Wie die Telefonseelsorge das Leben einer Ehrenamtlerin bereichert 70-Jahr-Jubiläum - Start als "Ärztliche Lebensmüdenbetreuung"

Berlin/Hagen (KNA) Manchmal erzählt jemand zunächst nur, was er mittags gekocht hat. "Doch hinter den alltäglichen Worten kann sich eine seelische Krise verbergen", erklärt Stefanie Wolter. Wolter weiß nie, was sie erwartet, wenn sie bei der Telefonseelsorge Berlin den Hörer abnimmt. Seit etwa vier Jahren engagiert sie sich dort ehrenamtlich. Ihre Arbeit vergleicht sie mit einer "Notaufnahme für psychische Themen". Jede und jeder könne anrufen, mit jedem Problem.

Vor 70 Jahren, am 5. Oktober 1956, veröffentlichten Helene und Julius Wissinger in Berlin ihre private Telefonnummer. In seiner Charlottenburger Wohnung bot das Ehepaar verzweifelten Menschen an, jederzeit anzurufen. Die "Lebensmüdenbetreuung" war die erste Telefonseelsorge Deutschlands. Heute gibt es bundesweit mehr als 100 Stellen. Nach dem Krieg ging es den Menschen in Berlin sehr schlecht; sie zählte europaweit zu den Städten mit den höchsten Suizidraten.

Das telefonische Gesprächsangebot wurde ursprünglich zur Suizidprävention ins Leben gerufen. Seit dem Jahr 1972 ist die Telefonseelsorge Berlin für alle Gesprächsthemen offen.

Wolter kam während der Corona-Pandemie dorthin. "Schon während ihres BWL-Studiums habe ich mich für das Ehrenamt interessiert", erzählt sie. Doch erst als sie in Berlin lebte und im Homeoffice arbeitete, fand sie die Zeit für die mehr als einjährige Ausbildung. Auch persönliche Erfahrungen motivierten sie: In ihrer Familie hatte sie einen Suizid erlebt. Die damit verbundene Sprachlosigkeit habe ihr gezeigt, wie wichtig es sei, offen über seelische Krisen sprechen zu können.

Ein Raum, um Sorgen auszusprechen

Bei ihren Schichten versucht Wolter vor allem, Ruhe und Offenheit auszustrahlen. "Das dürfen auch mal Gesprächspausen sein. Ich muss nicht sofort eine Lösung sagen." Menschen mit Suizidgedanken schämten sich häufig und hätten Angst vor den Reaktionen ihres Umfelds. Schon die Möglichkeit, ihre Gedanken ohne Verurteilung auszusprechen, könne ihnen Erleichterung verschaffen.

Ähnlich sieht es Birgit Knatz, die seit 30 Jahren bei der Telefonseelsorge arbeitet und die Stelle in Hagen-Mark leitet. Sie spricht von "absichtslosem Zuhören": "Anders als in einer Therapie geht es nicht darum, Diagnosen zu stellen oder Menschen zu heilen."

Vielmehr solle ein Raum entstehen, in dem Ratsuchende ihre Sorgen aussprechen können. Ein Gespräch könne für jemanden, der sich von der Welt abgeschnitten fühle, wieder eine Verbindung zu anderen Menschen herstellen. Knatz spricht von menschlicher Resonanz, die in solchen Gesprächen entstehen könne.

Manche Themen sind geblieben

Die Sorgen der Anrufenden haben sich in sieben Jahrzehnten teilweise verändert. Einsamkeit, Beziehungskonflikte und Suizidgedanken seien geblieben, sagt Knatz. Früher sei das Thema Coming-out häufiger präsent gewesen: "Eltern riefen an und erzählten, dass sie einen schwulen Sohn oder eine lesbische Tochter hatten." Heute spiele das Thema bei der Telefonseelsorge eine geringere Rolle. Das liege zum einen daran, dass es inzwischen spezielle Beratungsangebote gebe, zum anderen habe sich der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität verändert.

Verändert haben sich auch die Kommunikationswege. Neben dem klassischen Telefon bietet die Telefonseelsorge inzwischen Mail- und Chatberatung an. Während ältere Menschen häufiger anriefen, bevorzugten jüngere oft den schriftlichen Kontakt.

Auch Künstliche Intelligenz (KI) könnte künftig eine Rolle spielen. Knatz sieht Einsatzmöglichkeiten bei der Ausbildung Ehrenamtlicher, der Reflexion schwieriger Gespräche und der Beantwortung einfacher Fragen. Die eigentliche Seelsorge müsse jedoch beim Menschen bleiben. KI könne zwar eine technische Bindung erzeugen, aber keine menschliche Resonanz.

Eine anonyme statistische Auswertung der Gespräche der Telefonseelsorge Berlin aus dem Jahr 2024 ergibt ein breites Bild an Themen. Das häufigste ist Einsamkeit, die 22 Prozent der Gespräche ausmacht; gefolgt von körperlichem Befinden (18 Prozent) und familiären Beziehungen (14 Prozent).

"Das hat mir viel zurückgegeben"

Für Wolter ist das Ehrenamt auch eine persönliche Bereicherung. Hauptberuflich arbeitet sie in der Unternehmensberatung, wo Schnelligkeit, Lösungen und Ergebnisse zählen. Bei der Telefonseelsorge müsse sie dagegen lernen, langsamer zu werden und nicht sofort nach Antworten zu suchen. Die Gespräche mit Menschen aus unterschiedlichsten Lebensverhältnissen erweiterten ihren Blick auf die Gesellschaft, sagt sie.

Zum Jubiläum wünscht sich Knatz vor allem eine bessere finanzielle Ausstattung. Die Einrichtungen müssten immer wieder darum kämpfen, ihre Arbeit, Fahrtkosten für Ehrenamtliche und fachliche Begleitung zu finanzieren. Ihr Wunsch sei deshalb schlicht: ausreichend Geld, um die Arbeit gut machen zu können.

Für Wolter ist die Telefonseelsorge indes längst mehr als ein Ehrenamt. "Das hat mir viel zurückgegeben", sagt sie. Sie habe viel über andere Menschen gelernt - und über sich selbst.