Was auf dem katholischen St. Hedwig-/St. Pius-Friedhof in Hohenschönhausen als Ort der Begegnung, des Austauschs und der Seelsorge für Menschen, die um ihre Liebsten trauern, als Projekt begann, ist mittlerweile eine feste Institution und hat sich inzwischen auch an anderen Standorten etabliert: das Friedhofsplauschen.
„Eine Seniorin aus unserer Pfarrei hat mir vom ‚Friedhofsplauschen‘ auf dem katholischen Friedhof Sankt Hedwig/Sankt Pius berichtet und dass das eine gute Sache ist“, erzählt Monika Beil. Die Sozialarbeiterin der Pfarrei St. Josef Treptow-Köpenick schaute sich das „Plauschen“ an, war begeistert und „gespannt, ob es auch auf einem städtischen Friedhof möglich ist“. Der Waldfriedhof Oberschöneweide auf dem Pfarreigebiet ist ein stiller Ort inmitten der Wuhlheide. „Er ist überschaubar, fast familiär, denn die meisten, die auf dem Friedhof spazieren gehen, kennen sich.“ Gefühlt sei der Friedhof „halb katholisch“, sagt sie und lacht: „Die halbe St. Antonius-Gemeinde liegt dort.“
Im ersten Jahr fand das „Friedhofsplauschen“ draußen statt. Die Sozialarbeiterin war mit Kaffee, Tee und Keksen im Lastenfahrrad unterwegs. In diesem Winter werde es voraussichtlich in der Aussegnungshalle stattfinden. Die Zusammenarbeit mit der Friedhofsverwaltung sowie dem Stadtbezirk beschreibt Monika Beil als unkompliziert und wohlwollend.
In den inzwischen anderthalb Jahren hat sich eine feste Gruppe gebildet, die sich einmal wöchentlich trifft. „Fünf Frauen und ein Mann kommen regelmäßig, andere sind für einige Wochen dabei, manchmal sind wir auch zwölf.“ Inzwischen vernetzten sich die Teilnehmer der „Kerngruppe“, tauschten Telefonnummern aus, stärkten sich untereinander im Alltag sowie beim Umgang mit Trauer und Verlust.
Wie alles begann
„Sie möchten mit Ihrer Trauer nicht allein bleiben, Menschen kennenlernen, Ihr Herz ausschütten oder anderen bei einer Tasse Kaffee zuhören?“, steht auf dem Flyer, der zum „Friedhofsplauschen“ auf dem St. Hedwig-/St. Pius-Friedhof in Alt-Hohenschönhausen einlädt. Immer mittwochs zwischen 14 und 17 Uhr gibt es dort das Angebot, „Bekanntschaften zu knüpfen, sich auszutauschen über die Erfahrung, allein am Frühstückstisch zu sitzen oder sich plötzlich allein um alles kümmern zu müssen“, erläutert Niklas Zegelin. Der Sozialarbeiter der Pfarrei Heilige Theresa von Avila Berlin-Nordost begleitet inzwischen Projekt „Friedhofsplauschen“.
Angefangen hat alles 2020, als wegen der Corona-Pandemie die Begegnungsmöglichkeiten drastisch eingeschränkt waren. Um niemanden in der Trauer allein zu lassen, fuhr die damalige Sozialarbeiterin Juliana Wiencek mit Kaffeekanne und -bechern auf dem Lastenfahrrad über den Friedhof und bot Trauernden einen Kaffee und ein Gespräch an.
Ihre Idee mauserte sich zu einer Institution, zum „Friedhofsplauschen“, berichtet Niklas Zegelin. „Je nach Wetter treffen wir uns draußen oder in der Trauerhalle, „wobei wir dann die Tür einen Spalt offen lassen, um zu signalisieren: Wir sind keine ‚geschlossene Gesellschaft‘, jede und jeder ist willkommen.“ Als Hauptamtlicher ist er mittwochs fast immer dabei. Ihm stehen aktuell vier bis fünf Ehrenamtliche zur
Seite: „Zum einen sind es Mitglieder unserer Pfarrei, zum anderen Besucherinnen, die selbst Trost und Hilfe beim ‚Friedhofsplauschen‘ gefunden haben und nun ihre Erfahrung, dass Reden gut tut, weitergeben.“ Wobei es dabei nicht nur um Trauer gehe, „da wird über Gott und die Welt geredet, werden Backrezepte ausgetauscht und auch viel gelacht“. Ist jedoch jemand dabei, für den diese Café-Atmosphäre gerade wenig hilfreich ist, „lädt einer der Ehrenamtlichen denjenigen ein, zu zweit einen Spaziergang über den Friedhof zu machen oder sich abseits von der Gruppe zusammenzusetzen, um ungestört zu sein“.
In diesem Zusammenhang verweist der Sozialarbeiter auf die Trauergespräche, vertrauliche Einzelgespräche, um über den Verstorbenen, über Erinnerungen und ganz persönliche Gefühle zu sprechen. Um „das Herz zu lüften“.
Einfach zuhören und Zeit schenken
Bei den Gesprächen mit Trauernden gehe es oft um Einsamkeit, ist die Erfahrung von Monika Beil. Wer zum „Friedhofsplauschen“ kommt, sitzt für zwei Stunden nicht allein zu Hause, hat einen Grund, die eigenen vier Wände zu verlassen und loszugehen, sowie ein Ziel. Man kann reden oder schweigen und einen Kaffee trinken.
„Apropos Kaffee: Manchmal fragen Friedhofsbesucher, die zufällig bei uns vorbeikommen, ob sie auch einen Kaffee bekommen könnten und was der kostet. Wenn ich dann sage, ‚den Kaffee kriegen Sie umsonst, und Sie können auch mit mir reden, wenn Sie möchten‘, löst das Erstaunen aus: ‚Umsonst? Sowas gibt’s noch? Warum machen Sie das, woher kommen Sie denn?‘“
Monika Beil ist Sozialarbeiterin und Gemeindereferentin, sie verbindet Soziales mit Seelsorglichem: „Ich bin da und schenke den Menschen Zeit. Ich darf ganz ‚offiziell‘ Zeit haben für Menschen in einer der schwersten Situationen.“ Sie könne Trauergespräche führen, doch oft müsse sie gar nicht viel sagen: „Die Menschen wollen loswerden, was sie bedrückt, wie es ihnen geht. Und ich höre ihnen zu.“