Zur Neutralität verpflichtetJohannes Motter moderiert die Entwicklungsphase in Reinickendorf-Nord

Johannes Motter: Der Moderator im Pastoralverbund Reinickendorf Nord.

St. Hildegard in Frohnau.

Maria Gnaden außen.

Maria Gnaden innen. Fotos: Herrmann

Vor Beginn der Sitzung sah sich Johannes Motter einigen skeptischen Blicken ausgesetzt. So mancher fragte sich, was Motter beim Start der „Entwicklungsphase“ in Reinickendorf möchte. „Nachdem ich mich vorgestellt habe, spürte ich, viele haben verstanden: ,Der kann uns helfen‘“, berichtet er vom 25. September, an dem zum ersten Mal der „Gemeinsame Ausschuss“ im Pastoralverbund Reinickendorf Nord zusammenkam.

Johannes Motter ist der erste im Erzbistum Berlin, der seine Arbeit als Moderator innerhalb des Pastoralen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“ aufgenommen hat. Mit dem Pastoralverbund Reinickendorf Nord startete er im September in die „Entwicklungsphase“. Aufgrund des schon bestehenden Pastoralverbundes der Pfarreien Maria Gnaden (Hermsdorf), St. Hildegard (Frohnau) und St. Martin (Märkisches Viertel) konnten die drei Gemeinden als Erste im Erzbistum die Arbeit an der Entwicklung eines Pastoralen Raumes aufnehmen. „Ich übernehme eine neutrale Funktion. Weder bin ich für Entscheidungen zuständig noch vom Ordinariat als deren Vertreter geschickt, sondern ich bin ein neutraler Moderator, der alle Seiten verbinden soll“, erklärt Motter seine Position.

In seiner Funktion moderiert er die Sitzungen des „Gemeinsamen Ausschusses“. Darin erstellen Vertreter der Gremien der Pfarreien sowie die Vertreter der Orte kirchlichen Lebens ein für die Zukunft tragfähiges Pastoralkonzept für den künftigen Pastoralen Raum. Verschiedene Themenbereiche der Gemeindearbeit, unterschiedliche Interessen und Wünsche der Beteiligten, zwingende Struktur- und Finanzfragen müssen in den nächsten Monaten in diesem Gremium erörtert werden. Motter bereitet mit dem Pfarrer, der den „Gemeinsamen Ausschuss“ inhaltlich leitet, und dem Verwaltungsleiter die Sitzungen vor. Er behält die vom Ausschuss gesetzten Ziele im Blick und bemüht sich darum, dass die verabredeten Termine und Fristen eingehalten werden. Er kümmert sich um die Kommunikation zwischen den Ausschussmitgliedern, mit Unterausschüssen und zum Ordinariat.

Eigentlich arbeitet Motter als Gemeindereferent der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Berlin-Kladow. Seit 1. Juli fährt er regelmäßig die 30 Kilometer in den Berliner Norden. 25 Prozent seiner Arbeitszeit investiert er in seine neue Tätigkeit. Motter liebt es, über den Tellerrand des eigenen beruflichen wie örtlichen Umfelds hinauszublicken. So meldete sich der 32-Jährige sofort, als die Stabsstelle für den Pastoralen Prozess im erzbischöflichen Ordinariat Frauen und Männer im kirchlichen Dienst suchte, um Pfarreien in der Entwicklungsphase zu begleiten. Schon im Bistum Magdeburg, wo er direkt nach seiner Ausbildung gearbeitet hatte, sammelte er gute Erfahrungen mit Moderatoren. Auch das Berliner Nachbarbistum setzte Moderatoren ein, als im Jahr 2005 im Rahmen eines Pastoralen Prozesses neue Gemeindeverbünde entwickelt wurden.

Fortbildung zum Moderator

Seinen Weg zum Moderator begann Motter im vergangenen Herbst, als er mit neun Kolleginnen und Kollegen eine dreitägige Fortbildung bei Pater Thomas Grießbach absolvierte. Der Dominikaner und  Wirtschaftsmediator übernimmt für das Erzbistum Berlin die Ausbildung, so wie er es schon für das Erzbistum Hamburg übernommen hatte. Insgesamt werden 30 Moderatoren für den Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ benötigt. Sieben haben den Kurs schon absolviert, nicht nur Männer und Frauen aus dem pastoralen Dienst, auch Verwaltungsmitarbeiter, Diakone, Lehrer haben sich schon gemeldet. „Der Kurs besteht aus ungefähr einer Stunde Theorie und sonst aus praktischen Übungen. Dabei lernen Moderatoren das Zuhören in kleineren und größeren Gruppen, das Erkennen von Interessen, die hinter festen Positionen der Verhandlungspartner liegen. Es geht um Fragen: Wie gebe ich der Gruppe eine Rückmeldung ohne wertend zu sein und befördere trotzdem den Fortschritt der Verhandlungen? Wie schaffe ich hilfreiche personale Beziehungen unter den Verhandlungspartnern?“ Pater Grießbach spricht davon, Ursachen von Konflikten frühzeitig zu erkennen, er spricht von Gesprächsrhetorik und der Fähigkeit, Themen sauber und ergebnisorientiert zu strukturieren. „Die vielleicht wichtigste Aufgabe eines Moderators ist die Gesprächsorganisation. Er muss wissen, welche Moderationsmethoden er anwenden kann, um von einem großen Themenbereich über die Differenzierung in Einzelprobleme über die Findung von Lösungsansätzen zu einer Entscheidung und zur Umsetzung gelangt.“

Wichtigste Wesenseigenschaft eines Moderators, so Pater Grießbach, sei dessen Neutralität. „Während der Leiter des ,Gemeinsamen Ausschusses‘ für den Inhalt der Verhandlungen verantwortlich ist, übernimmt der Moderator ausschließlich für die Form die Verantwortung. Der Moderator präsentiert die Inhalte, die besprochen werden müssen, auf eine Weise, dass sie vom Ausschuss ergebnisoffen diskutiert und zügig entschieden werden können.“ Als prominentes Beispiel nennt der Dominikaner die Rolle des Bundestagspräsidenten: „Ein Bundestagspräsident darf inhaltlich nichts sagen. Er ist allein für die Form und den Ablauf der Debatten im Deutschen Bundestag zuständig, damit eine ergebnisoffene und kultivierte Diskussion trotz unterschiedlichster Positionen möglich ist.“

Sich nicht inhaltlich einzumischen, sei das oberste Gebot eines Moderators, auch wenn es den in der Pastoral erfahrenen Kräften manchmal schwer fallen mag. „Gruppen lassen sich nicht manipulieren. Das fliegt auf, und dann muss ein Moderator ausgetauscht werden“, meint daher Grießbach. Er weiß aber auch, dass es trotz Neutralität immer wieder passieren kann, dass dem ein oder anderen etwas Wertendes herausrutscht. Wem das passiere, müsse sich umgehend dazu bekennen, dass er sich inhaltlich eingemischt habe. Nur so sei seine Glaubwürdigkeit aufrecht zu erhalten.

Erfahrung im Erzbistum Hamburg

„Die Moderatoren entwickeln eine mehr oder wenige starke Motivation für die Inhalte. Sie überschreiten jedoch immer dann eine Grenze, wenn sie sich zu stark mit den Inhalten identifizieren. Dann wird es für ihn schwer, wieder die Außenperspektive einzunehmen.“ Dass ein Moderator in die Versuchung kommt, sich inhaltlich einzumischen, das sieht auch Christiane Bente als ein Risiko. Die Leiterin der „Stabsstelle Pastorale Entwicklung“ im Erzbistum Hamburg begleitet die Moderatoren im Pastoralen Prozess ihrer Erzdiözese. Schon seit 2010 gehen die Katholiken im Berliner Nachbarbistum einen ähnlichen Weg, wie er nun auch im Erzbistum Berlin beschritten wird. Drei neue Pfarreien sind mittlerweile entstanden. Bente sieht, wie Moderation vielfach gelingt, erlebte aber auch vereinzelt, dass sie scheiterten kann.

Ein Risiko für einen Moderator sieht Bente auch in unvernünftigen Verhandlungspartnern. Beteiligte des Entwicklungsprozesses versuchten immer wieder einmal den Moderator zu beeinflussen, um ihn auf ihre Seite zu ziehen, berichtet sie aus mehrjähriger Erfahrung. „Der Moderator muss stets betonen: ich bin dafür da, dass alle Beteiligten zu Wort kommen. Er muss Anwalt aller sein.“ Wenn ein Moderator spürt, dass Handlungsträger Verantwortung an ihn abgeben und ihn somit aus seiner neutralen Rolle herausholen möchten, finde er in der Fachstelle Pastoraler Entwicklung im Ordinariat eine Stelle der Beratung und Begleitung, so Bente. Wie in Hamburg treffen sich auch im Erzbistum Berlin die Moderatoren bis zu fünf Mal im Jahr, um sich auszutauschen. Sie besprechen Einzelfälle und schwierige Situationen. Zudem werden sie durch die Stabsstelle „Wo Glauben Raum gewinnt“ kontinuierlich betreut. Mit Markus Papenfuß, dem Stellvertretenden Leiter, haben sie einen permanenten Ansprechpartner. Außerdem verfügt jeder Moderator über einen ruhenden Stellvertreter. Dieser zweite Moderator liest alles mit und kann jederzeit einen Entwicklungsprozess übernehmen.

Johannes Motter freut sich auf die kommenden Monate. Er möchte die Zeit nutzen, um unter anderem einen Einblick in einen anderen Pastoralen Raum zu gewinnen. Er erhofft sich Erkenntnisse für die Arbeit in seiner Gemeinde, die selbst in der Findungsphase steckt. „Durch die Tätigkeit als Moderator weitet sich mein Blick für den Pastoralen Prozess in meiner eigenen Gemeinde.“