Ein bedeutungsvoller Ort für die PastoralEine Arbeitsgruppe nimmt Friedhöfe im Pastoralen Prozess in den Blick

Grabmal auf dem Domfriedhof St. Hedwig in der Liesenstraße in Mitte. Foto: Walter Wetzler

Ein Friedhof ist ein besonderer Ort. Hier nehmen Menschen Abschied von ihren Angehörigen, hierhin kommen sie, um jenen zu gedenken, die ihnen nahestanden. Friedhofsbesuchern stellt sich die Frage nach der eigenen Existenz, nach dem Tod und dem, ob und wie es im Jenseits weitergeht. Es ist ein Ort des Glaubens, der mit dem Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ neu in den Fokus rückt.

Um die 35.000 Menschen werden jedes Jahr allein in Berlin auf den 245 Friedhöfen des Stadtgebiets zu Grabe getragen. Dagegen nehmen sich die rund 2.000 Bestattungen, die Priester und Diakone im gesamten Erzbistum Berlin pro Jahr vornehmen, eher gering aus. Die insgesamt 13 katholischen Friedhöfe, die die Pfarreien des Erzbistums betreiben – drei von ihnen befinden sich in Vorpommern, in Stralsund und in Viereck, einer im Land Brandenburg, in Oranienburg, und neun im Land Berlin –, erscheinen wie eine Randnotiz. Und dennoch: christliche Bestattungskultur, Seelsorge für die Trauernden und die Botschaft von der Auferstehung machen Friedhöfe und Trauerpastoral zu einem bedeutsamen Beitrag der Kirche in der heutigen Gesellschaft und spielen daher in der inhaltlichen Ausrichtung Pastoraler Räume eine nicht zu vernachlässigende Rolle.

Seit Ende 2015 stellt sich daher eine eigene Arbeitsgruppe auf Bistumsebene im Rahmen des Pastoralen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“ der Frage, wie künftig mit Friedhöfen umgegangen werden soll. Neben verwaltungstechnischen Dingen geht es ihr insbesondere um die Rolle des Friedhofs als Ort kirchlichen Lebens. Der Arbeitsgruppe gehören unter anderem die Verwaltungsleiter der katholischen Friedhöfe im Erzbistum an, wie auch die Pfarrer, auf deren Gebiet sich die kirchlichen Friedhöfe befinden. Geleitet wird sie vom Geistlichen Begleiter des Pastoralen Prozesses, Prälat Stefan Dybowski.

Äußere Gestaltung und gezielte Seelsorge

„Der endgültige Abschied von einem Menschen, der einem nahe steht, der Tod, wirft Angehörige aus der Bahn ihres alltäglichen Lebens, er verunsichert, verstört“, verweist Prälat Dybowski auf die besondere Bedeutung von Friedhöfen für die Pastoral der Kirche. „Auf einem Friedhof werden Fragen wach, die an die menschliche Existenz rühren: Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach einer Zukunft hinter der Schwelle des Todes, nach einer Hoffnung.“ Diese außergewöhnliche Situation, in der sich Menschen auf Friedhöfen wiederfinden, wird zur Anfrage für die Kirche vor Ort. Die Arbeitsgruppe des Erzbistums beschäftigt sich daher zum einen mit der äußeren Gestaltung katholischer Friedhöfe. „Wenn Menschen die Gräber ihrer Angehörigen besuchen, kommen Erinnerungen auf“, so Prälat Dybowski, „in diesem ,geistlichen Testament‘ wird für sie erfahrbar, dass die Liebe den Tod überdauert – eine zentrale Botschaft des christlichen Glaubens.“ Zum anderen befasst sich die Arbeitsgruppe mit den Herausforderungen, die sich Seelsorge und Verkündigung stellen. „Das primäre Thema auf einem Friedhof bleibt stets der Tod, etwas, das alle Menschen betrifft. Daher begegnen uns auf Friedhöfen auch Menschen, die den Weg in unsere Kirchen und Gemeinden nur selten oder gar nicht finden“, sieht Prälat Dybowski Chancen für die Pastoral.

Als ein erstes Resultat der Arbeitsgruppe geht demnächst ein Flyer in Druck, der auf die christliche Begräbniskultur eingeht und auf sämtliche katholische Friedhöfe verweist. Bestattungsunternehmen sollen damit Kunden, die einen katholischen Bestattungsort suchen, informieren und ihnen zugleich vermitteln können, was einen katholischen Friedhof und eine kirchliche Bestattung ausmachen. Denn die Kirche mit ihrer vom christlichen Glauben geprägten Begräbnisform konkurriert mit einer Vielzahl verschiedener Bestattungsangebote unterschiedlichster Weltanschauungen. So schließt das christliche Menschenbild zum Beispiel eine kostengünstige, anonyme Beerdigung aus wie das Verstreuen der Asche eines Verstobenen auf einer Wiese oder in einem See oder die anonyme Bestattung der Asche unter einem Baum in einem Friedwald. Einen katholischen Friedhof als erkennbar christlichen Ort, als einen Ort für die Seele, als eine ansprechende und schöne Anlage zu gestalten, bleibt daher Herausforderung für eine Pfarrei, die ihn betreibt.

Trauerbegleitung im Umfeld von Friedhöfen

Die Mehrzahl katholischer Bestattungen findet allerdings auf staatlichen Friedhöfen statt. Ebenso geschieht Trauer nicht allein am Begräbnisort. Oliver Wüstling sieht daher im Pastoralen Prozess die Chance, dass sich Pastorale Räume der Trauerbegleitung an und um Friedhöfe zu einem Anliegen machen, und zwar auch solche Pastorale Räume, die keinen eigenen Friedhof besitzen. Wüstling ist als Verwaltungsleiter für die sechs von der Dompfarrei St. Hedwig getragenen Friedhöfe zuständig. Die älteste Pfarrei im Erzbistum verfügt historisch bedingt über die meisten Grablegestätten in der Erzdiözese. Sie befinden sich an vier Standorten, auch das ist der Geschichte geschuldet, nur einer liegt auf dem Gebiet von St. Hedwig und damit im Pastoralen Raum Mitte. Die anderen befinden sich in Weißensee, Hohenschönhausen und in Reinickendorf. Sie wurden einst am Rande der Stadt angelegt. Heute liegen sie auf dem Gebiet des Pastoralen Raums im Nordosten Berlins und der Pfarrei St. Rita. Dennoch gehören sie zur Dompfarrei. Ähnlich verhält es sich mit den beiden Michael-Friedhöfen der Pfarrei St. Marien-Liebfrauen. Sie liegen statt im Pastoralen Raum Mitte in den Pastoralen Räumen Lichtenrade-Buckow-Mariendorf-Tempelhof und Nord-Neukölln. Und auch der Friedhof der Pfarrei St. Matthias liegt nicht seinem Pastoralen Raum Schöneberg-Tempelhof Süd, sondern im Pastoralen Raum Lichtenrade-Buckow-Mariendorf-Tempelhof.

Wüstling sieht darin einen ersten Anknüpfungspunkt. In den kommenden Wochen geht er deshalb auf Pastorale Räume zu, auf dessen Territorien sich katholische Friedhöfe befinden. „Ich mache die Verantwortlichen vor Ort darauf aufmerksam, dass Friedhöfe gute Möglichkeiten bieten, sich ehrenamtlich zu engagieren, auch wenn sie nicht der Pfarrei gehören. Warum soll sich eine Gemeinde, auf dessen Terrain der entsprechende Friedhof liegt, nicht als Ansprechpartner aufstellen, für Menschen, die eine Begleitung in ihrer Trauer suchen?“ Auf solche Angebote, seien es Gottesdienste, Trauercafés oder Einzelbegleitungen, könnte eine Friedhofsverwaltung hinweisen, wenn sie mit Trauernden in Kontakt ist, so Wüstling.

Einige Pfarreien und Orte kirchlichen Lebens engagieren sich bereits auf diesem Feld. Zum Beispiel bietet das Kathedralforum St. Hedwig in Kooperation mit der Krankenhausseelsorge eine Andacht für Trauernde sowie Trauerbegleitung an. Und der ambulante Hospizdienst der Caritas betreibt ein Trauercafé in der evangelischen Pfarrkirche in Pankow. Dennoch bieten sich weitere Möglichkeiten. Wüstling hofft, dass sich durch den Einsatz der Arbeitsgruppe etwas vor Ort bewegt. „Vielleicht fühlen sich Pastorale Räume sogar angesprochen, sich im Umfeld städtischer Friedhöfe zu engagieren?“