BZ-Kolumne

„Beim Namen gerufen“

„Fürchte Dich nicht, ich habe dich beim Namen gerufen!“ (Jes 43,1). Es ist Gott selbst, der im Buch des Propheten Jesaja den Menschen, die er erschaffen hat, Trost und Hoffnung zuspricht.

Gott hat einen jeden Menschen „beim Namen gerufen“, er hat keine Nummern verteilt oder einfach nur durchgezählt. Der Gott, an den Juden und Christen glauben.

Am kommenden Wochenende werden in der jüdischen Gemeinde Berlin wieder die Namen aller deportierten und ermordeten Jüdinnen und Juden gelesen, zum Gedenken an die Novemberpogrome 1938. Es ist eine eindringliche und bewegende Form des Gedenkens.

Es ist ein Widerspruch gegen den Holocaust, denn die Nationalsozialisten wollten den Jüdinnen und Juden nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Würde und Identität nehmen. Eine Nummer wurde ihnen in den Konzentrationslagern in den Arm tätowiert.

Wir können die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden nicht ungeschehen machen, aber es gelingt, ihnen auf diese Weise ihre einzigartige Würde zurückzugeben.

Für mich überraschend, kann Künstliche Intelligenz dazu beitragen. Das meldet die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zum Jahrestag des 9. November 1938. Die Datenbank von Yad Vashem enthält Millionen Dokumente und hilft Familien weltweit, Angehörige wiederzufinden und ihrer zu gedenken. Noch fehlen rund eine Million Namen der insgesamt rund sechs Millionen jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Deren Spuren sind bislang in den Archiven verborgen geblieben und sollen nun mit Mithilfe von künstlicher Intelligenz identifiziert werden.

Dann können – so viele Jahre nach dem Holocaust – auch Angehörige der Ermordeten gedenken und sie bei ihrem Namen rufen.

Für uns heute heißt das gleichzeitig: auftreten gegen jede Form von Antisemitismus, bevor jüdisches Leben bedroht, Jüdinnen und Juden ihre Würde geraubt und ihr Leben gefährdet ist.