„Wer ist unser Auftraggeber?“, fragt Sibylle Gunder. „Der Pfarrer“, antwortet Sebastian Tacke und schreibt „Andreas Sommer“ in die Spitze der buntgestreiften Pyramide. „Wer muss in unsere Steuerungsgruppe?“ fragt Gunder als nächstes. Die kleine Runde, zu der auch Pfarrvikar Bernhard Scholtz, Manuela Lenz und Marion von Brechan gehören, beginnt zu diskutieren. Am Ende finden sich in der zweiten Zeile der Pyramide die Namen des Pfarrers, der Tourismusseelsorgerin, des Verwaltungsleiters. „Aber brauchen wir nicht auch den Kirchenvorstand in der Steuerungsgruppe?“, fragt zum Schluss Pfarrvikar Scholtz.
Die Frauen und Männer aus dem Pastoralen Raum Stralsund/Rügen/Demmin planen im Konferenzraum des Hotels Grünau, welche Personen auf welcher Ebene in ihr Projekt einbezogen werden müssen. „Fundraising beginnt von oben – oder: Fundraising verändert die Organisation“, steht über der Lerneinheit. Von Donnerstag bis Samstag nimmt die Gruppe „Tourismuspastoral“ am ersten Werkstatt-Seminar des Projektes „Fundraising-Entwicklung in Pastoralen Räumen“ teil. Ebenfalls dabei sind die Vertreter der Modellprojekte „Tage ethischer Orientierung“, kurz TEO, des BDKJ, „Bahnhofsmission am Ostbahnhof“ von IN VIA, „Ambulanter Hospizbesuchsdienst Demmin“ sowie das „Begegnungs- und Gemeindezentrum“ der Pfarrei Buckow-Müncheberg.
Nach einem Kennlernabend Ende September bildet die dreitägige Werkstatt den inhaltlichen Startschuss von „Fundraising-Entwicklung in Pastoralen Räumen“. Das zweijährige Modellprojekt im Rahmen des Pastoralen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“ soll in Gemeinden und Institutionen vor Ort für Fundraising sensibilisieren und das nötige Knowhow vermitteln. Das Fundraisingbüro des Bistums Hildesheim sowie das Zentrum für Systemisches Fundraising Aachen begleiten es inhaltlich.
Konkrete Ziele, klare Zahlen, notwendige Personen
Am ersten Tag der Werkstatt konkretisierten die Teilnehmer zunächst ihre Projekte. So trat die Gruppe aus den Urlaubsregionen an der Ostsee mit dem Vorhaben an, Urlauberpriester zu gewinnen und unterzubringen, um das Angebot an Gottesdiensten für Touristen auszuweiten. Nun einigte sich die Gruppe, zunächst ein erstes Etappenziel ins Auge zu fassen: „Unser Ziel ist es erst einmal, unsere Kirchen offen zu halten“, erklärt Sebastian Tacke. „Weitere Schritte folgen später.“
Am zweiten Tag kalkulierten die Gruppen zunächst Einnahmen und Ausgaben für ihre konkreten Projekte. „Um Bergen, Binz und Sellin sowie Stralsund und Zingst tagsüber offen zu halten, benötigen wir ein spezielles Schließsystem und Personal“, nennt Tacke, was für das Projekt Tourismuspastoral durch Fundraising finanziert werden müsste. Dann überlegten sie, welche finanziellen Mittel für das Fundraising an sich notwendig sind, sprich für Maßnahmen und Organisation. Denn von nichts kommt nichts, lernten die Teilnehmer. Manuela Lenz, Mitarbeiterin des Verwaltungsleiters, spricht aus, was daher als nächstes auf die Gruppe zukommt: „Wir müssen Pfarrer, Kirchenvorstand und Verwaltungsleiter davon überzeugen, dass Fundraising überhaupt notwendig ist, dann, dass für unser Projekt Fundraising gemacht wird, und schließlich, dass sie die nötigen Mittel bereitstellen, damit wir arbeiten können.“
Am dritten Tag planten die Teilnehmer, wie es weitergeht. In den kommenden Wochen gilt es für sie, ein eindeutiges Mandat für den Aufbau von Fundraising-Strukturen einzuholen, eine feste Fundraising-Arbeitsgruppe vor Ort zu etablieren und die genauen Zahlen und Fakten für einen Fundraising-Businessplan zusammenzustellen, um die Machbarkeit ihres Projektes einschätzen zu können. An allen drei Tagen starteten die Teilnehmenden mit einem biblischen Impuls. „Damit haben wir uns zurück gebunden an unseren Auftrag als Christen, denn Fundraising ist kein Selbstzweck“, erklärt Uta Bolze, Koordinatorin des Projektes Fundraising-Entwicklung in den Pastoralen Räumen im Ordinariat. „Die Teilnehmenden setzen ihre Talente, ihre Charismen ein für andere. Es geht ihnen um das Mitgestalten von Kirche vor Ort, darum, der Kirche vor Ort ein Gesicht zu geben. Das Wort Gottes ist dafür die Basis.“
„Fundraising ist kein Selbstzweck“
Zwei weitere Werkstatt-Seminare folgen im März und im Oktober. Dann beschäftigen sich die Teilnehmenden damit, ihr jeweiliges Projekt aus der Perspektive der künftigen Unterstützer zu prüfen und zu lernen, wie man Kommunikation zu Spendern aufbaut und nachhaltige Beziehungen pflegt. Zwischen den festen Präsenzterminen bekommen die Gruppen vor Ort Unterstützung durch Coaching und Beratung. „Wir begleiten die Fundraising-Arbeitsgruppen bis hin zu den ersten operativen Schritten“, erklärt Susanne Reuter, geschäftsführende Gesellschafterin des Zentrums für Systemisches Fundraising. „Jede Gruppe bekommt ganz individuell das, was sie braucht, sei es ein Einzelcoaching, ein Workshop oder eine Moderation.“
Susanne Reuter verantwortet mit Klaus Heil vom Fundraisingbüro Bistum Hildesheim die Begleitung der fünf Modellprojekte. Zudem untersuchen beide, welche unterstützende Leistung das Erzbischöfliche Ordinariat anbieten sollte und was es in den Gemeinden und Pastoralen Räumen braucht, damit die Menschen vor Ort selbständig Fundraising betreiben können. „Ziel ist es, die einzelnen Gemeinden, Pastoralen Räume und Institutionen so zu befähigen, dass sie eigenständig agieren können“, erklärt Reuter. Zu Fundraising vor Ort sieht sie kaum eine Alternative. Der persönliche und lebendige Kontakt zu den Menschen entstehe vor allem im Nahraum. Fundraising zentral, vom Erzbistum aus zu organisieren, hält sie nur bei bistumsübergreifenden Themen für sinnvoll. „Die Menschen fühlen sich ihrer Region, ihrem Heimatort, ihren kirchlichen Einrichtungen zugehörig und verbunden und sind oft bereit, diese zu unterstützen, finanziell wie ehrenamtlich.“
Mehr als Spenden sammeln
Was Reuter und Heil den Teilnehmenden vermitteln, ist kein bloßes Handwerkszeug. Sie wollen die Bereitschaft wecken und dabei helfen, den Blick zu weiten. „Fundraising ist mehr als reines Spendensammeln“, betont Heil. Es sei keine rein mechanische Aktion, sondern Einstellungssache, eine innere Haltung, die sämtliche Ebenen einer Pfarrei oder Institution betrifft. „Fundraising kann nur gelingen, wenn sich möglichst alle darauf einlassen“, so Heil, „es reicht nicht, es an eine Person zu delegieren, um diese dann alle drei Monate zu fragen, wie der Kontostand ist.“ Fundraising frage, wie sich eine Organisation ihre Zukunft konkret vorstellt und welche finanziellen und personellen Mittel dazu notwendig sind.
„Fundraising rettet nicht“, räumt Reuter mit einem Mythos auf. „Spender wollen nicht dafür verantwortlich gemacht werden, ob etwas mit ihrem Geld gerettet werden kann. Sondern sie wollen etwas nachhaltig finanzieren und am Erfolg teilhaben.“ Und so gehe es bei Fundraising nicht vordringlich um Geld, sondern um Kommunikation und gelingende Beziehungen, um Vertrauen und Wertschätzung. „Spender sind keine anonymen Geldbörsen, sondern Menschen, die Ziele und Visionen teilen und sich dafür engagieren wollen, vielleicht sogar mit Geld.“
Auch biete Fundraising noch ganz andere Chancen, so Reuter. „Wenn ich mich frage: Wie pflege ich meine Beziehungen zu meinen Mitgliedern, kommen mir die 80 bis 90 Prozent katholischer Christen einer Pfarrei in den Sinn, die von einer Kerngemeinde kaum angesprochen werden, aber dennoch in der Kirche sind und weiterhin Kirchensteuer zahlen. Hier liegt ein riesiges, unerschlossenes Potential.“ Durch Fundraising könnte ein neuer Kontakt, eine neue Beziehung zu diesen Mitgliedern entstehen. „Sie kommen zwar nicht unbedingt zur Messe, aber sie drücken vielleicht ihre Verbundenheit durch punktuelles ehrenamtliches Engagement oder eben durch eine Spende aus.“
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