Ein Vorsorgeordner soll Wegweiser und Ermutigung sein, sich auf den Weg zu machen, sich mit den existenziellen Themen des Alterns, Sterbens und der eigenen Hilfebedürftigkeit auseinanderzusetzen. In St. Josef Treptow-Köpenick stießen die begleitenden Themenabende auf großes Interesse.
Jürgen Peetz aus Adlershof ist 73 Jahre alt. Vor zwei Jahren ist seine Frau gestorben. „Das ging am Ende viel schneller als erwartet“, sagt er. An Vorsorge, was nach dem Tod sein soll, hatten er und seine Frau zwar schon mal gedacht. Aber dann blieb keine Zeit mehr, alles schon im Voraus zu regeln. Und so kamen auf einen Schlag viele Fragen, die schnell – und für ihn unvorbereitet – geklärt werden mussten: von Behördengängen, Rentenfragen bis zu jeder Menge Bürokratie. Da er selbst nur wenig Verwandtschaft hat, will er für den eigenen Todesfall besser vorbereitet sein; zu Lebzeiten vieles festlegen, was ihm wichtig ist. „Wer soll es denn sonst regeln?“, fragt er. Das Angebot der Sozialen Arbeit in der Pfarrei St. Josef in Treptow-Köpenick kam ihm da gerade recht.
Sozialarbeiterin Monika Beil hat dort zusammen mit Kooperationspartnern aus der Pfarrei, mit kirchlichen Hilfswerken wie den Maltesern und mit Ansprechpersonen aus dem Erzbischöflichen Ordinariat eine Informationsreihe entwickelt, die solche Fragen am Lebensende behandelt. „Alles im Blick“ heißt ein Vorsorgeordner, der so entstanden ist. Darin sind Formulare und Gedankenstützen zu finden mit ganz praktischen Fragen: Wer muss wann informiert werden? Welche medizinische Versorgung will ich am Lebensende? Wer kümmert sich um meine Haustiere? Wo liegen die Versicherungsunterlagen? Wo sind die Passwörter für den Computer? Welche Zeitungsabonnements habe ich? Und so weiter.
„Vorsorgeplaner gibt es viele, aber wir wollen hier ein Angebot machen, das darüber hinaus – auch aus dem christlichen Glauben heraus – Menschen verbindet und ins Gespräch bringt“, sagt Beil. Der Bedarf ist da, weiß sie aus ihrer täglichen Arbeit. Deshalb hat sie sich in der Kirchengemeinde und darüber hinaus mit weiteren Akteuren vernetzt und das Angebot entwickelt: Entstanden ist der Vorsorgeordner, der eine Übersicht bietet, aber vor allem individuell gefüllt werden soll.
Sechs Informationsabende beschäftigen sich jeweils mit einem Schwerpunktthema: Es geht um Vorsorgedokumente wie Patientenverfügung und Vollmachten; es geht aber auch um Fragen der Bestattung, wie ein Testament gestaltet werden kann und welche Angebote Hospize am Lebensende bieten. Expertinnen und Experten aus den Fachbereichen kommen an je einem Abend dazu, informieren und stehen für Fragen bereit.
Kerstin Kurzke ist Leiterin der Hospiz- und Trauerarbeit der Malteser in Berlin. Sie kennt die vielen Fragen, die sich stellen, aus der eigenen Praxis. „Mit Tod und Sterben beschäftigt sich niemand gern“, sagt sie. Deshalb bleibt vieles zu Lebzeiten ungeregelt. „Aber wenn man sich mit einzelnen Punkten auseinandersetzt, die ohnehin irgendwann auf einen zukommen, dann wird es viel leichter“, weiß sie. Mit dem gemeinsamen Angebot des Vorsorgeordners will sie das Thema aus der Tabuzone holen und konkrete Hilfe anbieten.
Ein Thema, das verbindet
Nicht nur der Bedarf, auch das Interesse ist da. Bei dem Pilotprojekt in St. Josef sind jeweils mehr als 60 Personen zu den Abenden gekommen. Mit den Fragen, die da besprochen wurden, und auch mit denen, die im Laufe der Abende neu dazukamen, soll das Projekt weitergeführt werden. Pfarreien im Erzbistum sind eingeladen, ähnliche Angebote zu den Vorsorgeordnern zu machen, die von der Öffentlichkeitsarbeit und der Fundraisingentwicklung im Erzbischöflichen Ordinariat kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Mit einem Vorwort kann jede Pfarrei den Ordner für ihre Verhältnisse anpassen – und am Ende wird jeder Ordner durch die individuellen Eintragungen und Notizen für jeden Teilnehmer und jede Teilnehmerin zu einem ganz persönlichen Nachschlagewerk.
„Es geht mit diesem Ordner um mehr als nur die pragmatischen Fragen und Vorsorgeregelungen“, erklärt Uta Bolze, Referentin für Fundraisingentwicklung im Erzbischöflichen Ordinariat. „Es geht auch um Beziehung.“ Denn mit den Informationsveranstaltungen, die offen sind für alle Interessierten, finden Menschen aus dem Kiez zueinander, die bisher vielleicht noch nicht so viel miteinander zu tun hatten. „Wenn man sich an den Abenden jeweils wiedersieht, gemeinsam Fragen bespricht und so auch über ganz grundsätzliche Themen des Lebens ins Gespräch kommt, verbindet das“, sagt Bolze. Sie habe zudem die Erfahrung gemacht, dass Menschen sich auch zum Thema „Vererben“ viele Gedanken machen. „Was soll von mir bleiben?“ oder „Was will ich mit meinem Vermögen nach meinem Tod noch Gutes bewirken?“, das seien Fragen, mit denen sich Menschen gerade auch an sie im Bereich Fundraising wenden. „Das ist aber nur eine Perspektive“, sagt Bolze. „Wichtig ist uns vor allem, dass Menschen mit ihren Fragen die richtigen Ansprechpartnerinnen und -partner finden.“ Und da ist auch Monika Beil als Sozialarbeiterin in St. Josef fest von überzeugt: „Kirche hat Kompetenzen!“ Diese gelte es zu vernetzen und so für die Suchenden das passende Angebot zu vermitteln, nicht zuletzt bei den Fragen am Lebensende, wenn bei aller Trauer so vieles zu regeln ist.
Übrigens hat Jürgen Peetz, der Witwer aus Adlershof, eines schon entschieden und in seinem persönlichen Vorsorgeordner hinterlegt: Seine Frau ist in einem Friedwald in Schwerin bestattet worden. Dort, wo die beiden gerne gemeinsam Urlaub gemacht haben. „Und ich habe mir den Grabplatz neben meiner Frau schon reserviert – auf 99 Jahre“, sagt Peetz. „Wann ich dann letztlich dazukomme, müssen wir abwarten, aber das ist sicher: dass wir dann wieder beisammen sind.“