Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

„Was ist möglich und was nicht?“Treptow-Köpenick versucht, mit der Balanced Church-Card pastorale Ziele und Ressourcen aufeinander abzustimmen

Zwischen pastoralen Vorhaben und vorhandenen Ressourcen gilt es eine Balance zu finden. Foto: Falko Matte/fotolia

„Wir probieren das jetzt einmal aus.“ Michael Kuczera, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats von St. Antonius in Oberschöneweide, zeigt sich vorsichtig optimistisch. Gemeinsam mit der Prozessbegleitung „Wo Glauben Raum gewinnt“ im Erzbischöflichen Ordinariat testet der Pastorale Raum Treptow-Köpenick ein Planungsinstrument, das eigentlich in Wirtschaftsunternehmen eingesetzt wird: die Balanced-Church-Card.

„Wir haben in unserem Pastoralausschuss viele Ideen, aber wir können nicht alle sofort umsetzen, einige vielleicht auch gar nicht.“ Michael Kuczera erhofft sich Klarheit auf dem Weg vom Pastoralkonzept zur Alltagspraxis: „Die Balanced-Church-Card kann helfen, uns ein Bild davon zu machen, was möglich ist und was nicht“, bringt der 45-Jährige doch Erfahrungen mit solchen Instrumenten aus seinem Berufsleben mit.

Auch Kerstin Kurzke begrüßt die Balanced-Church-Card. „Mir erscheint diese Methode sehr hilfreich, um uns wieder zu erden“, meint die Leiterin des Malteser Hospiz- und Palliativberatungsdienstes und damit eine Vertreterin eines Orts kirchlichen Lebens im Pastoralen Raum Treptow-Köpenick. Sie sieht die Gefahr, dass in Pastoralkonzepten zu hehre Visionen formuliert werden. Weil sich jeder etwas anderes unter einer weitgefassten Vision vorstellen könne, drohten Enttäuschungen, wenn keine konkreten Ziele und Maßnahmen aus einer Vision erarbeitet würden, erläutert Kurzke. „Wir müssen uns ganz konkret fragen: wie soll diese Vision eigentlich im Alltag einer Pfarrei umgesetzt werden? Und: was braucht es dafür an Ressourcen?“

Schwitzkasten führt zu konkreten Maßnahmen

Die Balanced Church-Card trägt in der Betriebswirtschaft den Namen Balanced Score-Card, auf Deutsch: Ausbalancierte Punkte-Karte. Auf kirchliche Belange übertragen hat sie der Wirtschaftswissenschaftler Bernd Halfar. Der Professor für Management in sozialen Einrichtungen an der Katholischen Universität Eichstätt möchte mit ihr das Formulieren konkreter Ziele und deren Kontrollierbarkeit in der Kirche forcieren. „Kirche stellt gerne Konzepte auf, die oftmals so offen oder wachsweich gestaltet sind, dass man am Ende eigentlich nicht so recht weiß, ob man nun die Ziele erreicht hat oder nicht“, erklärt er. „Die Balanced Church-Card wirkt dagegen wie ein Schwitzkasten, der alle zwingt, darüber nachzudenken, was möglich ist und was nicht.“

Das Prinzip des betriebswirtschaftlichen Instruments ist der Balanceakt. Aufgaben, Ressourcen, Organisationstechnisches und vorhandene Kompetenzen sind so gegeneinander abzuwägen, dass am Ende die gesteckten Ziele guten Gewissens umgesetzt werden können. Erfolge werden an erreichten oder nicht erreichten Kennzahlen gemessen und kontrolliert, die zu Beginn festgelegt werden.

Auf der Karte gruppieren sich vier Felder um den Kasten Vision wie die vier Himmelsrichtungen um eine Kompassnadel. Zunächst wird für eine erste Aufgabe (Feld 1), die sich aus der Vision ergibt, geprüft, ob die vorhandenen Ressourcen (Feld 2) ausreichen, ob zum Beispiel ein nötiger Raum zur Verfügung steht. Reichen sie nicht aus, besteht ein Ungleichgewicht. Um dieses auszubalancieren, kann auf Aufgaben verzichtet oder es können neue Ressourcen akquiriert, beispielsweise ein Raum angemietet werden. Fehlen Ressourcen, weil etwas schlecht organisiert ist, vielleicht ein noch vorhandener Raum als Rumpelkammer genutzt wird, gilt es etwas an der Organisation (Feld 3) zu verändern, sprich den Raum frei zu räumen und herzurichten. Fehlt es an kompetenten Personen, stellt sich die Frage (Feld 4), ob nicht jemand fortgebildet oder eingestellt werden kann, um die Kompetenzen in der Gemeinde zu erweitern.

Im nächsten Schritt wiederholt sich das Spiel mit einer zweiten Aufgabe, dann mit einer dritten usw. Je mehr Aufgaben hinzukommen, umso strapazierter reagiert die Ressourcenseite, umso herausfordernder wird es für die interne Organisation, umso mehr Anfragen gibt es, was die Kompetenzen in der Gemeinde betrifft.

Hilfestellung für einen Entwicklungsplan

Aber was hat die Balanced-Church Card mit dem Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ zu tun? „Bis zur Errichtung einer neuen Pfarrei muss ein Pastoraler Raum eine konkrete Vorstellung entwickeln, wie er mit seinen wirtschaftlichen Ressourcen unter Berücksichtigung seines Pastoralkonzepts umgehen möchte“, erklärt Markus Kappes, Leiter des Bereichs Bistumsinterne Organisation im Erzbischöflichen Ordinariat. Jeder Pastorale Raum hat daher im dritten Jahr der Entwicklungsphase einen Entwicklungsplan aufzustellen. Denn während das Pastoralkonzept eine Vision für die neue Pfarrei formuliert, liegt es am Entwicklungsplan, „zu definieren, wie das Pastoralkonzept mit Blick auf die eigenen Ressourcen konkret umgesetzt werden kann“, erläutert Kappes. Die Balanced Church-Card biete dabei eine Hilfestellung.

„Das Pastoralkonzept muss Leben bekommen und in der Realität eine Rolle spielen“, sieht Christopher Maaß von der Prozessbegleitung „Wo Glauben Raum gewinnt“ in der Balanced Church-Card einen Weg, sich nicht allein auf das zu konzentrieren, was bis zur Errichtung der neuen Pfarrei organisiert werden muss. Mit ihr ließe sich bereits in der Entwicklungsphase ein inhaltlicher Schritt über diesen Stichtag hinaus machen. „Bei der Balanced Church-Card geht es um Entwicklung, um das Nach-Vorne-Gehen“, unterstreicht Maaß. 

Drei Ziele pro AG

Treptow-Köpenick steckt mitten in der Erarbeitung des Pastoralkonzeptes. Um in diesen Prozess den Versuch mit der der Balanced Church-Card zu integrieren, bekam jede Arbeitsgruppe – Erwachsene, Kinder, Senioren, Liturgie – den Auftrag, neben den etablierten Aufgaben, drei neue Ziele zu formulieren. Der Pastoralausschuss soll aus diesen anschließend fünf bis sechs Ziele auswählen, die entsprechend ausbalanciert werden.

Michael Kuczera nennt ein Beispiel für ein Ziel der AG Senioren, der er angehört: ein Fahrdienst für all jene, die nicht mehr so leicht zum Gottesdienst kommen, „eine Maßnahme, ganz im Sinne unserer Vision: Gemeinschaft mit Christus für alle erfahrbar zu machen“. Werde dieses Ziel durch den Pastoralausschuss angenommen, so Kuczera, stellen sich auf der Ressourcen-Seite Fragen wie: Gibt es ein geeignetes Fahrzeug, eventuell einen BONI-Bus? Oder: Wie viele Ehrenamtliche mit wie vielen Privat-PKW braucht es? Auf der Seite der internen Organisation: Wie kann das Projekt bekannt gemacht, wie die Fahrpläne erstellt werden? Und am Ende schließlich für alle: Wie und wann wird kontrolliert, ob das Projekt sinnvoll funktioniert und daher weitergeführt werden soll?

„Den Heiligen Geist kann man natürlich nicht messen, auch nicht wie stark der Glaube eines einzelnen sich entwickelt.“ Auch wenn sich Kuczera skeptisch zeigt, kirchlich-pastorale Arbeit anhand von Kennzahlen zu messen und zu kontrollieren, bei diesem Beispiel kann er es sich sehr gut vorstellen: „Ob es künftig einen Fahrdienst zum zentralen Gottesdienst zu Fronleichnam gibt oder nicht, wie viele Menschen ihn nutzen und wir damit neu erreichen oder ob keiner mitkommt und wir nur Sprit verfahren, das ist durchaus messbar.“