Der israelische Künstler Dima Korma hat auf einer Hausfassade in Charlottenburg-Nord ein großes Wandgemälde in Erinnerung an Bernhard Lichtenberg gestaltet. Die einzelnen Motive des Murals hat er in einem mehrtägigen Workshop gemeinsam mit Schüler:innen der Anna-Freud-Schule erarbeitet. Inspiriert davon hat der Künstler das Erinnerungszeichen umgesetzt. Das Mural zu Ehren Bernhard Lichtenbergs befindet sich an einem Eckhaus in der Delpzeile 4, Ecke Bernhard-Lichtenberg-Straße. Somit ist das Mural Teil des öffentlichen Raums und trägt mit seiner Gestaltung im Stil urbaner Street-Art dazu bei, Erinnerungskultur im Alltag sichtbar und leicht zugänglich zu machen.
Das Mural zeigt ein Porträt von Bernhard Lichtenberg, dessen Blick den Betrachtenden direkt trifft. Ergänzt wird die Darstellung durch ein Zitat des Seligen sowie seine handschriftliche Unterschrift, die dem Kunstwerk eine persönliche Note verleihen. Dima Korma greift bei der Gestaltung die Blau- und Gelbtöne der Häuserfassaden auf, womit sich das Mural harmonisch in das Umfeld einfügt.
Der Ort des Murals ist kein Zufall, denn es reiht sich ein in den Pfad der Erinnerung der Gedenkregion Charlottenburg-Nord zwischen der Gedenkstätte Plötzensee, der katholischen Gedenkkirche Maria Regina Martyrum und der evangelischen Gedenkkirche Plötzensee, die sich alle dem Gedenken an den Widerstand gegen die NS-Diktatur widmen. Der Pfad der Erinnerung führt zugleich durch die Paul-Hertz-Siedlung, ein in den Nachkriegsjahren entstandenes Neubaugebiet, in dem fast alle Straßen nach Frauen und Männern des Widerstands benannt sind. Es gibt dort bereits zwei weitere Murals, die an die Widerstandskämpfer aus der Familie Heilmann und an das Ehepaar Poelchau erinnern.
Die Entstehung der Murals auf den Häusern der GEWOBAG wird von der 2013 eigens dafür gegründeten Stiftung Berliner Leben gefördert. Das Mural von Bernhard Lichtenberg ist außerdem in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der israelischen Botschaft entstanden. Auch wenn die Kirche nicht an der Entstehung des Projekts beteiligt war, haben Msgr. Hansjörg Günther, Kirchenrektor der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum, und die Schwestern des benachbarten Karmels ihre Wertschätzung für das Projekt zum Ausdruck gebracht. Sie dankten dafür, dass an Bernhard Lichtenberg nun auch außerhalb der Kirche erinnert wird.
Für die Schüler:innen der Anna-Freud-Schule wurde das Thema Widerstand gegen das NS-Regime durch die Beschäftigung mit Bernhard Lichtenberg konkret. Zugleich ermutigte sie sein Beispiel, selbst gegen Ungerechtigkeit aufzustehen und nicht zu schweigen.
Lichtenberg hatte in der Zeit des Nationalsozialismus öffentlich in Gottesdiensten auch für Juden und „nichtarische“ Christen gebetet: „Was gestern war, wissen wir. Was morgen ist, wissen wir nicht. Aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt. Draußen brennt der Tempel. Das ist auch ein Gotteshaus.“ Dafür war er verhaftet und verurteilt worden.
Während der Eröffnungsfeier berichteten zwei Schüler:innen über das gemeinsame Kunstprojekt mit Dima Korma. Sie betonten, dass sie sich anhand der Person Bernhard Lichtenberg mit dem Widerstand zur NS-Zeit überhaupt erst beschäftigt haben und dass sie sich inspiriert durch seine Taten ermutigt fühlen, diskriminierenden, rassistischen und menschenverachtenden Verhaltensweisen zu widersprechen. Hier wird der sozialpädagogische Ausbildungsschwerpunkt der Schüler:innen der Anna-Freud-Schule besonders bedeutsam: Sie können die vermittelten Werte und Anliegen selbst als Multiplikator:innen weitertragen und in ihrem späteren beruflichen Wirken das neu Gelernte anwenden. Außerdem können sie anhand der Person Lichtenbergs lernen, dass es Mut braucht, sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut und öffentlich zu sagen: Nein, so geht es nicht. Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtiger denn je, dass es Menschen gibt, die nicht schweigen, sondern Partei ergreifen für Menschenrechte, eine demokratische Kultur und gegen Verunglimpfung, Diskriminierung und Gewalt. Dabei geht es schlichtweg um Zivilcourage, die zu einem friedfertigen, kultivierten und insbesondere solidarischen Umgang in der Gesellschaft beiträgt.
Im Gespräch mit Schwester Mirjam, die im Karmel Regina Martyrum neben der Gedenkkirche lebt, wird deutlich, wie viel es ihr bedeutet, dass nun auch außerhalb der Kirche an den Seligen erinnert wird. Dabei betont sie, wie wichtig die Erinnerung an Lichtenberg ist, weil er die Not anderer sah, Widerstand leistete und bis heute als Vorbild dienen kann. So sieht sie im Wandbild die Chance, sich mehr mit dem NS-Widerstand auseinanderzusetzen. Bereits vor der feierlichen Eröffnung am 8. Oktober betrachtete Schwester Mirjam das Mural und stellte fest, dass es nur wenige Momente dauerte, bis sich weitere Anwohnende zu ihr gesellten und gemeinsam ins Gespräch über Lichtenberg und die Gestaltung des Murals kamen. Das Mural werde im Kiez also wahrgenommen und lade zum Gespräch ein.
Besonders berührt sie der im Mural angedeutete Baum, der eine Verbindung zu Yad Vashem herstellt. Dort wurde 2004 Bernhard Lichtenberg zu Ehren ein Baum in der Allee der Gerechten unter den Völkern gepflanzt. Schwester Mirjam gefällt, dass dies im Mural aufgegriffen wurde.
Das Mural macht Bernhard Lichtenbergs Geschichte im öffentlichen Raum sichtbar und hält die Erinnerung an seinen Einsatz für Menschlichkeit und Zivilcourage lebendig. Dass sich seine Seligsprechung in diesem Jahr zum 30. Mal jährte, verleiht dem Projekt eine besondere Bedeutung. Es lädt dazu ein, sich auch heute mit seinem Leben und Wirken auseinanderzusetzen und darüber nachzudenken, wie seine Haltung uns in der Gegenwart Orientierung geben kann.