Dreizehn Frauen sind am Donnerstagabend in den Fontane-Klub gekommen. In dem Kulturzentrum in der Innenstadt von Brandenburg an der Havel diskutieren sie über das Thema „Zukunft der Frauenverbandsarbeit und des ehrenamtlichen Engagements für Frauen“. Als Impulsgeberin referiert Kristin Platek, Diözesanvorsitzende des BDKJ. Eingeladen hatte der Katholische Deutsche Frauenbund, kurz KDFB, in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Brandenburg, Kornelia Köppe.
Anne Langer zeigt sich im Anschluss zufrieden. Es war der erste Clubabend des KDFB in Brandenburg. Die 30-jährige Kulturwissenschaftlerin hat die Veranstaltung organisiert. „Die Frauen hatten alle etwas mit dem Thema Ehrenamt zu tun und kamen überwiegend aus dem katholischen Bereich. Aber es waren auch Frauen darunter auch eine Gewerkschafterin da, die keinen Bezug zur Kirche hatte.“
Erst vor wenigen Wochen gab es den ersten KDFB-Clubabend in Greifswald. „Islambilder in den deutschen Medien“ lautete dort das Thema, zu dem Langer fast 20 Frauen im „Sozio-Kulturellen Zentrum St. Spiritus“ mitten in der Fußgängerzone der Hansestadt begrüßen konnte. Mit der Journalistin Alice Lanzke diskutierten sie unter anderem, wie man auf Hasskommentare in sozialen Medien reagieren kann. Moderiert wurde der Abend von Dr. Delphine Wollenberg, einer Mitarbeiterin des „Regionalzentrums für demokratische Kultur Anklam“.
Am 06. Juli steht ein Clubabend zum Thema: „Digitalisierung der Arbeitswelt – neue Möglichkeiten für Frauen?“ in Potsdam an. Dort wird ein Mitglied des Bundesvorstands der Gewerkschaft Verdi sprechen.
Erstmals in Brandenburg und Vorpommern
Anne Langer leitet das auf zwei Jahre angelegte Projekt „Gemeinsam stark! Katholikinnen gestalten Gesellschaft“ des KDFB im Erzbistum Berlin. Angeregt durch den Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“, wagt der Frauenverband damit erstmals den Sprung über die Berliner Stadtgrenze nach Brandenburg und Vorpommern und sucht zugleich nach neuen Wegen für eine katholische Verbandsarbeit in der heutigen Zeit. Seit über 100 Jahren engagiert sich der Katholische Deutsche Frauenbund bereits in der Stadt Berlin. Mit dem Haus Helene Weber in der Wundtstraße in Charlottenburg bietet der katholische Verband Wohnmöglichkeiten für allein stehende Frauen jeden Alters. Dazu kommt ein kleines Tagungszentrum mit umfangreichen Bildungsprogramm. 130 Mitglieder verzeichnet der Verband zurzeit im Erzbistum. Der Großteil der Frauen ist über 65 Jahre alt. Örtliche Zweigvereine, die einst in den Pfarreien präsent waren, gibt es keine mehr. Der KDFB teilt mit KAB, Kolping und kfd das Problem der Überalterung. Dieser Entwicklung möchte der KDFB nicht tatenlos zusehen. Der Frauenverband sucht nach einer adäquaten Antwort auf die Frage, wie Verbandsleben in der heutigen Gesellschaft gelingen kann.
„Der KDFB sieht den Pastoralen Prozess ,Wo Glauben Raum gewinnt‘ als große Chance, sich neu zu verorten“, erklärt Langer. Sie sieht in den jüngsten Entwicklungen im Erzbistum einen Aufbruch, dessen Dynamik auch den traditionsreichen Verband modernisieren hilft. „Wir nutzen den Pastoralen Prozess, um uns intensiv zu vernetzen und uns als Verband über Berlin und die etablierten kirchlichen Strukturen hinaus sichtbar zu machen.“ So können Kooperationen entstehen, über die künftig generationen- und regionenübergreifend Frauen angesprochen werden. Projekte, wie die Berliner „Kieztouren mit Herz“ zum Jahr der Barmherzigkeit, zeigen, wie es funktionieren kann. Die Stadtspaziergänge durch das soziale Berlin stellten KDFB, Caritas rund um den Kirchturm und die Stelle für „Suchenden-Pastoral“ im Dezernat Seelsorge des Erzbischöflichen Ordinariats gemeinsam auf die Beine.
Bei diesem Schritt in die Zukunft wird der KDFB durch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken unterstützt. Das Spendenhilfswerk finanziert die zweijährige Projektstelle von Anne Langer. Langer legt ihren Fokus auf eine zukunftsfähige Verbandsarbeit und organisiert an den drei Projektorten Potsdam, Greifswald und Brandenburg neues KDFB-Leben. Das Ziel: Der Verband soll sich als ein neuer Ort kirchlichen Lebens in den drei Städten etablieren und dabei weit über den Kirchturm der Kerngemeinde hinaus wirken. Ein KDFB-Clubabend soll ein Ort kirchlichen Lebens sein und offen für alle.
Blick über den Tellerrand
„Über den Tellerrand zu schauen, das gelingt, wenn ich mich zunächst darauf konzentriere, mit wem ich bestimmte Themen und Anliegen teile.“ Langers Arbeit beginnt damit, Kooperationspartner vor Ort zu gewinnen und sich gezielt zu vernetzen. Sie knüpft Kontakte zu kirchlichen wie weltlichen Partnerinnen und Partnern, zu Kirchengemeinden und katholischen Einrichtungen wie zu politisch und gesellschaftlich engagierten Frauengruppen. Sie spricht mit den Verantwortlichen der örtlichen Caritas und der Pfarrgemeinde ebenso wie mit der Gleichstellungsbeauftragten der Universität oder dem Frauenpolitischen Rat Brandenburg. „Die Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartner wissen um die Frauen vor Ort, die sich für unsere Themen interessieren. Sie sind Multiplikatoren, über die wir gezielt interessierte Frauen einladen können.“
Mit diesen Kooperationspartnern organisiert Langer schließlich die KDFB-Clubabende, Diskussionsabende mit renommierten, oftmals jungen Referentinnen zu frauen- und gesellschaftspolitischen Fragen. Im Anschluss gibt es ein Glas Wein und persönlichen Austausch. Die Themen der Clubabende schaffen Anknüpfungspunkte für alle Frauen, jung wie alt, christlich wie nichtchristlich. Die zentral gelegenen, meist nichtkirchlichen Veranstaltungsorte signalisieren ebenfalls Offenheit. „Unser Ziel ist es, auch Frauen anzusprechen, die in der traditionellen Kirchengemeinde nicht beheimatet sind.“ Langer sieht in den Clubabenden einen Erfahrungsort, an dem Frauen katholisches Leben in einem oftmals für sie unerwarteten Kontext erleben können – jenseits von Kirchturm und Pfarrheim, jenseits aller Klischees und Vorbehalte, die die Gesellschaft Kirche und katholischem Glauben entgegenbringen.
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