„Wir sind Teil der Kirche“ Beteiligung in Pastoralen Räumen als Moment der Fachlichkeit in Caritas-Diensten

Der Berliner Regionalleiter Göpel begrüßt die Leitungen der Berliner Caritas Dienste im Bernhard-Lichtenberg-Haus. Foto: Herrmann

Das Team von „Caritas rund um den Kirchturm“ hatte die Leitenden der Berliner Caritas-Dienste geladen. Foto: Herrmann

In Kleingruppen diskutierten die Caritas Mitarbeitenden über ihre Rolle im Pastoralen Prozess. Foto: Herrmann

Der Berliner Regionalleiter Frank Petratschek (r.) in der Kleingruppendiskussion. Foto: Alfred Herrmann

„Die Sitzungen sind sehr gut strukturiert. Wir haben klare Zeitvorgaben, die eingehalten werden. Es wird auf eine sinnvolle Diskussion geachtet. Das kommt mir entgegen.“ Beate Kretschmer-Flemming engagiert sich im Pastoralausschuss des Pastoralen Raums Mitte. Zusammen mit Frank Petratschek, Regionalleiter Berlin, vertritt sie in dem Gremium die Einrichtungen der Caritas. Mehr als 30 Dienste wirken im Pastoralen Raum im Herzen Berlins, von der Sozialstation in Kreuzberg über den Jugendmigrationsdienst in der Stresemannstraße bis zur Integrativen Suchtberatung in der Großen Hamburger Straße.

Kretschmer-Flemming leitet das Projekt „Caritas Zentrum Große Hamburger Straße“ in Berlin-Mitte. Der Verband testet dort, inwieweit es sinnvoll ist, verschiedene Dienste, die an einem gemeinsamen Standort versammelt sind, als Zentrum zu organisieren. Als Zentrumsmanagerin kümmert sie sich unter anderem um Fragen, die den Standort betreffen. Zu ihrem Auftrag zählt daher die Vertretung der Interessen des Zentrums im Pastoralen Raum vergleichbar mit ihrem Engagement in der „Liga der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege“ im Berliner Bezirk Mitte. Die abendlichen Sitzungen in Pastoralausschuss und Arbeitsgruppen gehören ganz selbstverständlich zu Kretschmer-Flemmings Arbeitszeit. Sie versteht die neue Zusammenarbeit im Pastoralen Raum als Teil ihrer Fachlichkeit, so wie es künftig alle Caritas-Dienststellen leben sollen.

Über bisherige Strukturen hinausdenken

Der Pastoralausschuss des Pastoralen Raums Mitte trifft sich zweimal im Jahr. Er ist das zentrale Gremium in der Entwicklungsphase des Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“. Der Pastoralausschuss erarbeitet ein Pastoralkonzept und entscheidet sämtliche Fragen, die die neue Pfarrei betreffen, die am Ende der Entwicklungsphase entstehen soll. Im Pastoralausschuss arbeitet Kretschmer-Flemming mit Vertretern sämtlicher Pfarrgemeinden und kirchlichen Einrichtungen des Pastoralen Raums zusammen – kein kleines Gremium, so dass fünf Arbeitsausschüsse Detailfragen zu den Themen Liturgie, Verkündigung, Diakonia, Gemeinschaft und Finanzen behandeln. Kretschmer-Flemming wirkt in zwei AGs mit, in Diakonia und Gemeinschaft. Rund zehn abendliche Sitzungen stehen hierfür im Jahr an, die gut vorbereitet sein wollen.

So erstellte sie zum Beispiel eine Übersicht über sämtliche Dienste des Caritasverbandes und seiner Tochtergesellschaften im Pastoralen Raum. Dabei weitete sich Kretschmer-Flemmings Blick. Bislang konzentrierte sie sich allein auf den Berliner Bezirk Mitte, da sich Caritas-Dienste an kommunalen Strukturen und somit an Bezirksgrenzen orientieren. Nun muss sie sich auch mit Caritaseinrichtungen in Kreuzberg beschäftigen, die ebenfalls im Pastoralen Raum Mitte liegen. „Das hat Charme. Plötzlich muss ich über die bisherigen Strukturen hinausdenken“, zeigt sie sich erfreut. Ebenso inspiriere sie der Einblick in das karitative Angebot anderer katholischer Träger. Denn wie Kretschmer-Flemming lieferten auch die Vertreter der Pfarreien, Kitas, Vereine, Ordensgemeinschaften eine Übersicht über ihr jeweiliges Engagement. „Die Fülle der sozialen Angebote allein einer Kirchengemeinde, ob für Obdachlose oder für Flüchtlinge, war mir bislang nicht bekannt.“

Beteiligung konkret

„Unsere Großteamtreffen in Räumen der Pfarreien abzuhalten, das kann ich mir gut vorstellen, wenn die Pfarrer dafür offen sind“, sagt Andreas Ruf. Der Leiter der Region Ost des Berliner Krisendienstes sitzt in einem Stuhlkreis mit fünf weiteren Vertretern verschiedenster Berliner Caritasdienste. „Ja, Caritas und Pfarreien sollen miteinander ins Gespräch kommen, das bietet Chancen“, meint auch Petra Siegberg von der Ambulanten Wohnungslosenhilfe Südwest. Patric Tavanti vom Caritas-Jugendzentrum Magda stimmt ihr zu und erzählt von seiner Erfahrung in Lichtenberg. Der Gemeindereferent der Pfarrei St. Mauritius habe Kontakt mit der Caritas-Einrichtung aufgenommen. „Ein Gespräch, um die Menschen in einem Pastoralen Raum zu verbinden, kostet nicht unbedingt viel Zeit und kann dennoch einiges bewirken“, so Tavanti. Beide Seiten stellten dabei fest, dass das geplante Projekt „Soziale Engel“ des Caritas-Jugendzentrums sich zur Kooperation eignen könnte. Im Rahmen des Projekts sollen sich Jugendliche als „Soziale Engel“ für Senioren engagieren, in dem sie zum Beispiel für diese einkaufen. „Das Projekt bietet durchaus Schnittstellen. Die Pfarrjugend kann entscheiden, ob sie mitmachen möchte. Wir sind offen dafür.“

Tavanti, Siegberg und Ruf sitzen an diesem Nachmittag im Bernhard-Lichtenberg-Haus an der Hedwigskathedrale, um sich über ihre Erfahrungen im Pastoralen Prozess auszutauschen. Das Team von „Caritas rund um den Kirchturm“ sowie die beiden Berliner Regionalleiter Rolf Göpel und Frank Petratschek hatten die Leitungen der Berliner Dienststellen eingeladen. „,Wo Glauben Raum gewinnt‘… ist die Caritas verortete und sichtbare Kirche“ wirft der Beamer das Thema der Informationsveranstaltung an die Wand. Entwicklung und Zusammenarbeit, Vernetzung und Kommunikation im Pastoralen Raum soll Teil der Fachlichkeit der Caritas-Dienststellen werden. Kirchengemeinden und Caritas sollen gemeinsam als Kirche ihre Verantwortung in der Welt leben, so der Tenor. „Mir ist wichtig, dass die Dienststellen im Pastoralen Raum präsent sind entweder durch die Dienststellenleitung oder durch Mitarbeitende“, formuliert Regionalleiter Göpel seine Erwartung, „es soll vor Ort bekannt und spürbar sein, dass es die entsprechende Dienststelle gibt.“

„Das Anliegen verstehe ich. Allerdings kann ich es mir noch nicht ganz vorstellen, wie es konkret umgesetzt werden soll“, ist Ruf unsicher. In der Podiumsdiskussion mit den beiden Regionalleitern zeigt sich: vor allem dort, wo die Pastoralen Räume noch nicht gestartet sind, weiß man nicht so recht, wie der Pastorale Prozess als Teil der Fachlichkeit von Caritas-Diensten gelebt werden soll. Caritas-Mitarbeitende hingegen, die bereits in die Entwicklungsphase eines Pastoralen Raums eingebunden sind, geben positive Rückmeldungen, sprechen von neuen Perspektiven, die der Pastorale Prozess mit sich bringt. Die Caritas-Dienste würden von den Pfarreien und anderen Orten kirchlichen Lebens intensiver wahrgenommen. Der Zeitaufwand, den Gremiensitzungen und Austauschrunden erfordern, bliebe überschaubar. Die SALIDA Sucht-Nachsorge zum Beispiel investiere gerade mal knapp drei Stunden alle drei bis vier Monate für ein Treffen im Pastoralausschuss im Pastoralen Raum Nord-Neukölln.

Ein neues Selbstverständnis

„Es geht im Pastoralen Prozess nicht darum, etwas abzuarbeiten, sondern Kirche zu entwickeln. Das ist meine persönliche Motivation, mich am Prozess zu beteiligen“, betont Frank Petratschek, der sich selbst in zwei Pastoralausschüssen engagiert. „Wir dürfen die Mitwirkung in Pastoralen Räumen nicht institutionalisieren, sondern müssen sie verinnerlichen.“ Der Regionalleiter wünscht sich als ersten Schritt, dass Caritas-Einrichtungen und Caritas-Mitarbeitende ein neues Selbstverständnis während des Pastoralen Prozesses ausbilden, nämlich selbst Teil der Kirche zu sein. Die Konsequenzen daraus geben die inhaltliche Ausrichtung vor: „Wir, die Caritas, sind Teil der Kirche. Daher müssen wir uns der Frage stellen: Wo sind wir Mehrwert für die Kirche und wie können wir das in einen Pastoralen Raum einbringen?“

Erst im zweiten Schritt folgt für Petratschek die strukturelle Frage. Die aktive Beteiligung im Pastoralen Raum müsse grundsätzlich im Selbstverständnis aller Dienste verortet sein. Fragen der Organisation allerdings, ob sich zum Beispiel die Dienststellenleitung engagiert oder einzelne Mitarbeitende, wie der Austausch mit den anderen Playern eines Pastoralen Raums funktioniert, wieviel Zeit benötigt wird, könnten nicht pauschal beantwortet werden, so der Regionalleiter. Wie ein Dienst die Beteiligung am Prozess gestalte, entscheide sich an den Gegebenheiten und Herausforderungen im jeweiligen Pastoralen Raum. Petratschek: „Wir müssen vor Ort individuelle Wege finden, wie man Vernetzungsarbeit und dienstliche Belange zusammenbringen kann.“