"Viele Ostdeutsche nehmen Einheitserzählungen als ermüdend wahr" Historiker wünscht sich neues Gedenken zum Tag der Deutschen Einheit

Bild: Peter Weidemann In: Pfarrbriefservice.de

Bonn/Münster (KNA) "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört", sagte Altkanzler Willy Brandt am Tag nach dem Mauerfall in einem Interview. Das Gefühl, das der SPD-Politiker damit vor 37 Jahren zum Ausdruck brachte, teilen heute nicht alle Menschen in Ost und West. Und doch feiert Deutschland seine Einheit jährlich am 3. Oktober mit seinem Nationalfeiertag. Muss das Gedenken anders aussehen, um die Lebensrealität der Menschen im Land besser abzubilden?

Der Historiker Christoph Lorke spricht bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit von einem "Top-Down-Prozess, der am 3. Oktober für viele verordnet wirkt". Das gelte seiner Erfahrung nach zwar für Ost- und Westdeutsche, die sehr unterschiedliche Erinnerungen daran hätten. Aber: "Was 1989/90 in der alten Bundesrepublik passierte, hatte bei weitem nicht diese lebensstürzenden Umbrüche zur Folge, wie das viele Menschen im Osten erlebt haben."

Zugleich sei die Situation für Menschen in der ehemaligen DDR nicht überall gleich gewesen. Auch da habe es Unterschiede gegeben: Nicht alle hätten ihren Arbeitsplatz verloren oder die Wende an sich als Verlust erleben müssen.

"Einheitserzählung sehr ermüdend"

Mit der Erinnerungskultur rund um die Wiedervereinigung geht der Historiker hart ins Gericht: "Ich glaube, dass tatsächlich ein erheblicher Teil der ostdeutschen Bevölkerung diese offiziellen Einheitserzählungen als sehr ermüdend wahrnimmt und offenbar nicht als eine Art Spiegel der eigenen Erfahrung."

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) versprach zwar, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen "schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt". Doch dreieinhalb Jahrzehnte nach der Wende haben nicht alle Menschen das Gefühl, dass dieses Ziel erreicht wurde.

Auch die Wirtschaftszahlen sprechen eine etwas andere Sprache: Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft aus dem vergangenen Jahr hat die Wirtschaft in den neuen Bundesländern rund 78 Prozent des Westniveaus erreicht. Seit 2020 glichen sie sich jedoch nicht weiter an, zuletzt sei der Osten sogar leicht zurückgefallen.

Gedenken braucht Raum für Enttäuschungen

Bei allen Unterschieden, die sich aus der Geschichte der beiden deutschen Staaten ergeben, plädiert Lorke dafür, "verschiedene Umbrüche und sich überlagernde Transformationen" an einem Tag wie dem 3. Oktober als Aufhänger zu nehmen, "um gar nicht so sehr über deutsch-deutsche Befindlichkeiten zu sprechen". Denn durch viele Veränderungen, auch international, sei für viele Menschen sehr viel Übersichtlichkeit verloren gegangen und damit auch Vertrautheit und Gemeinschaftserfahrungen. Als Beispiele nennt der Historiker die Finanzkrise, die Euro-Schuldenkrise und die Migrationskrise.

Der Tag der Deutschen Einheit sei auch deshalb Symbol für vieles mehr als die bloße Erinnerung an den Mauerfall und die Wiedervereinigung. Die bloße Selbstvergewisserung, wie erfolgreich vieles gelaufen sei, sei daher nicht zeitgemäß. "Ein Tag, der sehr ernsthaft die Einheit und die letzten 36 Jahre reflektieren will, braucht viel mehr Raum auch für Enttäuschungen."

Generationengespräche wichtig

Neben den zentralen Feierlichkeiten, die im jährlichen Wechsel in den Bundesländern stattfinden - in diesem Jahr unter dem Motto "Viele Stärken - ein Land" in Bremen - spricht sich Lorke für dezentrale Veranstaltungen aus. Dabei sollte gerade das Generationengespräch nicht zu kurz kommen.

Zwei Aspekte betont er dabei besonders: Zum einen könne so die Deutungsmacht von zum Teil irreführenden Videos auf Tiktok und anderen Sozialen Medien infrage gestellt werden und stattdessen ein wirkliches Gespräch miteinander stattfinden. Zum anderen sei es wichtig, auch Menschen mit Einwanderungsgeschichte in den Blick zu nehmen, deren Familien die Wiedervereinigung nicht selbst miterlebt haben: "Es ist wichtig, die Relevanz des Themas auch für diese Gruppe deutlich zu machen: Was hat das eigentlich heute mit mir zu tun?"