Berlin (KNA) 4.000 Karteikarten komprimieren das Schicksal von mehr als 6.000 Juden. Aufgereiht im Rathaus Berlin-Schöneberg erzählen sie von den jüdischen Spuren in dem Teil der Stadt und von der Verfolgung in der NS-Zeit. Viele Lebensläufe liegen hier aus, darunter die von Albert Einstein, Kurt Tucholsky oder Nelly Sachs. Stundenlang könnte man hier blättern. Doch plötzlich heißt es: "So, weiter geht's."
Denn die Dauerausstellung "Wir waren Nachbarn" ist der Startpunkt einer der jüdischen Stadtspaziergänge, die Frieda Fleischer, Lara Robles Y Zepf und Romy Zuntz organisieren - und für die die drei diesjährigen Abiturientinnen am Mittwoch mit dem Ehrenamtspreis für jüdisches Leben ausgezeichnet werden.
Quer durch Berlin führen sie Menschen zu Fuß etwa eine Stunde lang zu bedeutenden historischen Orten jüdischer Geschichte. Mal touren sie in Prenzlauer Berg, mal am Hackeschen Markt. Heute ziehen sie durch Schöneberg.
Durch Speiseeis zu Toleranz
Zu Beginn der NS-Herrschaft 1933 lebten in dem Ortsteil mehr als 16.000 Jüdinnen und Juden. Als Wohnquartier besonders beliebt war dort das Bayerische Viertel, wohin die siebenköpfige Gruppe nach dem Besuch der Ausstellung im Rathaus aufbricht. Doch der nächste Stopp scheint für eine solche Tour auf den ersten Blick ungewöhnlich: ein Eisladen.
"Mit unseren Stadtspaziergängen wollen wir vor allem auch unsere Generation erreichen", erzählt die 19-jährige Fleischer. "Und da kann eine Kugel Eis zu Beginn der Tour im wahrsten Sinne des Wortes das Eis brechen." Die verschiedenen Eissorten, die sich die Leute bei den Rundgängen holen, sollen verschiedene Meinungen repräsentieren. "So, wie wir alle andere Geschmäcker haben und diese akzeptieren, sollten wir auch andere Meinungen und Religionen akzeptieren."
Spazieren gegen Antisemitismus
Genau diese Vermittlung von Akzeptanz ist einer der Gründe, warum die drei die kostenlosen Spaziergänge für alle interessierten Besucher anbieten. "Wir hoffen, dass die Touren für Austausch sorgen und dass Leute, die bisher nicht viel mit jüdischem Leben oder Juden generell in Kontakt gekommen sind, einfach mehr darüber erfahren", sagt Zuntz. Sie berichtet von vielen überraschten Teilnehmern: "Die Menschen sind am Ende dann doch sehr erstaunt, wie vielfältig das jüdische Leben in dem Viertel war und noch immer ist."
Die Spaziergänge sollen auch für einen wachsenden gesellschaftlichen Antisemitismus sensibilisieren. Im vergangenen Jahr registrierten die Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) mehr als 8.700 judenfeindlich motivierte Vorfälle in Deutschland. Besonders nach dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 sind die Zahlen laut Rias gestiegen. Zum Vergleich: 2023 lag die Zahl der Vorfälle bei 4.886, ein Jahr zuvor noch bei 2.610.
"Freunde nicht als Juden akzeptiert"
Die Folgen des wachsenden Antisemitismus sind auch für die drei jungen Frauen spürbar. "Wir waren auf einem jüdischen Gymnasium und hatten immer Polizeischutz, egal ob vor der Schule oder bei Ausflügen", erzählt Robles Y Zepf. "Wir haben auch Freunde, die oft in der Grundschule gemobbt wurden oder später aufs jüdische Gymnasium gewechselt sind, weil sie an anderen Schulen nicht wirklich als Juden akzeptiert wurden."
Dabei sind nicht alle drei auch jüdischen Glaubens. Eine der Abiturientinnen ist Jüdin, eine ist katholisch, eine ist Atheistin. "Man kann sagen, es ist wirklich ein interreligiöses Projekt", sagt Fleischer.
Die letztliche Initialzündung für die Idee der Spaziergänge entstand durch eine Aktion des Anne-Frank-Zentrums in Berlin im vergangenen Jahr. In einem Seminar, das die drei besucht hatten, sollten sie ein Projekt gegen Antisemitismus und Diskriminierung entwickeln. "Da erschienen uns kleine Touren in Berlin als gut geeignet, da es hier viele Viertel mit viel jüdischer Geschichte gibt", sagt Fleischer.
80 Tafeln erinnern an Nazi-Verordnungen
Und eines davon ist auch die Wohnsiedlung rund um den Bayerischen Platz, die bei der Führung der drei jungen Frauen als Nächstes auf dem Programm steht. Die Straßen um die dortige U-Bahn-Station gleichen einem Freiluftmuseum - 80 Tafeln an verschiedenen Laternenmasten mahnen als sogenannte Orte des Erinnerns an das Leid, das Juden in Nazideutschland erlitten haben. Auf der Vorderseite ist je ein Bild zu sehen, wie etwa ein kleines Brot. Auf der Rückseite steht dann eine Verordnung aus der NS-Zeit: "Lebensmittel dürfen Juden in Berlin nur nachmittags von 4-5 Uhr einkaufen."
Die Stadtrundgänge organisieren die drei ehrenamtlich, investieren Zeit und für die Kugeln Eis auch ihr eigenes Geld. Für ihr Engagement bekommen die jungen Frauen nun den diesjährigen Ehrenamtspreis für jüdisches Leben in Deutschland, den der frühere Beauftragte der Bundesregierung gegen Antisemitismus, Felix Klein, 2022 ins Leben gerufen hat. Mit der Auszeichnung, die auch die Organisatoren des Festivals "Shalom-Musik.Koeln" in Köln bekommen und die am Mittwoch in Berlin verliehen wird, kommt auch ein Preisgeld von 5.000 Euro.
Anmeldung über Instagram
Damit wollen die drei ihre Rundgänge, die sie seit einem Jahr stets in den Sommermonaten anbieten, künftig finanzieren und regelmäßig anbieten. Über ihr Profil "berlin_juedische_spuren" auf der Plattform Instagram können sich Besucher über kommende Touren informieren und sich anmelden.