja Ziel der Sozialraumanalysen: Wie gehen wir in den Gemeinden mit den Themen der Menschen um uns herum um? Geöffnete Kirchen  können so eine Schnittstelle zwischen seelsorglichem und sozialem Auftrag sein: Jeder darf in die Kirche kommen, und die, die drinnen sind, gehen nach draußen, dorthin, wo Menschen in Not sind.“ Eine diakonische Kirchenentwicklung also; der Diakon nickt und verweist auf die Evangelien: „Die Leute sind doch zu Jesus gekommen, weil er sie gesund gemacht hat, und nicht, weil er Gottes Sohn ist.“ Jesus Christus müsse im Zentrum aller Projekte stehen.   

Natürlich gibt es Probleme, wenn die Kapelle tagsüber offen ist, räumt er ein. Weil viele „Kirche nicht mehr können“: „Die Leute schlappen während der Anbetung rein, essen ihr Eis in der Bank - damit muss man umgehen.“ Für ihn ist es eine Frage der Definition von Gemeinde: „Eine Definition heißt: Wer da ist, gehört dazu. Punkt. Eine andere: Wer zur Messe kommt, gehört dazu. Wer mitmacht, gehört dazu. Oder: Wer getauft und gefirmt ist, gehört dazu.“ Inklusiv oder exklusiv, wobei ihm der exklusive Gemeindebegriff nicht gefällt: „Mein Vater hat gesagt: Theologisch wissen wir, wo Kirche, wo Gemeinde anfängt. Aber wir wissen nicht, wo Kirche, wo Gemeinde aufhört.“

„Kirchen als Orte zum Aufwärmen ist ein Thema, das sich uns nicht erst seit dem Kälteeinbruch im letzten Winter stellt“, betont Michael Haas-Busch von der Caritas. Es ist eine Frage der Haltung und wird auch ein Schwerpunkt des diesjährigen Tags der Armen sein. Und vielleicht kann er Oscar Ramirez helfen, zum Beispiel, indem die Caritas Europa eingeschaltet wird. Man müsse das weltweite Netzwerk der Katholischen Kirche nutzen. Oscar Ramirez hört es mit einer Mischung aus Resignation und Hoffnung.

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Caritas im Pastoralen Raum
Bernadette Feind-Wahlicht
(030) 666 33 -1271 
b.feind-wahlicht(ät)caritas-berlin.de