Andreas Nachama, Heiner Koch und Christian Stäblein fordern alle Parteien auf, für die Aufnahme der Bekämpfung des Antisemitismus in die Landesverfassung Berlins einzutreten. Und zwar jetzt!
Ein jüdischer Geistlicher und zwei christliche – zusammen begehen wir am Mittwoch einen Gedenkgottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Wir gedenken der am 7. Oktober 2023 im Terror durch die Hamas ermordeten Menschen – des Angriffs auf Israel und seine Bürgerinnen und Bürger, des größten Mordens an Jüdinnen und Juden seit der Shoa. Wir gedenken der Geiseln, der vielen, die in den Tunneln ermordet wurden. Wir sind verbunden mit den Überlebenden, deren Schmerz bleibt. Wir nehmen Anteil an der Trauer der Angehörigen.
Unser Mitgefühl steht nicht in Konkurrenz zu anderem Erinnern und zu anderer Trauer. Jedes Menschenleben zählt und wiegt in seiner Würde gleich. Es gilt allen Menschen, die an den Folgen des 7. Oktobers tragen, in den sich anschließenden Kriegen im Nahen Osten. Wir sehen sie und wir trauern.
Aufgabe für Staat und Gesellschaft
Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich der Antisemitismus weltweit und in Deutschland in furchtbarer Weise ausgeweitet. Dem treten wir heute entschieden entgegen und rufen alle dazu auf, es mit uns zu tun. Die Bekämpfung von Antisemitismus in Deutschland ist erste Aufgabe für Staat und Gesellschaft. Gerade in Berlin, der Stadt, in der die industrielle, staatlich-institutionell und historisch unvergleichliche Vernichtung von Jüdinnen und Juden geplant und gesteuert wurde, ist der bedrohlich und offen auftretende Antisemitismus nicht hinnehmbar.
Wir fordern deshalb alle Parteien auf, für die Aufnahme der Bekämpfung des Antisemitismus in die Landesverfassung Berlins einzutreten. Und zwar jetzt! Jeder erkennt, wie nötig das ist. Allerdings: Die Wahrnehmung von Antisemitismus reicht nicht aus. Es braucht ein unbedingtes Bekenntnis zum Schutz jüdischen Lebens.
Mit der Aufnahme in die Verfassung verbunden wäre die Selbstbindung aller Verfassungsorgane, die für die Realisierung und Umsetzung des Ziels einzustehen haben. Auch die Bindung aller Parteien, rechts wie links. Die Bekämpfung von Antisemitismus muss Gesellschaftswille sein, sie muss sich in Lehrplänen ebenso wiederfinden wie in Förderrichtlinien. Die Bekämpfung von Antisemitismus ist nicht ein Ziel am Rande vieler anderer Vorhaben, es ist die Mitte und das Fundament einer Gesellschaft, die aus der Geschichte lernen muss.
Antisemitismus ist Sünde, er ist ein Verbrechen. Im gegenwärtigen Kontext ist auch Selbstverständliches auszusprechen: Kritik am Handeln der Regierung Israels ist nicht Antisemitismus, sondern legitim. Zugleich gilt auch: Im Gewand der „Israelkritik“ – in Anführungszeichen, denn schon das Wort ist vielsagend, weil vollkommen singulär – treten antisemitische Stereotypen hervor, wie sie sich in der Dämonisierung Israels, dem Anlegen von Doppelstandards und der Delegitimierung der gesamten Existenz Israels wiederfinden.
Antisemitismus hat in der Geschichte und bis heute viele Masken – seine scheinbaren Begründungen finden sich in religiösen oder säkularen Zusammenhängen, sind in der Geschichte mit Marxismus wie mit Kapitalismus verbunden worden, zeigen sich links wie rechts. In aller Unterschiedlichkeit bleibt es immer ein Verbrechen in dem Gemisch von Ausgrenzung, Abwertung und Hass.
Antisemitismus zu bekämpfen, ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft, um ihrer selbst, um der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger und um Gottes willen. Eine Gesellschaft, die Antisemitismus nicht bekämpft, ist blind für die eigene Geschichte, die eigene Verantwortung.
Erinnerungsarbeit ist ein zentraler Baustein des gesellschaftlichen Fundaments, besonders in der Aufarbeitung von Antisemitismus sowie der Abkehr von ihm. Dazu gehören Gedenken ebenso wie das Verlegen von Stolpersteinen. Wer das stoppt, etwa in der vorgeblichen Behauptung, es sei genug erinnert, versündigt sich am eigenen Auftrag.
Auch die Kirchen haben mit ihrer antijüdischen Tradition viel Schuld auf sich geladen. Für ihre Erneuerung nach 1945 ist die Abkehr von instrumentalisierender Bibelauslegung gegen Jüdinnen und Juden zentral.
Deshalb stehen die Kirchen mit öffentlichen Aktionen und klaren Positionierungen weithin sichtbar an der Seite von Jüdinnen und Juden. Es gibt keine christliche Identität ohne enge Bindung an jüdische Tradition und Gegenwart.
Zur wirksamen Bekämpfung von Antisemitismus gehören interreligiöse Bildung, Gespräch und Dialog. Guter Religionsunterricht ist immer auch Antisemitismusprävention, denn er veranschaulicht den Reichtum jüdischer Tradition und klärt auf über antijüdische Tendenzen der Kirchengeschichte. Bildung ist Grund und Motor einer Wertegemeinschaft. Allerdings: Alle Bildung findet ihren Sinn nur, wenn die Grundvoraussetzungen geschaffen sind: dass Jüdinnen und Juden in diesem Land sicher und frei leben können. Erst dann und erst so ist Deutschland ein Land, das die Freiheit aller wirklich schützt.
Und erst dann findet unser Land inneren Frieden. Das sagen wir heute am 7. Oktober, an dem Tag, an dem wir des Terrormassakers an Jüdinnen und Juden gedenken. Der Tag, der uns mahnt, für den Frieden im Nahen Osten, im Osten Europas und weltweit einzutreten. Mit aller Kraft.
Die Autoren:
Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama, Berlins katholischer Erzbischof Dr. Heiner Koch, Berlins evangelischer Bischof Dr. Christian Stäblein