Einheit

Guten Morgen.

Für uns in Berlin ist der 3. Oktober kein abstrakter Feiertag. Hier verlief die Mauer mitten durch Straßen, Familien und Gemeinden. Hier weiß man, was Einheit kostet und was sie wert ist. Hier wurde Wirklichkeit, was viele kaum zu hoffen wagten: dass zusammenwächst, was jahrelang getrennt war.

Vor zwei Wochen hat unsere Stadt gewählt. Das Ergebnis zeigt ein vielstimmiges Berlin. Am selben Abend haben auch unsere Nachbarn in Mecklenburg-Vorpommern, nur eine gute Stunde entfernt, anders entschieden als die Wählerinnen und Wähler in Berlin.

Zwei Wahlen, zwei verschiedene Antworten auf dieselben Sorgen.

„Im Notwendigen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem die Liebe.“

Vielleicht ist das die reifere Form der Einheit, die wir 36 Jahre nach dem Mauerfall lernen dürfen: nicht Gleichklang, sondern Verbundenheit im Wesentlichen!

Demokratie heißt nicht, dass alle dasselbe wollen. Sie heißt, dass wir einander trotzdem nicht fallen lassen. Wer jetzt verhandelt, trägt dafür Verantwortung. Aber nicht allein.

Denn Einheit wird nicht nur in den Parlamenten gemacht. Sie entsteht im Treppenhaus, am Arbeitsplatz, im Gespräch mit dem, der anders gewählt hat als ich.

Jesus hat in der Nacht vor seinem Tod gebetet: „Alle sollen eins sein."

Er hat nicht gebetet, dass alle gleich sein sollen. Die Einheit, um die er bittet, hält Unterschiede aus, weil sie nicht aus uns kommt, sondern aus Gott. Die Mauern, die heute zwischen uns stehen, sind aus Misstrauen gebaut, aus Kränkung und aus Nicht-mehr-Zuhören.

In Berlin wissen wir, dass Mauern nicht von selbst fallen. Aber wir wissen auch, dass sie fallen.

Wo wir einander zuhören und versuchen zu verstehen, wächst Einheit. Wo wir füreinander beten, wächst Hoffnung. Beides braucht unsere Stadt und unser Land heute.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende und einen gesegneten Sonntag.