"Aus der überschäumenden Freunde des Weltjugendtags" Erzbischof Heiner Koch erinnert sich an die erste Domwallfahrt 2006

Vor 20 Jahren wurde die heutige Dreikönigswallfahrt am Kölner Dom ins Leben gerufen. Erzbischof Heiner Koch war an ihrer Entstehung beteiligt. Er erinnert daran, wie aus dem Weltjugendtag 2005 eine neue Wallfahrtstradition entstand.

DOMRADIO.DE: Vor 20 Jahren – im Herbst 2006 – wurde auf Initiative des damaligen Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner die erste moderne Kölner Domwallfahrt initiiert, die heute Dreikönigswallfahrt heißt. Sie waren als damaliger Weihbischof und Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Erzbistum Köln maßgeblich für die Organisation verantwortlich. Wie kam es zu dieser Wallfahrt?

Erzbischof Dr. Heiner Koch (Erzbischof von Berlin): Wir wollten die Begeisterung und den Schwung des Weltjugendtages 2005 in Köln – und der war unendlich groß damals – aufgreifen und fruchtbar werden lassen. Unsere feste Überzeugung war: Der Weltjugendtag geht weiter, er darf kein einmaliges Event bleiben.

Dabei ist dann sehr schnell die Idee entstanden, die Bewegung weiterzuführen: Der Weltjugendtag in Köln war als Wallfahrt angelegt gewesen, der Heilige Vater war mit dem Boot gekommen und durch die Stadt an den Wallfahrtsstätten vorbeigefahren. Anschließend waren die Jugendlichen zum Dreikönigsschrein gepilgert. "Pilgern" war das große Thema. Daraus entstand der Gedanke, das als Dom- oder Dreikönigswallfahrt weiterzuführen. Im Grunde war das die überschäumende Freude über den Weltjugendtag, aus der alles gewachsen ist.

DOMRADIO.DE: Der Dom war jahrhundertelang ein Pilgerort, dafür ist er errichtet worden. Warum musste denn die Wallfahrtstradition wiederbelebt werden?

Koch: Der Kölner Dom war immer auch eine Wallfahrtskirche, weil die Heiligen Drei Könige Pilger waren. Sie waren sozusagen die ersten Christuspilger.

Was dieser Wallfahrt damals fehlte, war der institutionelle Rahmen. Beim Besuch des Schreins war vielen gar nicht bewusst, dass es eine Wallfahrt ist. Und es gab auch nicht dieses gemeinschaftliche Erlebnis, wenn man von den Dreikönigstagen am Anfang des Jahres absieht, sondern die Pilger gingen einzeln dorthin. Dem wollten wir eine Form geben, denn eigentlich ist der Kölner Dom der deutsche Wallfahrtsort schlechthin, aber die Wallfahrt hatte noch nicht die Form gefunden, die ihr Dauerhaftigkeit verleiht.

DOMRADIO.DE: Wie leicht oder schwer war es damals, diese Idee umzusetzen? 

Koch: Natürlich gab es auch Bedenken, denn der Weltjugendtag ließ sich nicht einfach weiterführen. Aber es war ein ganz besonderes Ereignis. Bis heute werde ich, wenn ich im Ausland bin, darauf angesprochen – von Menschen in der ganzen Welt, die damals nach Köln gekommen waren. Uns ging es um eine andere Form, die Botschaft und die Inhalte waren das Wesentliche.

Ich hatte damals den Eindruck, dass sich an der ersten Domwallfahrt vor allem Pilgerinnen und Pilger aus dem Ausland beteiligten, weil sie das aus ihrer Heimat kannten, aus Lourdes oder Fatima etwa. Die Deutschen tun sich damit etwas schwer. Natürlich gibt es auch hier bekannte Wallfahrtsorte in der Umgebung wie Neviges oder Kevelaer, aber die sind kleiner. 

Ich glaube, so eine Bewegung zu gründen und in die Zukunft zu bringen, braucht auch Geduld. Heute ist das, soweit ich das von außen beobachte, wirklich gut gelungen. Die Dreikönigswallfahrt hat eigene Inhalte und zieht Menschen an. Und zwar nicht nur der Form wegen, sondern weil auf sehr existenzielle Weise menschliche und christliche Fragen gestellt werden und Menschen sich gemeinschaftlich auf den Weg machen. Wenn das erfüllt wird, dann hat die Wallfahrt ihren Sinn.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet denn für Sie persönlich das Pilgern und Suchen? Vermissen Sie im fernen Berlin manchmal die Heiligen Drei Könige oder pilgern Sie gerne mal vorbei, wenn Sie auf Heimatbesuch sind?

Koch: Es gibt keinen Besuch in Köln, bei dem ich nicht zum Dreikönigsschrein gehe. Ich trage das Motiv auch in meinem Bischofsstab mit mir, den ich zum Jubiläumsgottesdienst mitbringen werde: die Suchenden, die Heiligen Drei Könige.

Was mich mit ihnen verbindet, ist, dass wir in Berlin – das keinen großen Wallfahrtsort hat – etwas mit den Heiligen Drei Königen gemeinsam haben: das Suchen, das Fragen und das Gespräch mit Menschen, die nicht auf dem eigenen Weg sind – das ist typisch für Berlin, auch für den katholischen Christen dort. Deshalb ist das Thema in meinem Herzen immer sehr präsent, nicht nur am Dreikönigstag.

DOMRADIO.DE: Was sagen Sie jenen, die bezweifeln, dass im Schrein wirklich die Reliquien der Heiligen Drei Könige liegen und anführen, dass man es zumindest nicht beweisen kann?

Koch: Da mögen Sie recht haben, obwohl die Daten schon ganz interessant sind. Ob es nun die Heiligen Drei Könige waren, ist eine andere Sache. Aber es handelt sich um Glaubenszeugen und um Menschen, die vor uns gelebt haben. Das ist das Wichtige.

Und das Zweite, und das ist noch viel wichtiger, ist die Geschichte, die Wahrheit, die Erzählung und die Verkündigung des Evangeliums, die damit verbunden ist: Da waren schon vor uns Menschen, die suchten, die fragten, die auf dem Weg waren.

Wir stehen nicht nur in der Nachfolge der Heiligen Drei Könige, sondern es ist eine lange Prozession durch die Jahrhunderte der Kirche hindurch. Und da bin ich sicher: Sie wird weitergehen. Insofern wird es auch die Dreikönigswallfahrt noch lange geben.

DOMRADIO.DE: Wie stolz sind Sie, an der Schaffung so einer Tradition beteiligt gewesen zu sein?

Koch: Ich freue mich wirklich darüber. Stolz bin ich nicht, weil die meiste Arbeit von anderen Menschen gemacht wurde, die das auch nach meinem Weggang aus Köln weitergeführt haben. Denen bin ich zutiefst dankbar. Aber im Herzen bin ich wirklich froh.