Ein katholisches Dach für eine syrisch-orthodoxe Gemeinde

In der früheren katholischen Kirche St. Ludgerus in der Potsdamer Straße in Berlin-Schöneberg feiert heute die syrisch-orthodoxe Gemeinde Gottesdienst. Foto: Diakon Amill Gorgis

Die syrisch-orthodoxe St.-Jacob-Gemeinde feiert ihre Gottesdienste in einer ehemaligen katholischen Kirche in Berlin-Schöneberg.

Wer das Vaterunser in der Sprache Jesu hören will, hat in jeder der vier syrisch-orthodoxen Gemeinden in Berlin eine Chance. Die älteste von ihnen, die St.-Jacob-Gemeinde, ist seit 1984 in der vormals römisch-katholischen St.-Ludgerus-Gemeinde in der Potsdamer Straße 94 in Berlin-Schöneberg zu Hause. Sie startete 1971 mit ihren Gottesdiensten ein- bis zweimal pro Jahr in der katho­lischen St.-Michael-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg. Damals gab es für alle syrisch-orthodoxen Christen in ganz Deutschland nur einen einzigen Pfarrer. Und so wurde eines der ­syrisch-orthodoxen Kinder katholisch getauft.

Im Laufe der Jahre bekam die Berliner Gemeinde, die aus vertriebenen Familien aus dem Südosten der Türkei bestand, einen eigenen Priester. Die Gemeinde hatte sich inzwischen ­juristisch als Verein konstituiert. Sie suchte nach einem eigenen ­Gotteshaus für ihre regelmäßigen Gottesdienste. Nach einer zweimal für jeweils zehn ­Jahre verabredeten Nutzung ­konnte sie 2005 die römisch-katholische Kirche St. Ludgerus für 60 Jahre erbbaurechtlich pachten. In der Kapelle der Kirche traf sich noch viele Jahre eine kleine ­katholische Gemeindegruppe zu Andachten.

Von St. Ludgerus zu St. Jacob: Wie die Kirche umgestaltet wurde
Die neue Gemeinde versicherte das sakrale Mobiliar der katholischen Kirche gegen Schäden. Die Kreuzwegplastiken und die Verehrung Marias mit ­einem Kerzen­becken vor einer katholischen Marienskulptur blieben erhalten. Die orthodoxe liturgisch wichtige Trennung zwischen dem Kirchenschiff als Ort der Gläubigen und dem Altarraum geschah durch einen großen Ikonenvorhang mit biblischen Geschichten. Ein Ikonenvorhang statt einer festen Holzikone entspricht der syrisch-orthodoxen Tradition aufgrund der vielen Verfolgungssituationen. Auf der Flucht konnte ein großer Vorhang leichter mitgenommen werden als eine Holzikonostase.

Ein älterer Mann mit Brille und weißem Bart vor einer bunten Ikonenmalerei mit mehreren Heiligenfiguren.
Diakon Amill Gorgis übersetzt aramäisch-liturgische Texte ins Deutsche
privat
Nach einer Sanierung der Kirche konnte vor zwei Jahren auch der Wunsch nach dem „Allerheiligstem“, einem Altar mit einem Kuppelbaldachin über vier Säulen mit Reben- und Ährenmotiven im Altarraum, realisiert werden. Vor dem Ikonenvorhang stehen drei ­Tische, um die sich Frauen- und Männerchöre im Gottesdienst sammeln. Sie antworten aufeinander mit liturgischen Gesängen der Heiligen St. Ephraim und St. Jacob und vergegenwärtigen so die bib­lische Heilsgeschichte.

Der langjährige Ökumenebeauftragte und Diakon der syrisch-orthodoxen Kirche in Berlin, Amill Gorgis, hat diese liturgischen Stücke aus der aramäischen Sprache in aufwendiger Arbeit ins Deutsche übersetzt. So können sie von den nachfolgenden Generationen, die hier aufgewachsen sind, verstanden werden. Das gilt auch für die vielen Geflüchteten aus arabischsprachigen Gebieten sowie die ökumenischen Geschwister. Mit der Übersetzung anderer Texte wie jüngst Texten von Bar Hebraeus, der im 13. Jahrhundert in einer gewalt­vollen politischen Situation zur Verständigung aufrief, baut Amill Gorgis Brücken zwischen christ­lichen Zeugnissen aus unterschied­lichen Welten.

Ihr auf Versöhnung und Verständigung ausgerichteter Glauben in umkämpften Minderheitssituationen hilft in der Gegenwart, evangeliumsgemäße Wege zu ­gehen. Amill Gorgis ermutigt die Mitglieder seiner Gemeinde, nicht mehr als kleine verfolgte Minderheit einen „stummen Glauben“ nach außen abgeschottet zu leben. Er regt sie an, ihren Glauben als verantwortliche Mitarbeit in die Gesellschaft hier einzubringen.

Syrisch-orthodoxe Gemeinde setzt sich für Verständigung im Nahen Osten ein
Dazu gehört für die syrisch-orthodoxen Gemeinden in Berlin die Beteiligung an ökumenischen und interreligiösen Veranstaltungen. Eine jährliche ­Gedenkveranstaltung vor dem ­Ökumenischen Mahnmal auf dem Luisenkirchhof in Charlottenburg erinnert an die Ideologie, die zu ­Genoziden an Minderheiten im ­Osmanischen Reich führte.

Die syrisch-orthodoxen Gemeinden setzen sich für Brücken der Verständigung und ein respekt­volles Zusammenleben im Nahen Osten und an den vielen Orten weltweit ein, an denen inzwischen ­syrisch-orthodoxe Christen leben.